Ein existenzielles Experiment oder: Eine Handreichung für Sterbende.
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CW: Suizid, Tod, Trauer
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„Weil da bist du nicht normal, wenn du dauernd nur ans Sterben denkst“
Wenn sie Bücher über die Themen Sterben, Tod und Trauer besprechen, betonen viele Rezensent*innen, dass sie dennoch leichtfüßig, lebensfroh, gar nicht traurig seien. Als mutig oder unerschrocken werden die Autor*innen angepriesen. Die Pressestimmen zeigen sich entsprechend stets überrascht, wenn es einem Werk gelingt, existenzielle Themen in wenig betrübliche Worte zu kleiden, in eine Form zu gießen, die nicht an Trauerflor und Tränenströme gemahnt. Bisweilen schließt sich die Versicherung an, dass die Inhalte trotz dieses Fokus nicht makaber oder morbide seien.
Ist Katharina Feist-Mehrhaut mutiger als ihre Leser*innen? Die 1990 geborene Autorin des autofiktionalen Romans sterben üben ist in jungen Jahren in der ‚Schule des Lebens‘, wenn man so will, schon recht weit im Stoff fortgeschritten. Das Altwerden und Sterben möchte sie verstehen lernen, sucht Antworten in der Literatur, vor allem aber bei ihrer noch lebenden Großma: Jeden Tag um drei Uhr nachmittags ein Telefonat, außerdem regelmäßige Besuche und der morgendliche Check, ob ihre Oma auf WhatsApp online war. Sieben Jahre lang ging sie bei ihr in die Lehre, so lange schrieb sie an ihrem Debütroman, der zugleich Sinnsuche, Familiengeschichte und Selbsterkundung ist.
„Ich versichere mich, dass sie noch lebt. In den letzten Tagen war das meine Hauptbeschäftigung“
Dass ein geliebter Mensch auf einmal nicht mehr da sein kann, ist der Autorin bewusst und so protokolliert sie gemeinsame Momente akribisch, um sie ihrer Flüchtigkeit zu entziehen. In Gesprächen ist sie ihrer Großma aufmerksam, beinahe neurotisch zugewandt, da jede Begegnung mit ihr die letzte sein könnte. Prophylaktisch sondiert sie künftige Erinnerungen, um den Menschen so zu fassen zu kriegen, den ihr das Dasein früher oder später entziehen wird.
Der vergleichsweise dünne Band gliedert sich in vier Teile. Im ersten Abschnitt „Sammeln“ ist die Autorin fleißige Schülerin, die alles aufnotiert, die kursiv gesetzten Aussagen ihrer Großmutter schallen quasi durch den Telefonhörer und die in recto gesetzten Beobachtungen der Autorin kommentieren jede Regung, ordnen ihre Verhaltensweisen ein. In beinahe ethnografischer Dichte reihen sich Beschreibungen kleiner, vermeintlich unerheblicher Szenen aneinander, die doch in Summe das Leben ausmachen. Was zu Beginn wirkt wie das Protokoll einer Enkelin-Großmutter-Beziehung wird im zweiten Teil „Üben“ kontextualisiert.
„Ich frage mich, was ich hören will. Lese ich das Sterben in ihre Sätze?“
Hier folgen längere Reflexionen, die von den unmittelbaren Niederschriften abstrahieren und das Projekt als Aushandlung zwischen die Beteiligten stellt. „Philosophieren heißt sterben lernen“, so Michel Montaigne, doch ‚Sterben üben‘, was ist das anderes als Leben?
Der Tod ist antizipatorisch mitgedacht, er schwingt in jeder Seite mit. Dabei führt ihr gerade ihre von Schmerzen geplagte Großma immer wieder vor Augen, dass sie noch lebt, dass das Sterben als Prozess Überschneidung mit dem Leben hat. Die Oma ist ein ‚Versuchskaninchen‘, das in die Versuchsanordnung eingeweiht ist.
Folgerichtig hat die Autorin auch mit ihrer Großma abgestimmt, wie es mit dem Schreibprojekt weitergehen soll, aus der Konservierung der unmittelbaren Gegenwart hinein in den dritten Teil, das „Erinnern“. Hier treten neben die Sterbenden auch die Gestorbenen, die andere Großmutter, die einen Doppelsuizidversuch überlebt hat. Nach einer Introspektion in die Familiengeschichte verschlechtert sich Großmas Zustand, ihr Sterben wird akuter: Im vierten Teil „Kümmern“ stehen pragmatische Fragen nach dauerhafter Pflege ins Haus. Die persönlichen Überlegungen verknüpfen sich hier mit gesellschaftlichen Fragestellungen, die Betrachtung weitet sich ins Politische. Während Feist-Merhaut zu Beginn noch an der Eigennützigkeit ihres Projekts zweifelt, wird dessen Gegenseitigkeit, das Aufeinander-angewiesen-Sein der beiden Frauen hier physisch spürbar. Das Geben und Nehmen von Zeit ist ein intergenerationelles Kümmern umeinander. Sterben üben sie gemeinsam.
