DREAM BIG
—
„The best movie of the year“ – so titelte die New York Post Ende 2025 in ihrer Review zum biografischen Sportdrama Marty Supreme. Zahlreiche Filmpreise und ganze neun Oscarnominierungen (unter anderem als Bester Film) untermauern diese These. Regisseur Josh Safdie scheint einen dieser ‚Filme für die Ewigkeit‘ geschaffen zu haben. Nach langem Warten erscheint Marty Supreme nun endlich auch in den deutschen Kinos; im ODEON Kino Bamberg wird neben der deutschen Synchronisation auch das englische Original mit deutschen Untertiteln gezeigt.
„The chosen one?“
Marty Mauser (Timothée Chalamet) hat einen Traum: Der 23-jährige Amerikaner möchte der beste Tischtennisspieler der Welt werden, und dafür ist er bereit alles zu tun. Der Sport ist dabei nicht nur Hobby, sondern seine Identität, sein Alltag, sein Sinn und sein Ziel. Kurz: sein Leben. In den USA der 1950er-Jahre ist Tischtennis maximal eine Randerscheinung, weit entfernt von der sportlichen Bedeutung in Asien. Daher ist Martys Traum nur auf einem steinigen und selbstzerstörerischen Weg zu erreichen, den er mit einem nahezu fanatischen Selbstglauben kompromisslos beschreitet.
Um sich die kostspieligen Reisen zu den anerkannten Turnieren im Vereinigten Königreich zu finanzieren, arbeitet Marty zunächst in einem Schuhgeschäft als Verkäufer. Dem charismatischen Verkaufstalent steht durch mögliche Beförderung eine sichere Zukunft vor Augen. Doch Stabilität bedeutet für Marty nur Stillstand. Jeder Umweg erscheint wie eine Abkehr vom Weg und Verrat an seinem Traum. Er will nur Ruhm und Anerkennung in Form des Weltmeistertitels im Tischtennis. Schonungslos zeigt der Film, dass ihm dafür wirklich ALLE Mittel recht sind. Durch einen Diebstahl finanziert er sich besagte Reise nach England. Hier etabliert der Film gleich zu Beginn die beiden zentralen Nebenfiguren der Geschichte. Zum einen die verzweifelte Filmdiva Kay Stone (Gwyneth Paltrow), deren erfolgreiche Schauspielkarriere bereits vor Martys Geburt endete. In ihrer Verzweiflung über Bedeutungslosigkeit und emotionale Leere führt sie eine Ehe mit dem wohlhabenden Industriellen Milton Rockwell (Kevin O’Leary). Um von diesem zu profitieren, fängt Marty eine Affäre mit der deutlich älteren Dame an. Kay sucht die Anerkennung, Marty den finanziellen Rückhalt. Quasi eine beidseitig einseitige Zweckbeziehung, die sowohl moralisch als auch emotional fragwürdig ist.
Zum andern trifft Marty in England auf den japanischen Tischtennissuperstar Koto Endo (Koto Kawaguchi). Dieser ist der einzige Sportler, der zwischen ihm und seinem Traum steht. Betonung liegt hier ganz klar auf „Sportler“, denn in Marty Supreme werden weniger die sportlichen Wettkämpfe als vielmehr die logistischen und organisatorischen Herausforderungen, mit denen der mittellose Protagonist umgehen muss, gezeigt. Der selbstbewusste Marty lässt sich von nichts und niemandem von seinem Traum abbringen. Gemeinsam mit seinem besten Freund Wally (Tyler Okonma) inszeniert er in anerkannten Sportkneipen manipulierte Tischtennisspiele, um an Geld zu kommen. Gleichzeitig instrumentalisiert er seine schwangere Kindheitsfreundin Rachel Mizler (Odessa A’zion) für persönliche Vorteile und bringt sie und das Ungeborene immer wieder in lebensgefährliche Situationen. Als Marty schließlich sogar die Mafia betrügt, wird deutlich, wie sehr sich sein Traum von jeder moralischen Grenze gelöst hat. Der letzte Schritt auf dem Weg zur Weltmeisterschaft führt nach Tokio. Kay und ihr Ehemann Milton sollen die Reise finanzieren, allerdings unter einer Bedingung: Marty soll das entscheidende Spiel gegen Endo absichtlich verlieren. Im finalen Akt kulminiert der Film in dem wohl dramatischsten und besten Tischtennismatch der Filmgeschichte, das weniger über Sieg oder Niederlage entscheidet, sondern viel mehr über die Frage, was Marty bereit ist für seinen Traum zu opfern.
„Das ist ein Marty Supreme Ball, kein Marty Normalo Ball.“
Marty Supreme entwirft das Porträt einer Hauptfigur, deren Moral ausschließlich nach innen gerichtet ist. Marty handelt nicht im Sinne gesellschaftlich akzeptierter Gerechtigkeit, sondern folgt einer strikt persönlichen Logik, in der alles erlaubt ist, was seinem Traum dient. Andere Menschen existieren für Marty primär als Mittel zum Zweck, nicht als eigenständige Subjekte mit Bedürfnissen und individuellen Träumen. Der Film selbst bringt diese Dynamik treffend auf den Punkt: „Du narzisstisches Arschloch“.
