Patriarchale Macht: Verantwortungsverweigerung der Männer
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CW: unerfüllter Kinderwunsch, Samenraub
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Yade Yasemin Önder schreibt in ihrem zweiten Roman Anti Müller von der wütenden und verzweifelten Frustration heterosexueller Frauen, die sich einen Partner und Kinder mit diesem wünschen, aber immer wieder an der Verantwortungsverweigerung der Männer zerschellen.
„Ob er diese Fruchtbarkeitsgleichung denn checken würde. Dass sie keine Kapazitäten mehr für unentschiedene Männer habe, die in ihrer zweiten oder dritten Pubertät stecken.“
Die Autorin erzählt mit der namenlosen 35-jährigen Protagonistin ein bitteres Klischee: Die Frau, die über Jahre – in diesem Fall sechs an der Zahl – in einer Beziehung verharrt, weil der Partner sie mit ihrem Kinderwunsch hinhält und behauptet: ,nur noch diese Arbeit, nur noch jedes Projekt, aber dann mein Schatz, dann mach ich dir endlich ein Kind‘, um sie dann letztlich doch zu verlassen, weil er sich, oh Wunder, auch dann nicht festlegen will. Die Frau steht allein, immer noch nicht schwanger und älter da. Also wieder hinein in die urbane Datinghölle. Als sich dann auch die nächste Liebschaft nicht als der Mann, mit dem es endlich klappt, entpuppt – egal wie charmant und vielversprechend er anfangs wirkte –, sondern als Gespenst, das sich ebenfalls schlüpfrig jeglicher Verantwortung entzieht – angefangen bei der Definition der Beziehung und endend beim Kinderwunsch – steht die Frau wieder allein da, ist weiterhin nicht schwanger und nun noch älter. Letzteres wird zunehmend zur Bedrohung für den (leiblichen) Kinderwunsch. Die ernüchternde Realität für Frauen mittleren Alters wird der Protagonistin im Kinderwunschzentrum um die Ohren gehauen, als sie sich desillusioniert entschließt, ihr reproduktives Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Die Hürden glätten sich aber an dieser Stelle nicht, nur weil sie sich nun auf ihre eigene Entschlossenheit verlassen kann. Vorerkrankungen wie die, die für die Erzählerin eine einseitige Ovarektomie zur Folge hatte, die Kosten für die Behandlung sowie Lagerung der Eizellen (lediglich bei verheirateten Paaren und dann auch nur 50 Prozent übernimmt die Krankenkasse), sowie das unter anderem titelgebende Anti-Müller-Hormon als Marker zur Bestimmung der Eizellenreserven liefern ein ernüchterndes Ergebnis der „Fruchtbarkeitsgleichung“. Eine Wahrscheinlichkeitsrechnung ist und bleibt lediglich das, die Berechnung einer Wahrscheinlichkeit, aber kein Garant.
„Sich selbst zu verletzten, ist eine Sache. Sich für einen Mann zu verletzen, eine andere. Sich umsonst zu verletzten, ist unfassbar. […] So weit ist es gekommen, so weit bin ich mit mir selbst gekommen.“
Die Ich-Erzählerin sinniert schmerzlich über die Endlichkeit ihrer Fruchtbarkeit sowie ihrer Attraktivität, die sich zu einem Teufelskreis schließen. Sie sieht sich zunehmend mit jedem weiteren Mann, der auch mit 40 Jahren noch nicht weiß, ob er eine Familie will und wenn ja wann, in eine Zukunft verbannt, die nicht selbstbestimmt ist. Die Wut und die Frustration schlagen in Verzweiflung und Verbissenheit um, die sie sich an die letzte mögliche Autonomie für das Leben, das sie sich wünscht, klammern lassen. Die Autorin scheut sich nicht davor die Erzählerin in ihrem unbedingten Willen, schwanger zu werden, zunehmend besessen und manipulativ werden zu lassen. Was jedoch ausbleibt, ist eine Reflexion der Erzählerin darüber, dass ein Kinderwunsch, lediglich, damit man im Alter nicht allein ist, ethisch nicht zulässig ist. Ebenso darüber, dass die finanziell prekäre Situation einer kulturschaffenden Alleinerziehenden, die eine Fruchtbarkeitsbehandlung kaum stemmen kann, kaum ein stabiles Fundament für ein Kind ist. Allerdings dürfen nicht nur reiche Menschen Kinder bekommen und diese Forderung, dass ein Kind wohlüberlegt sein müsse, wird zwar an Frauen gestellt, aber – strukturell bedingt – nicht in vergleichbarem Ausmaß an Männer. Vielleicht wollte die Autorin mit dieser Leerstelle subtil genau auf diese Doppelmoral hinweisen.
Die Protagonistin schreibt an ihrem Debütroman, nachdem sie sich geschworen hat, dem Theater den Rücken zu kehren, denn das wurde ihr ebenfalls von einem Mann versaut, als er ihre Idee als seine ausgab und dafür die Lorbeeren einheimste. Vor diesem Hintergrund analysiert Önder ebenfalls die Machtstrukturen des Kulturbetriebs. Die Selbstgefälligkeit eines großstädtischen akademischen Milieus, das genauso vom Patriarchat durchsetzt ist, auch wenn sich die Männer selbst als Feministen loben, diese vermeintliche Solidarität jedoch rein performativ bleibt – da helfen auch die lackierten Fingernägel nicht. Stets lässt die Autorin auch thematisch die Dimension der Diskriminierung der migrantischen Erzählerin miteinfließen, sei es beruflich durch das ,Beweisen-Müssen‘ oder durch Fetischisierung in Liebschaften – auch hier lässt sich die identitätspolitische Anlehnung an den Titel erkennen.
„[D]a beginnt wieder das Ziehen, kommen die Krämpfe, der Schweiß, die Schmerzen. Und dann das Blut. Monatliche Zäsur, Alarm meines Scheiterns.“
Önders Anti Müller zeichnet sich vor allem durch den bissigen, dechiffrierenden Blick aus, mit dem die Autorin die Männer ob ihrer Verantwortungsverweigerung und Scheinheiligkeit entlarvt. Sprachlich wird die Frustration der Protagonistin dadurch effektiv mit kurzen, stakkatoartigen Sätzen transportiert. In diesen Passagen spürt man als Leser*in förmlich wie der Ton zu einer wütenden, zwischen den Zähnen hervorgepressten Anklage wird. An anderen Stellen baut Önder eine seitenlange kunstvolle Aneinanderreihung von Substantivierungen, die eine Reflexion über Kindheit und erlernte Beziehungsdynamiken nahebringt. Auszüge aus Datingprofilen sowie Chats sorgen für Amüsement und Witz, jedoch nicht ohne einen bitteren Nachgeschmack, da sie so sinnbildlich Zeugnis der zeitgenössischen desolaten Bereitschaft zur partnerschaftlichen Bindung sind. Diese sprachliche Vielfältigkeit, die literarische Auseinandersetzung mit ungewollter Kinderlosigkeit und das gerissene Anprangern der Verantwortungsverweigerung, die Männer zu Gespenstern werden lässt, machen Yade Yasemin Önders Anti Müller besonders lesenswert.
von Michaela Minder

Yade Yasemin Önder
Anti Müller
park x ullstein 2026
240 Seiten
23,00 Euro
ISBN 978-3-9881606-5-2