James Rebanks – Insel am Rand der Welt
James Rebanks – Insel am Rand der Welt

James Rebanks – Insel am Rand der Welt

Das Leben der Entenfrauen

James Rebanks verbringt drei Monate auf einer nahezu unbewohnten Insel vor der Küste Norwegens. Gemeinsam mit älteren Frauen begibt er sich in die raue Natur zwischen Wellen und Wind, um das Handwerk der Entenfrauen zu verstehen. Schon nach wenigen Seiten stellt sich heraus: Hier geht es nicht um die Erfahrungen des Autors, sondern darum, dass Wissen und die Geschichten von Anna und Ingrid, zwei der Entenfrauen, zu bewahren.

„Den letzten Menschen auf der Erde stelle ich mir als Frau vor, die an einer Felsküste steht. Einer solchen Frau bin ich begegnet, einer Frau am Rande der Welt. Einer Frau, die nicht aufgab, obwohl alles, was sie gekannt und verstanden hatte, untergegangen war.“

In sieben Kapiteln, welche in sehr kurze Abschnitte unterteilt sind, beschreibt Rebanks ausführlich und poetisch die norwegische Landschaft. Seine feine Beobachtungsgabe kommt leider erst im hinteren Teil richtig zum Tragen, weil am Anfang eine deutliche Ungeduld zwischen den Zeilen liegt, die den Blick auf die Idylle trübt. Während die zwei Frauen schon viele Jahre auf den Inseln verbracht haben und jede Phase von der Ankunft bis zur Abreise zu würdigen wissen, ja geradezu darin aufgehen, ist Rebanks getrieben von Rastlosigkeit und Leistungsdruck. Diese Kontraste stören einerseits den Lesefluss und zeichnen anderseits authentisch die Unterschiede zwischen den Leben der drei Personen nach. Interessant sind in diesem Kontext die kritischen Selbstbeobachtungen des Autors.  

„Ich fragte, ob die Enten bald kämen, und sie zuckte die Schultern. In Annas Welt geschah alles zu seiner Zeit, und nur Narren stellten zu viele Fragen.“

Insgesamt lässt sich sagen, dass das Buch thematisch sehr viel Potenzial bot, welches leider nicht vollständig genutzt wurde. Statt die Geschichte der Frauen für sich sprechen zu lassen, wurden künstlich Spannungsbögen erzeugt. Auch die Reflexionen über gesellschaftliche Fragen des Lebens bleiben eher unterentwickelt. Anhand der Inseln vor der Küste Norwegens hätten exemplarisch Fragen über historische Entwicklungen und Auswirkungen von politischen Entscheidungen, literarisch bearbeitet werden können. Diese Optionen zeigt der Autor zwar selbst auf, nutzt sie aber kaum.

Trotz aller Kritik leistet Insel am Rand der Welt einen wichtigen Beitrag dazu, dass die Tradition der Entenfrauen von Norwegen nicht vergessen wird.

von Jasmin Fuchs

James Rebanks
Insel am Rand der Welt
Aus dem Englischen von Henning Ahrens
Penguin 2025
304 Seiten
24,00 Euro
ISBN 978-3-328-60419-8

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