Wie Zucker in die Münder
CW: Antisemitismus, Beschreibung und angedeutete Darstellung von Folter, lauter Knall (Geräusch einer Explosion), Rechtsterrorismus, Reproduktion diskriminierender Inhalte, Suizid
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Der Schnee fällt und fällt. So wie damals, im Winter 1980, als ein Doppelmord im fränkischen Erlangen geschah, dessen Spuren sich bis in die heutige Gegenwart verfolgen lassen. Brauner Schnee über Franken wurde von Regisseur Matthias Köhler und Dramaturgin Natalie Baudy auf Basis eines realen Mordfalls kreiert, und feierte diese Spielzeit seine Uraufführung im Markgrafentheater des schauspiels erlangen. Erschreckend nahbar gestaltet sich dieses Werk zwischen Dokumentation und Mahnmal.
Es ist der 19. Dezember 1980 als der Erlanger Rabbi Shlomo Lewin und seine Partnerin Frida Poeschke ermordet in ihrem Zuhause in Erlangen aufgefunden werden. Beide sind bekannt für ihr gesellschaftliches Engagement, ihre Bemühungen um einen jüdisch-christlichen Dialog und ihre klare Positionierung gegen rechts. Für Polizei und Presse ist jedoch schnell klar, dass dieses Gewaltverbrechen keinen rechtsextremistischen Hintergrund hat – ob nicht haben oder nicht dürfen sei dahingestellt. Die Ermittlungen verzögern sich und auch die Zeitungen umschiffen einen politischen und rechtsextremistischen Bezug des Mordes, während sich immer spektakulärer klingende Schlagzeilen auf dünner Basis gegenseitig hochschaukeln. So wird unter anderem von einer möglichen Verbindung Lewins zum israelischen Geheimdienst Mossad berichtet und potenzielle Täter*innen im jüdischen Umfeld des Ehepaars vermutet. Die Polizei geht ebenfalls vielen vermeintlichen Spuren dieser Richtung nach, während eine gefundene Sonnenbrille oder Fußstapfen im Schnee, Größe 36/37, erst spät oder gar nicht mehr in den Fokus rücken. Schließlich wird ein mutmaßlicher Einzeltäter gefunden, dem allerdings kein Prozess mehr gemacht werden kann, und mehr als vierzig Jahre nach dem Verbrechen fragt man sich in Erlangen dennoch: Kann es das wirklich gewesen sein?
„So leise kann das gehen. So wächst der Berg, dessen Spitze wir Einzeltäter nennen.“
Baudy und Köhler greifen mit Brauner Schnee über Franken den Doppelmord an Lewin und Poeschke auf, der 1980 Erlangen ebenso sehr erschütterte wie er in der Öffentlichkeit auch schnell wieder verblasste. Durch die vielschichtige Gestaltung schaffen die beiden dabei den Balanceakt zwischen humorvoller und zugänglicher Unterhaltung sowie bitterem Ernst. Die Schauspieler*innen stellen Szenarien von damals dar, wenden sich allerdings auch informierend, nahezu dokumentativ ans Publikum, um bestimmte Sachverhalte zu veranschaulichen. Bissig-karikierend performen Kai Götting, Hermann Große-Berg, Ralph Jung, Clara Liepsch und Hannah Weiss als Medienvertreter*innen, die um die reißerischsten Schlagzeilen ringen oder geben als Mitglieder der Wehrsportgruppe Hoffmann einen Einblick in den Übungsalltag des Marschierens und Schießens in thüringischen Wäldern, während sie immer wieder betonen, dass sie ja auf gar keinen Fall politisch seien. Aber auch Shlomo Lewin wird zitiert, als Teile seiner Rede wiedergegeben werden, die er 1977 anlässlich der Kundgebung zum sogenannten Auschwitz-Kongress in Nürnberg hielt. Worte, die erschreckend zutreffend auch ins Jahr 2026 passen.
Außerhalb dieser Rollen, die stellenweise direkt auf der Bühne gewechselt werden, wird die vierte Wand durchbrochen. Einerseits, um zu reflektieren, warum auf bestimmte Szenen verzichtet wurde, und andererseits auch um scheinbare Kleinigkeiten auf der Bühne zu besprechen, die einen tieferen Hintergrund offenbaren. Eindrucksvoll ist hier die Erklärung zur Schneeanlage, die es auf der Bühne kontinuierlich schneien lässt, und bei der die Schneeflocken als stellvertretend für Opfer und Straftaten rechtsextremer Gewalt gelesen werden können: „41 000 [rechtsextreme] Straftaten in 2025. Hier: In 40 Sekunden.“
„Und es schneit immer weiter. Es rieselt in die Köpfe. […] Niemand hört es fallen.“
Das Stück lässt nach und nach viele Fäden zusammenlaufen, sodass man, auch ohne sich vorher mit dem Fall beschäftigt zu haben, auf einem Netz aus Hintergrundwissen aufgefangen wird. Es nimmt sich korrekterweise nicht die Freiheit, ‚den*die eine*n Schuldige*n‘ zu präsentieren, zeigt jedoch auf, welchen Spuren nicht oder nicht ausreichend nachgegangen wurde und wie die Morde höchstwahrscheinlich in Verbindung mit anderen rechtsextremistischen Anschlägen stehen, die ebenfalls bis heute Fragen aufwerfen. Besonders gelungen ist auch das zugehörige Programmheft, das neben den Mitwirkenden einen detaillierten Hintergrund der Tat zum Nachlesen, einen Zeitstrahl der Geschehnisse und die Auswirkungen der Tat in Erlangen wiedergibt. Auf der Website des Stücks sind zudem Empfehlungen zu weiterführenden Links mit Zusatzmaterial zu finden.
Eine eindrucksvolle Performance mit schwerer Gewichtung, die man sich, ganz gleich welcher politischer Einstellungen, zu Gemüte führen sollte. Das altersgemäß gut durchmischte Publikum zeigte sich gleichermaßen beeindruckt, als es die Darsteller*innen am Ende mit lautem Applaus und Standing Ovations belohnte.
Weitere Aufführungen finden am 21.03., 22.03., 30.04., 04.05., 14.05., 15.05. und 30.06. um jeweils 19:30 Uhr im Markgrafentheater Erlangen statt.
von Nike Kutzner





Fotos: © Martin Kaufhold