Zentral ist hier Martys Ambivalenz als Figur. Einerseits stößt seine Skrupellosigkeit ab: Er zieht Freunde, Geliebte und selbst Unbeteiligte in seinen Weg hinein, gefährdet Leben und Existenzen, ohne innezuhalten. Außerdem lügt er permanent: gegenüber seinem Umfeld, gegenüber Autoritäten, letztlich auch gegenüber sich selbst. Wahrheit wird für ihn zu einem flexiblen Werkzeug, das je nach Situation an seinen steinigen Weg angepasst wird. Sein Umgang mit Niederlagen unterstreicht diesen Charakterzug. Er ist ein schlechter Verlierer, weil Verlieren eine existenzielle Bedrohung seines Selbstbildes darstellt. Andererseits liegt gerade in dieser Radikalität eine wirklich absurde Form von Inspiration. Die kompromisslose Hingabe an seinen Traum besitzt eine Energie, die fasziniert und motiviert, weil sie frei von Zweifeln, Ausreden oder Rückzugsoptionen ist. Es gibt nur ein Ziel und einen steinigen Weg, egal welche Opfer es kostet. Die Rezeption zu Martys Charakter als Held, Anti-Held oder sogar Antagonist seines eigenen Films wird in der Popkultur noch lange Gegenstand hitziger Debatten sein.
Der Film verstärkt diesen Gegensatz weiter durch bewusste stilistische Brüche. In einigen Passagen ist die Erzählung verwirrend und fast unrealistisch. Diese Überzeichnung wirkt zunächst irritierend, kann aber entschlüsselt werden: Sie entlarvt die Welt, in der Marty sich bewegt, als grotesken Spiegel seiner inneren Zustände. Realität und Übertreibung verschwimmen, weil Marty selbst keinen Unterschied mehr zwischen legitimen Risiken und lebensbedrohlichen Eskalationen macht.
„Manchmal muss man verlieren, um zu gewinnen.“
Noch ein Blick auf den Star und offensichtlichen Zuschauermagnets des Films: Timothée Chalamet. Bei den SAG Awards 2025 formulierte er seine Ambitionen deutlich: „I’m really in pursuit of greatness“. Ein Satz, der genauso gut von Marty Mauser selbst stammen könnte und eine hohe Fallhöhe setzt. Chalamet setzt sich in Marty Supreme bewusst hohe Erwartungen, die er in seiner Darstellung sogar noch übertreffen kann. Ihm gelingt es, Martys narzisstisches Weltbild glaubwürdig zu vermitteln, während in subtiler Gestik und Mimik immer wieder dessen Wahnsinn und Besessenheit durchscheinen. Ein Charakter, der aufgrund seiner Rastlosigkeit so absurd wirkt, erscheint doch vollkommen real und authentisch.
Die Rolle ist wie maßgeschneidert für Timothée Chalamet. Sowohl Figur als auch Darsteller sind von großen Ambitionen geprägt und von dem Drang, sich zu beweisen. Wenn Aussagen wie „I want to be one of the greats“ im Raum stehen, verschwimmen bewusst die Grenzen zwischen Rolle und Schauspieler. Marty Supreme markiert die bisherige Höhe Chalamets Karriere und die Überwindung des steinigen Wegs zum Erfolg. Also: Gebt ihm den Oscar!
„Alles in meinem Leben bricht zusammen, aber ich krieg’s hin.“
Timothée Chalamet und Josh Safdie skizzieren die Mystifizierung eines Außenseiters mit derselben Kompromisslosigkeit, die auch ihren Protagonisten antreibt. Tischtennis fungiert dabei nur als narrative Rahmenhandlung, vor der das Leben eines radikal Besessenen sichtbar wird. Die lose an das Leben des amerikanischen Tischtennisspielers Marty Reisman angelehnte Geschichte balanciert Ablehnung und Inspiration wie kaum eine andere. Statt zu urteilen, überlässt der Film die Bewertung von Martys extremem Verhalten dem Publikum und inszeniert sich stilistisch als Symbiose der Rocky-Filme, Nightcrawler und The Wolf of Wall Street. Ein spannendes Gefühlschaos, das nur zu empfehlen ist. Und wer dieses Jahr bei den Oscars mitreden möchte, kommt um den Film sowieso nicht herum.
Weitere Vorstellungen finden am 3. und 4. März um jeweils 20.30 Uhr, sowie vom 5. März bis zum 7. März um 20.15 Uhr im Lichtspiel statt. Am 08. Märt wird der Film um 14.00 Uhr gezeigt, danach zeigt ihn das Lichtspiel fast den ganzen Monat lang mindestens einmal pro Tag um 20.30 Uhr.
von Vincent Berwind

Josh Safdie
Marty Supreme
USA 2025
150 Minuten
FSK 12






© Copyright 2026 Tobis Film