3, 2, 1 … Astronaut
Mit 156 Minuten Spielzeit ist Der Astronaut – Project Hail Mary deutlich in der Überlänge. Jedoch lohnt sich das Weltraumspektakel besonders deswegen. Basierend auf dem gleichnamigen Bestseller von Autor Andy Weir (Der Marsianer), der ebenfalls am Drehbuch des Films mitgewirkt hat, präsentiert Der Astronaut – Project Hail Mary eine entschieden hoffnungsvolle Version eines Überlebenskampfes, wie man sie in den letzten Jahren nur sehr selten gesehen hat.
Bevor man sich diesen Film anschaut, wird häufig eine Sache empfohlen: Komplett unwissend ins Kino gehen. Keine Trailer schauen, keine Interviews mit Cast und Crew. Blind auf die positiven Meinungen vertrauen und sich überraschen lassen. Für das Buch wird dasselbe empfohlen. Die Geschichte entfaltet eine ganz besondere Magie, wenn man sich ihr ohne Vorwissen aussetzt. Wer allerdings etwas mehr an die Hand haben will, sollte weiterlesen.
Der Film startet abrupt: Man wird in die Handlung reingeworfen und findet zusammen mit Protagonist Ryland Grace (Ryan Gosling) heraus, wie ein einzelner Mann im Weltall in einem fremden Sonnensystem gelandet ist. Seine zwei Kolleg*innen sind tot, Grace kann sich nicht erinnern, warum er im All oder was seine Aufgabe ist. Die manische Suche nach Antworten wird unterflochten mit Erinnerungssequenzen, die über den gesamten Film hinweg die Hintergrundgeschichte zu Ryland Grace aufbauen.
Ryland Grace ist Physiklehrer an einer amerikanischen Middleschool, als ein Infrarotlichtstreifen, der von der Sonne ausgeht, gefunden wird. Der neu benannte Petrova-Strahl birgt eine ganz spezielle Gefahr: Durch ihn verdunkelt sich langsam die Sonne. Dies wird katastrophale Folgen für die Erde haben, wenn sich die Sonneneinstrahlung reduziert. Die Erdtemperatur könnte sich um 10°C bis 15°C absenken, was eine neue Eiszeit bedeuten könnte – in weniger als 30 Jahren. Grace hat einen Doktor in Molekularbiologie und war Verfechter der unpopulären These, dass Leben auch ohne Wasser entstehen kann. Wegen seiner Forschung wird er von Eva Stratt (Sandra Hüller) in die Petrova-Task-Force rekrutiert, weil er die Partikel aus dem Petrova-Strahl erforschen soll. Innerhalb kürzester Zeit befindet sich Grace in Räumen mit den intelligentesten und wichtigsten Menschen der Welt, um die Erde zu retten, angeführt von Stratt. Ryland Grace ist dabei ein Charakter, der einen nerdigen Charme hat, sich aber schnell hinter Mauern versteckt, wenn er sich verletzlich fühlt. Eine Art liebenswerter Idiot, der allein durch Goslings Darstellung massiv an Sympathie gewinnt. Sei es durch seine tollpatschige Art sich durchs All zu bewegen oder seinen Humor, der die Brücke zu den wissenschaftlichen Abhandlungen bildet. Erstaunlich mühelos schafft es der Film komplexe physische Katastrophenszenarien verständlich zu kommunizieren, nicht allein dadurch unterstützt, dass Grace als Lehrer es gewohnt ist Konzepte herunterzubrechen.
Durch die zwei Zeitlinien weiß man bereits, dass die Mission Hail Mary zu einem gewissen Grad Erfolg haben wird – immerhin ist Grace im All. Jedoch ist er nur einer aus einer geplanten Drei-Personen-Mission, ihm fehlen wichtige Fähigkeiten, um die Erde zu retten. Dort wirft ihm das Universum eine Rettungsleine zu: Grace ist nicht allein mit seinem Problem.
1-2-1-Mann-Team
Hier liegt der eigentliche Knackpunkt des Films und warum empfohlen wird ihn ohne Vorwissen zu gucken: Rocky (James Ortiz). Ryland Grace begegnet einer anderen Lebensform, die er der Einfachheit halber Rocky tauft, vom Planet Eridian. Der Eridianer ist ähnlich wie Grace auf der Suche nach einer Lösung für den Petrova-Strahl, da seine Sonne ebenfalls stirbt. Über Kommunikationsschwierigkeiten hinweg beschließen die beiden zusammenzuarbeiten, eine Außerirdische-Zweckgemeinschaft zur Rettung ihrer beiden Planeten. Rocky wird dabei von einem grandiosen Puppenspieler-Team verkörpert, mit Frontmann James Ortiz als Stimme.
Im Prinzip ist der Film ein Kammerspiel: Wenige Figuren existieren in einem begrenzten Raum, der Intimität erzwingt. Bereits nach wenigen Sequenzen fühlt man sich mit Grace im Raumschiff zuhause, zusätzlich unter ehrfürchtigem Druck, weil „draußen“ das Weltall wartet. Die Kulissen im Raumschiff Hail Mary, selbst das All, sind mit besonderer Liebe und atemberaubenden Details gestaltet. Sie bilden zusammen mit Grace und Rocky den kleinen Kreis an Figuren, unterstützt durch die Musik, komponiert von Daniel Pemberton (Spider-Man: Across the Spider-Verse). Es wird immer wieder mit Stille, Licht und beinahe kirchlicher Musik gespielt, um die Einsamkeit und doch Gewaltigkeit des Alls abzubilden. Simple Szenen gewinnen so an einer Mächtigkeit, die die emotionale Komponente des Films mittragen.
Unter der Regie von Phil Lord und Christopher Miller entsteht ein Weltraum-Epos, das in allen Komponenten besticht: Szenenbilder, Figuren, Humor, Musik und Botschaft. Um die Menschheit zu retten, haben sich auf der Erde die Nationen zusammengeschlossen, sodass sie ein Raumschiff in unbekannte Weiten des Alls schicken können. Im All selbst treffen zwei unterschiedliche Lebensformen aufeinander und bauen über alle Barrieren hinweg eine Freundschaft auf, die die Geschichte verändert. In der Abgeschiedenheit des Weltraums entscheiden am Ende nicht die Ressourcen über Leben und Tod, sondern emotionale Bindungen, Ideenreichtum und die Bereitschaft, füreinander einzustehen.
Der Film wird am 08.05.26, sowie am 09.05.26 in deutscher Fassung im Lichtspiel jeweils 17:45 Uhr gezeigt, sowie in der englischen Fassung (OmU) am 10.05.26.
von Friederike Brückmann

Phil Lord, Christopher Miller
Der Astronaut – Project Hail Mary
US 2026
156 Minuten
FSK 12









