„[V]or Leben strotzende[ ] Körper, die Vollkommenheit des Julis, Haut und Lächeln verschmolzen.“
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CW: Tod
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Guillaume Nail erzählt in seinem Roman Man badet nicht in der Loire – aus dem Französischen von Paul Sourzac – auf gut 160 Seiten von einem einzigen Tag, dem 31. August, dem letzten Tag eines Feriencamps. Eine Gruppe aus Jugendlichen sowie ihre Betreuenden machen einen finalen Ausflug, der zum Verhängnis wird.
Überschäumende Jugend
Stimmungsvoll beschreibt der Autor die flirrende Sommerhitze und die Unbändigkeit der Jugend. Allen voran Gus, der „unangefochtene König“ der Bande, sowie all die anderen Jungs toben in der Loire, genau in einer „boire“, einem toten Seitenarm des Flusses, umher, wetteifern miteinander, messen ihre Kräfte. „Ihre Devise: sich suhlen, bis der Saft des Lebens hervorschießt. Die Jugend, die dann doch vergeht.“ Nail tariert die hedonistische Jugend mit ihrer Vergänglichkeit aus, wenn in ein paar Jahren, „die restlosen Körper […] schon zu welken beginnen“, indem er in wechselnden Kapiteln auch Einblicke in die Perspektiven der Betreuer*innen Pauline und Benoît gibt, die versuchen, die Gruppe zu zähmen. „Recht haben sie, wenn sie’s auskosten. Hier und jetzt.“
In diesem multiperspektivischen Erzählen erfährt man als Leser*in von all dem Schmerz, der die Figuren umtreibt und zu denen werden lässt, die sie vor den anderen mimen. Gus ist „[g]roßtuerisch[,] [d]urchtrieben“, besitzt „[a]ll die Eigenschaften desjenigen, dem das Leben entgegenlächelt“. Doch wie viel davon bewusst und erzwungen aufgesetzt ist, wird erst klar, wenn er allein ist. Pierre leidet unter seinem Selbstbild, schämt sich für seinen „missverstandene[n] Körper“ und kämpft früher sowie heute mit der Homophobie, die ihm entgegengeschleudert wird. Pauline ist ganz vernarrt in Gus, trägt als Betreuerin eine große Verantwortung, zu Hause wird sie von eben dieser erdrückt und fragt sich, ob sie es jemals hinausschafft aus ihrem Umfeld, von ihrem vorgezeichneten Weg abweichen kann. Auch sie kämpft damit, nicht dazuzugehören und fühlt sich besonders als einzige Frau im Camp außen vor. Alle scheinen das Leben zu leben, nur sie bleibt zurück. Totof wiederum sucht das Abseits, will sich bewusst von der Gruppe abkapseln und meint, die Charaktere zu durchschauen. Unterschiedlichste Lebensrealitäten, die sich darin einen, dass die idealisierte Jugend keinesfalls eine unbeschwerte Zeit ist. Die Emanzipation vom Elternhaus und der Umgebung, in der man aufwächst, die Fragen danach, wer man ist, wer man sein will, und wie man das schafft, trotz der gemachten Erfahrungen, die so charakterbildend sind, ziehen sich durch den Roman. Nail zeichnet damit eine Reflexion, die über die Erzählung hinausreicht.
„Und die Loire folgt ihrem Lauf. Schläfrig und wild zugleich trägt sie Fische und Leichen fort. Sie erreicht das Meer, mit einem Jungen im Arm.“
Dass das Herumtollen der Jugendlichen ein jähes Ende findet und die Vergänglichkeit der Jugend auf dieser zweiten Ebene in aller Tragik verdeutlicht, ist inspiriert von einem Vorfall 1969, bei dem 19 Jugendliche in der Loire ertranken. Der Fluss wird in Man badet nicht in der Loire selbst zur Figur, erzählt seine Perspektive und macht unmissverständlich die Macht der Naturgewalten klar, gegen die der Mensch nur verlieren kann.
Nail bedient sich einer poetischen Sprache, die atmosphärisch das Bild der überbordenden Jugend, die an der Schwelle zum Unheil steht, zeichnet. Der Ton wird mitunter humorvoll, auf eine minimalistische, wohl platzierte Art. Besonders die Schilderung des Traumas, das Pierre durch die Vernachlässigung seiner Eltern sowie das Mobbing in der Schule erlitten hat, zeigen die Sprachkunst, mit der Nail die schmerzhaften Erfahrungen der Jugend erzählt. So wie der angeblich friedliche Nebenarm der Loire zum tosenden Unheilsbringer wird, offenbaren sich in der vermeintlichen Idylle des letzten Feriencamptages die tiefgreifenden sozialen Konflikte – eine Empfehlung für das literarisch überaus gelungene Man badet nicht in der Loire!
von Michaela Minder

Guillaume Nail
Man badet nicht in der Loire
Aus dem Französischen von Paul Sourzac
Karl Rauch 2025
172 Seiten
24,00 Euro
ISBN 978-3-7920-0286-5