In diesem thanatologischen Training lässt sich weniger eine Meditation über den Tod sehen, als die Liebesbezeugung einer Literatin an ihre Großmütter, wenn sie versucht, sie durch ihre eigenen Aussagen zu erlesen, sie schreibend zu ergründen. Gleichzeitig verfasst sie dabei eine Liebeserklärung an die Literatur, an Textfragmente, die sich in ihre Gedanken einschreiben. In einer rührenden Szene legt die Autorin Exzerpte ihrer Lektüren auch ihrer Großmutter vor. Bei Gedichten österreichischer Lyriker äußert sie ihre herrlich lakonischen Bemerkungen, fröstelt aber, braucht ihre blaue Fleecejacke. Die emotionale Wucht der wohlgesetzten Sprache tritt hier szenisch hervor.
Das bildhafte Beschreiben verdankt sich womöglich aus der fotografischen Ausbildung der Autorin, gestochen scharf erscheinen einer*m manche der beschriebenen Sujets. Die abgehörten O-Töne sind aus dem Wienerischen geglättet und doch scheinen charmante Vokabeln aus den Wendungen hervor, der Schmäh ist auch in der hochdeutschen Standardsprache lebendig.
„Und dann bietet sie mir erneut alles an, was sie zur Verfügung hat: ‚meine Lebensweise, meine Hilfsweise, meine Spaßmache.‘“
sterben üben ist kein Ratgeber, vielmehr ist es eine Art Lerntagebuch, Praktikumsbericht, Manifest einer Fürsorge – eine sensible ‚Handreichung‘ im Wortsinn. Als eine behutsame Einladung, über das Sterben nachzudenken, als das Entgegenstrecken einer Hand, dies zusammen zu tun. So wie Großma ist auch die Form des Textes unkonventionell, der Fließtext gliedert sich in Listen, gesammelte Sätze, Aphorismen, die eigentlich keine sein wollen.
Das Cover ist mit dem bunt leuchtenden Popartmuster ebenfalls ein bewusst gesetztes Signal, vielleicht eine Reminiszenz an das fließende Seidentuch, das Großma so mochte. Schwarz ist lediglich die Schrift des Titels, ganz klein steht da „Sterben“. Das Üben, in geschwungenen Lettern steht auch typografisch im Vordergrund. Es beinhaltet das Prozessuale des allmählichen Entgleitens aus dem Leben ebenso wie der Versuch des Verstehens der Zugehörigen.
„Wenn ich viel am Text arbeite, vergesse ich sie anzurufen, vergesse, dass sie hier nicht anwesend ist.“
Es ist dies ein Schlüsselsatz, der die kontinuierliche Vergegenwärtigung beschreibt, die die Arbeit am Text, am abgelauschten „Sprachmaterial“ ist. Die fortlaufende Präsenz, die die Enkelin ihrer Großma in dem Moment des Dokumentierens von Alltagsbegegnungen entgegenbringt. Aber auch, wie die Großma aus diesen der Vergänglichkeit entrissenen, satzzeichenlosen Gesprächspassagen wieder ersteht. Für die Lesenden verschmelzen kommunikative Ebenen: die kursiv gedruckten, mündlich abgehörten Sätze der Oma stehen auf einer Stufe mit den Zitaten aus Lesefrüchten. In einer weiteren Reflexionsschleife wird der gemeinsam entstandene Text erneut mit der Co-Autorin Großma abgeglichen, die sich selbst und die Verarbeitung kommentiert. Ich reihe mich ein in diese Textarbeit, klebe als Rezensentin Papperl an Sätze, die mich anziehen, setze mich mit vielerlei unvergänglichen Gedanken und konkreten Bonmots auseinander, die die Autorin verewigt hat.
Wie übt man sterben? Letzten Endes sind wir hier alle Autodidakt*innen, es ist ein ‚learning by doing‘. Wer eine gewitzte Lehrmeisterin an seiner Seite wissen möchte, der ist mit diesem Buch gut beraten. Auch diesen Text könnte man einmal den eigenen Großeltern als Gesprächsanlass vorlegen.
von Jana Paulina Lobe

Katharina Feist-Merhaut
sterben üben
Otto Müller Verlag 2025
140 Seiten
23,00 Euro
ISBN 978-3-7013-1327-3