Theater Hof – Tannöd. Ein Kriminalfall
Theater Hof – Tannöd. Ein Kriminalfall

Theater Hof – Tannöd. Ein Kriminalfall

Kein Licht im Dunkeln

CW: Inzest, Gewalt, sexueller Missbrauch, (Selbst-)Mord

Der Tatort? Ein abgelegener Hof. Die Opfer? Eine eigentümliche Bauernfamilie. Der Mörder? Auf der Flucht. Das ist der Kern des Stücks Tannöd, das auf dem gleichnamigen Roman von Andrea Maria Schenkel beruht. Die Bühnenfassung, die von Maya Fanke und Doris Happl stammt, feierte nun am 20. Februar 2026 unter der Regie von Kay Neumann erstmals im Theater Hof Premiere. Das Besondere ist, dass die Geschichte auf wahren Ereignissen basiert. Und dieser Mörder wurde nie gefasst.

Dem Stück Tannöd liegt ein realer Sechsfach-Mord zugrunde, der sich 1922 auf dem oberbayrischen Einödhof Hinterkaifeck zutrug. Ein Bauernehepaar, ihre erwachsene Tochter sowie deren zwei Kinder und eine neu eingestellte Magd wurden erst einige Tage nach ihrem Tod auf dem abgelegenen Hof erschlagen aufgefunden. Zahlreiche polizeiliche Versäumnisse sowie verwischte Spuren durch undurchdachte nachbarliche Tatortbegehungen führten zu einer brodelnden Gerüchteküche und zu der Unaufgeklärtheit des Falls, der bis heute gleichermaßen erschreckt wie fasziniert. Im Stück wurden, wie auch in der Buchvorlage, die Namen aller Beteiligten geändert, sowie die Tat in die 1950er-Jahre verlegt.

Die zentralen Figuren sind die Mitglieder der Familie Danner, die auf ihrem abgelegenen Bauernhof nahe dem Waldrand leben, von der Dorfgemeinschaft als „habgierig“ und „eigenbrötlerisch“ bezeichnet und, wenn es geht, gemieden werden. Oberhaupt ist „der alte Danner“ (Ralf Hocke), der den Hof mit harter Hand regiert, Gewalt gegenüber seiner Frau (Anja Stange) und den Kindern ausübt und seine Tochter Barbara (Alrun Herbing), seit sie zwölf Jahre alt ist, sexuell missbraucht. Seine Frau verschließt die Augen davor undflüchtet sich in ihren Glauben, denn die Hoffnung auf ein besseres Leben im Jenseits ist das Einzige, was ihr Leben im Diesseits erträglich macht. Barbaras Ehemann Vinzenz verschwand schon vor Jahren in einer „Nacht-und-Nebel-Aktion“, sodass für alle offensichtlich ist, dass ihr jüngster Sohn, der zweijährige Joseph, unehelich ist. Es wird deutlich, dass auch ihre ältere Tochter Marianne (Alexandra Ebert) nicht das leibliche Kind von Vinzenz ist, sondern beide durch den inzestuösen Missbrauch ihres Vaters entstanden. Alle fünf Personen werden zu Mordopfern werden, ebenso die Magd Marie (Carolin Waltsgott), die als unfreiwillige Zeugin ebenfalls den Tod finden muss. Und jede*r in der Umgebung fragt sich: An wessen Händen klebt das Blut all dieser Menschen?

„Wo der Sterzer und der Alois ganz kreidebleich aus dem Stadel gekommen sind, da war ich froh, dass ich nicht mit rein bin.“

Acht verschiedene Schauspieler*innen brillieren in diesem Stück durch ihre Wandelbarkeit, da die zwanzig verschiedenen Rollen unter ihnen aufgeteilt sind und veränderbare Attribute der bewusst bäuerlich-schlicht gehaltenen Kostüme (Monika Frenz) die schnellen Wechsel markieren. Maurice Daniel Ernst beispielsweise spielt zum einen Hansl, den Sohn von Barbaras ehemaligem Geliebten Georg Hauer (Jörn Bregenzer), als auch den Gelegenheitsarbeiter Michael Baumgartner, der plant, die Danners zu bestehlen. Oliver Hildebrandt verkörpert sowohl den Monteur Kurt Huber, der sich wenig freut, einen Motor bei den Danners reparieren zu müssen, als auch den Dorfpfarrer Meißner, der berichtet, wie Barbara ihren Beichtwunsch bei ihm kurz vor ihrem Tod plötzlich zurückzog.

