Ein Drama auf Schottischer See
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CW: Trauer, Gewalt
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Auf der nordschottischen Insel Muckle Fugga leben nur zwei Menschen in Abgeschiedenheit: Der 19-jährige Ouse und sein Vater, der Leuchtturmwärter. Jeden Tag kümmern sie sich darum, den Leuchtturm in Stand zu halten und so die Schiffe um die Insel zu leiten – ein sehr geordnetes, unaufgeregtes Leben. Der Vater sieht in Ouse bereits seinen Nachfolger, Ouse beschäftigt sich jedoch viel lieber mit der vielfältigen Flora und Fauna der abgelegenen Insel, Büchern oder dem Sticken. Als sie ein Zimmer auf der Insel vermieten, und so der junge Schriftsteller Firth seinen Weg auf die Insel findet, freundet er sich, zum großen Missfallen des Vaters, mit Ouse an. Der Vater sieht Firth als Störfaktor in seinem streng geregelten Leben, und als Firth das künstlerische Talent des jungen Ouse entdeckt und ihn ermutigt, die Insel zu verlassen, spitzt sich die Situation immer weiter zu.
Der letzte Leuchtturm ist der Debütroman von Michael Pederson, übersetzt ins Deutsche von Stephan Kleiner, und wirkt wie ein Drama auf der schottischen See. Neben den drei Protagonisten gibt es mit der Nachbarin und Postbotin Figgie noch eine zentrale Nebenfigur, die Handlung spielt sich jedoch hauptsächlich zwischen Firth, Ouse und dem namenlosen Vater ab. Auf der Handlungsebene passiert eher wenig, dafür viel auf persönlicher Ebene, im Innen der Personen, deren Beziehungen und Beobachtungen. Die romantischen Beschreibungen der schottischen Insel treffen hier auf die Realität von Einsamkeit, Verantwortung und Schmerz.
Wie viel sind wir bereit zu geben, um geliebte Menschen auf den richtigen Weg zu bringen?
Besonders gut beschrieben ist die Ambivalenz der Figuren. Außer Ouse, der ausschließlich einen zarten Charakter und Güte verkörpert, haben alle Charaktere ihre Grautöne und treffen moralisch fragliche Entscheidungen. Selbst vom jähzornigen Vater lernt man immer weitere Facetten kennen und kann sein Handeln mehr und mehr nachvollziehen.
Die außergewöhnliche Sprache ist gleichzeitig Vor- und Nachteil des Romans. Sie zeichnet sich besonders durch eigenwillige Begriffe, bildliche Metaphern und geschachtelte Sätze aus. Die Natur Muckle Fuggas, aber auch die Menschen werden auf eine poetische Art beschrieben, und jeder Dialog ist ein literarisches Meisterwerk. Sogar der starke Dialekt des Vaters passt sehr in das Bild der schottischen Insel, stört allerdings etwas den Leserhythmus. Auch wenn diese außergewöhnliche, exzentrische Sprache zu Beginn des Romans sehr überzeugend ist, verliert sie mit der Zeit ihre sogartige Wirkung und wirkt eher übertrieben: Wenn jede Handlung dramatisch ausformuliert wird, und jedes Detail metaphorisch beschrieben, bremst das die Handlung und rückt die Sprache in den Vordergrund.
Der letzte Leuchtturm ist kein Roman, bei dem eine fesselnde Handlung oder ein hoher Spannungsgrad im Mittelpunkt stehen, aber der es schafft, durch seine bildliche Sprache und die Liebe zum Detail eine starke Atmosphäre und sehr lebendige Charaktere zu erzeugen.
von Johanna Listl

Michael Pedersen
Der letzte Leuchtturm
Aus dem Englischen von Stephan Kleiner
Dumont 2026
352 Seiten
25,00 Euro
ISBN 978-3-7558-1190-9