Joanna Bator – Bitternis
Joanna Bator – Bitternis

Joanna Bator – Bitternis

Sie besaßen keinen Kampfgeist, waren sie doch selbst schon fast Geister geworden.“

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CW: Missbrauch, häusliche Gewalt, körperliche Gewalt, Vertreibung, Tod

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Heutzutage einen Roman mit 829 Seiten zu veröffentlichen – dafür braucht es gewiss einen Kampfgeist. Es lässt sich weniger auf einen Spuk, denn gute Leser*innenzahlen schließen, wenn nach knapp zwei Jahren vier Auflagen zu verzeichnen sind. Ein Generationenroman im desolaten Sinne, übersetzt von Lisa Palmes. Mit Bitternis taucht man in das heutige Polen und früheren Deutschland ein: Wir befinden uns im Dorf Sokołowsko, einst Görbersdorf im damaligen Niederschlesien.

Die Rede ist von einem Roman, der mit dem Kapitel namens „Ich“ eröffnet wird, der Urenkelin Kalina, die die transgenerationale Geschichte einleitet. Während im Roman Kalinas Mutter Violetta viel und beinahe degradierend-grotesk anhand ihrer äußeren Erscheinungsmerkmale beschrieben wird, wird Kalinas Großmutter Barbara wiederum mehr als leidende, traumatisierte Stieftochter inszeniert. Violettas String gräbt sich „tief zwischen ihre runden Gesäßbacken“, sie entdeckt in ihren Achselhöhlen einen Hautausschlag, mit „unzählige[n] rote Pickelchen mit gelben Köpfen“. Hingegen leidet Barbara, die Kalina gerne Babcia Bunia nennt, zeitlebens als Adoptivtochter an mangelndem Zugehörigkeitsgefühl und Zuneigung, die aus der Perspektive ihrer Enkelin Kalina nie das richtige Lieben erleben durfte.

Die Eröffnung der Familiensaga selbst geschieht durch die älteste der vier Frauen, der Urgroßmutter Kalinas, Berta Koch. Sie wird als „viel zu melancholisch, um den jungen Männern zu gefallen“ inszeniert, eine Figur, die ohne Mutter und mit einem misshandelnden Vater aufwächst. Mit Kalina als Urenkelin der Berta Koch endet der Roman, indem sie ihr eigenes kleines Café in Prag eröffnet und es nach ihrer Großmutter benennt. Im Plot sind männliche Figuren zwar ein fester Bestandteil für die Handlung, aber nicht vordergründig repräsentativ.

Ein Roman, nicht frei von jeglicher Form von Gewalt.

Dass, wie in mehreren Reviews behauptet, Joanna Bator mit ihrem sarkastischen Ton an Elfriede Jelinek erinnert, wohl wahr, wenngleich Jelineks Sarkasmus direkt und subversiv zugleich ist, bei Bator die Groteske mehr im Vordergrund steht. So schreibt die Autorin über die selbstbezogene Violetta, die verzweifelt auf männliche Bestätigung aus und in ihrer Mutterrolle überfordert ist. Man könnte Apathie gegenüber ihren unreflektierten Handlungen empfinden. Jedoch erfährt man von transgenerationaler Weitergabe und so schwankt man als Leser*in zwischen der Vergabe von Sympathiepunkten, zeigt Verständnis und legt es wieder ab, gerät dabei aber nicht aus dem Lesebann. Die Kapitel sind abwechselnd nach den vier Frauen benannt, beginnend und endend mit der „Ich“ -Erzählerin und jüngsten Frau Kalina:

als Erzählerin will ich so unsichtbar wie aufmerksam sein, darf mich aber auch nicht zieren wie ein verlegenes kleines Mädchen, das die Hände vors Gesicht schlägt und so tut, als wäre es nicht da.

Bewältigungen derart – im negativen Sinne – prägender Lebensumstände und Erlebnisse zeigen tiefe Wurzeln, die mosaikartig aufgezeigt werden. Bator weiß hierzu eine schlüssige Geschichte in Form von Porträts zu weben, und das auf über 800 Seiten. Bitternis ist ein literarischer Schatz dahingehend, als bleischwere Thematiken, historisch im einst für Tuberkulose-Erkrankte bekannte Dorf verortet, behandelt werden, jedoch pointiert und an richtiger Stelle der Witz hervorspäht – sich also noch ein Funken Lebensfreude in der desolaten Lebenssituation für die Figuren findet.

“Pfefferminzdrops und Geld hatte sie nicht mehr, und so musste sie nun in all dieser Bitternis mit dem Nachtbus nach Hause fahren, auf den sie fast eine Stunde an der leeren Haltestelle wartete.”

Die polnische Autorin und Publizistin Joanna Bator schreibt neben Romanen Kolumnen und Essays. Anno 2013 erhielt sie für Dunkel, fast Nacht (2012) den NIKE-Preis, den wichtigsten Literaturpreis Polens. Bitternis wurde für den Leipziger Buchpreis 2024 nominiert und stand auf der SWR-Bestenliste. Der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur wurde ihr ebenfalls 2024 verliehen. Ein Roman, der den Topos „weibliche Lebensentwürfe“ facettenreich thematisiert und Denkmuster sowohl bedient als auch hinterfragt.

Der Roman scheut nicht vor bitterer Wahrheit, entsprungen aus der grausamen Quelle weiblicher Realitäten, denn Bator ließ sich von düsteren Geschichten am besagten Ort inspirieren. Eine literarische Reise in diese Dystopie ist empfehlenswert, wenn ein tiefgehendes Leseerlebnis, schwer an Thematik, aber angereichert mit Wortwitz erwünscht ist. Der Kommentar Franz Haas in Neue Züricher Zeitung ist somit völlig legitim: „[Nach 829 Seiten ist] dieser grossartige Roman … leider schon zu Ende.“ Stimmt so!

Wir warten auf weitere literarische Schätze aus Bators Feder, die Taschenbuch-Version von Bitternis erscheint im Juni 2026. Im Februar 2026 publizierte der Suhrkamp Verlag ihren neuen Roman Die Flucht der Bärin.

 von Miriam Mösl

Joanna Bator
Bitternis
Suhrkamp 2023
829 Seiten
34,00 Euro
ISBN 978-3-518-43131-3

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