Wenn das Leben es nicht gut mit einem meint
—
Der Einstieg in den Roman ist hart und plötzlich: Die Protagonistin Hana entdeckt in der Zeitung einen Artikel über eine enge Freundin aus ihrer Vergangenheit. Sie steht wegen Freiheitsberaubung und Misshandlung vor Gericht. Doch in ihrer Erinnerung war Kimiko ein guter Mensch. Wie passt das zusammen?
Hana wächst im Japan der späten 1990er Jahre auf, in einer Zeit des technischen und digitalen Fortschritts, der vielen zugutekommt – einigen jedoch gar nicht. Zusammen mit ihrer Mutter wohnt sie in einem kleinen Verschlag und obwohl beide arbeiten gehen, schaffen sie es kaum über die Runden zu kommen. Nachdem Hanas Mutter für einige Wochen verschwindet, taucht die etwas ältere Kimiko, eine Bekannte der Mutter, bei ihnen auf und nimmt die Protagonistin unter ihre Fittiche. Ihr Leben gerät in geordnetere Bahnen und sie schaffen es gemeinsam eine eigene Bar zu eröffnen, in der sie mit zwei weiteren jungen Freundinnen ihren Lebensunterhalt verdienen. Doch dieser Idealzustand bleibt nicht lange bestehen und Hana sieht sich gezwungen, alternative Wege einzuschlagen, um für sich und ihre Freundinnen zu sorgen.
„Egal, dachte ich, ich habe Geld. […] Selbst verdientes, eigenes Geld! Dieser Gedanke besänftigte mich stets ein wenig.“
Hanas Geschichte entfaltet sich in einer Binnenerzählung, in der den Leser*innen die bedrückende Abwärtsspirale dargelegt wird. Dabei ist Geld von Beginn an allgegenwärtig – nicht als abstraktes Konzept, sondern als existenzielle Bedrohung. Hana hat immer wieder Pech mit Geld: Es wird ihr gestohlen, rinnt ihr durch die Finger oder fehlt im entscheidenden Moment. Dieser Mangel prägt ihr Denken so stark, dass sie beginnt, ihr gesamtes Leben danach auszurichten. Durch Feng Shui und den Glauben, dass die Farbe Gelb Geld anzieht, wird beides zu ihrer Obsession: Sie sammelt alles, was gelb ist, streicht ihre Wände gelb – versucht Kontrolle über ihr Schicksal zu gewinnen.
Halt findet sie jedoch kaum. Auch wenn sie und ihre zwei Freundinnen offiziell unter der Obhut der älteren Kimiko stehen, dreht sich dieses Verhältnis faktisch um: Hana und die anderen kümmern sich um Kimiko, ziehen sie mit, tragen Verantwortung, für die sie viel zu jung sind. Zwischen harter Arbeit und illegalen Machenschaften, klafft immer wieder eine gähnende Öde, eine lähmende Langeweile. Diese starken Kontraste machen den Alltag der Figuren eindringlich spürbar.
Kawakami lässt die Geschichte bewusst an Tempo verlieren. Der Roman zieht sich, verliert sich in vielen Nebengeschichten, und die Eingangserzählung vom Anfang gerät fast vollständig aus dem Blick. Das kann beim Lesen frustrieren – erfüllt aber einen Zweck: Gerade durch diese Langsamkeit wird der schleichende Prozess von Hanas Verbitterung und innerer Verhärtung greifbar. Es baut sich ein enormer Druck auf, der jeden Moment droht, alles aufzufressen. Erst in der Auflösung zum Schluss fügt sich vieles zusammen.
„Angesichts des Haufens vor mir kam mir all das in den Sinn, was ich bisher mit dem Begriff ‚Geld‘ verknüpft hatte – Zukunft, Sicherheit, Stärke, Macht, Angst. Alles traf zu. Und gleichzeitig nichts. Ich wusste nicht mehr, was ich da sah.“
Besonders eindrucksvoll ist das vollständige Eintauchen in die japanische Lebenswelt. Nicht alle Wörter werden aus dem Japanischen übersetzt; ein Wortregister am Ende des Buches fordert die Leser*innen zur aktiven Auseinandersetzung auf. Auch Themen wie bezahltes Dating werden nüchtern, fast beiläufig eingebaut und verstärken das Gefühl von Orientierungslosigkeit und moralischen Grauzonen. Die Kontraste zwischen technischem Wandel und wirtschaftlichem Tief, Zugehörigkeit und Ausgrenzung verschwimmen im Leben der Frauen, die eigentlich am Rande der Gesellschaft stehen.
Das Gelbe Haus ist kein leicht zugänglicher Roman. Er fordert Geduld und Aufmerksamkeit. Doch wer sich darauf einlässt, erlebt eine intensive Studie darüber, wie soziale Unsicherheit, Geldnot und emotionale Vernachlässigung einen Menschen langsam deformieren können. Am Ende wird klar: Hanas Verbissenheit und ihre Besessenheit vom Geld sind kein Charakterfehler, sondern das Ergebnis jahrelanger Verluste – und führen sie schließlich an den Rand des Wahnsinns.
von Jule Dumke

Mieko Kawakami
Das gelbe Haus
Aus dem Japanischen von Katja Busson
DuMont 2025
528 Seiten
26,00 Euro
ISBN 978-3-8321-6834-6