Die Figuren durchbrechen konstant die vierte Wand, da sich die Erzählung durch die Schilderungen der einzelnen Figuren erspinnt, wobei zwischen der Vergangenheit, also vor dem Mord, und der Gegenwart gewechselt wird. So ergibt sich ein Stil, der zwischen einer scheinbaren Befragung durch die Polizei und Interviews für eine Dokumentation schwankt. Durchbrochen werden die erzählenden Passagen durch Monologe des „Er“ (Alrun Herbing), die dem vermeintlichen Täter aus der Ich-Perspektive eine Stimme geben, Gebete und Fürbitten, die im Plenum gesprochen werden, sowie volkstümlichen Chorgesang des Ensembles.

Die optische Inszenierung ist gleichermaßen schlicht wie wirkungsvoll. Ein simples Bühnenbild (Monika Frenz) aus teils geschlagenen, teils neu gewachsenen Birken verkörpert Gefangenheit und Chance zugleich: Eine Einladung, das Vergangene hinter sich zu lassen und Neues zu suchen; gleichzeitig die Gelähmtheit vor dem Ungewissen und ein Labyrinth, in dem man seinen Geistern der Vergangenheit doch nicht entkommen kann. Diese Undurchsichtigkeit wird verstärkt durch Plastikvorhänge, die das Bühnenbild scharf abgrenzen und Personen dahinter nur schemenhaft wahrnehmbar machen.

“Erlöse sie, o Herr …”

Die Beleuchtung (Henry Paul Rehberg) ist ein weiteres, wichtiges Stilmittel, da sie bestimmt, wie erkennbar Dinge für das Publikum werden, wenn die Bühne nur teils, vollständig oder gar nicht erleuchtet wird. Ergänzt beispielsweise durch einen Taschenlampenträger, der im Abgedunkelten hinter dem Vorhang durchleuchtet, werden die normalerweise ‚Zusehenden‘ des Publikums zudem zu den ‚Besehenen‘, zeitgleich aber sprichwörtlich im Dunkeln darüber gelassen, wer der geheime Beobachter aus dem düsteren Schutz des Waldes ist. Prägnant sind auch die Prozessionen der Dorfgemeinschaft durch die Bäume hindurch, mit getragenen, rot leuchtenden Grablichtern als einzigen Lichtquellen, während im Sprechgesang gebetet wird, um zu verdeutlichen, wie zentral der Glaube der Dorfgemeinschaft mitunter der einzige Wegweiser ist. Diese Silhouetten, die immer lauter sprechend aus dem Wald hervortreten, unterstreichen die gespenstische Ungewissheit, wer für diesen Mehrfachmord verantwortlich sein mag.

Die Inszenierung von Tannöd verarbeitet die Geschichte eindrücklich und spannungsvoll, lässt aber darüber hinaus das ungesühnte Leid nicht vergessen, das als Vorlage diente. Eine absolute Empfehlung für Theaterfreund*innen, die sich für Kriminalfälle interessieren und mit schockierenden Details und gespenstischen Atmosphären kein Problem haben.

Weitere Aufführungen finden am 21.02., 11.03., 20.03. und 28.03. um jeweils 19:30 Uhr und am 01.03., 08.03. und 15.03. um jeweils 18 Uhr im Theater Hof statt. Zudem gibt es 45 Minuten vor Stückbeginn eine Einführung in das Werk von Dramaturgin Janina Werner.

von Nike Kutzner

Fotos: Harald Dietz

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