Sara Mari Blom – Wo ich (nicht) sein sollte. Meine Schamorte
Sara Mari Blom – Wo ich (nicht) sein sollte. Meine Schamorte

Sara Mari Blom – Wo ich (nicht) sein sollte. Meine Schamorte

„Ich bin ein schlechter Mensch.“

CW: Klassismus

Sara Mari Blom bekam jahrelang gesagt, sie sei zu laut, zu ungestüm, zu impulsiv, zu rauflustig, benutze zu viele Schimpfworte, habe zu wenig Berührungsängste, sage ständig das Falsche, störe die Gruppenruhe und wüsste sich nicht zu benehmen, bis sie irgendwann glaubte: „Ich bin ein schlechter Mensch.“ In ihrem Buch Wo ich (nicht) sein sollte rekonstruiert sie diese Entwicklung und macht die Orte ihrer Scham zugänglich.

„[M]eine Texte zu teilen, war nie eine Option. Zu groß die Scham, andere könnten wissen, was in mir vorgeht.“

Von der ersten Seite an überzeugt Blom mit entwaffnender Ehrlichkeit. Ihr Schreibstil ist voller Klarheit, ihre Kreativität kein Versteck, sondern ein Werkzeug präziser Beobachtungen. Wie durch eine Lupe schaut Blom dorthin, wo andere wegschauen. Ihre eigenen Erfahrungen rahmt sie durch theoretische Überlegungen über den Umgang mit Scham und Beschämung von verschiedenen Vordenker*innen, wie zum Bespiel die studierte Sozialarbeiterin und Autorin Brené Braun. Zu Beginn definiert sie den Begriff „Scham“ und grenzt diesen im hinteren Teil gegenüber „Beschämung“ ab. Dadurch gelingt es ihr auf geeignete Weise Genre-Grenzen zwischen Autobiografie, Fachbuch, politischem Essay und Kunstband zu überschreiten und etwas zutiefst authentisches Neues zu schaffen.

„Auch wenn Scham nicht sehr beliebt ist, stößt ihr Fehlen auf noch größere Ablehnung. Ohne Schamgefühl sind wir nicht gemeinschaftsfähig, sondern vielmehr entblößend, übergriffig oder grenzüberschreitend.“

Die Autorin zeichnet zahlreiche Facetten von Scham nach, indem sie die Leser*innen an verschiedene Orte mitnimmt, an denen sie selbst Scham empfunden hat. Dabei geht es nicht nur um geografische Punkte, sondern Blom dehnt den Begriff „Ort“ auf verschiedenste Bereiche ihres Lebens aus: Existenz, Kapital, Verortung, Haltung, Ausdruck, Begegnung. Auf diese Weise gelingt es ihr, ein ganzheitliches Bild von (ihrer) Scham nachzuzeichnen und die Komplexität von beschämenden Systemen sichtbar zu machen.

„Ich bleibe hier lieber einsam, als meine Herkunft zu verleugnen und ich bleibe dort lieber unverstanden, als zu verstecken, was ich mir über viele Jahre erkämpft habe.“

Lobenswert zu erwähnen ist die stimmige Gesamtgestaltung des Buches, sowohl der Buchsatz, als auch die künstlerischen Elemente zu Beginn jedes Kapitels, welche auf großartige Weise den Inhalt unterstützen. In kurzen Anekdoten und präzisen Beispielen bringt sie ihr eigenes Erleben verständlich auf den Punkt. Ihre Worte gehen unter die Haut und machen zugleich wütend und traurig. Sie erzählen von struktureller Benachteiligung, gesellschaftlichen Lügen und politischen Entscheidungen über Leben und Tod, die Menschen treffen, die von den Konsequenzen gar nicht direkt betreffen.

Wo ich (nicht) sein sollte ist ein äußerst mutiges und lesenswertes Buch, welches für alle Menschen zu empfehlen ist, die dazu beitragen wollen, Beschämung und Klassismus zu verhindern.

von Jasmin Fuchs

Sara Mari Blom
Wo ich (nicht) sein sollte
ruach.jetzt 2025
22,00 Euro
140 Seiten
ISBN 978-3-949617-84-3

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