Warum streiten wir über Kunst?
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CW: Mord, Pädophilie, Rassismus, Rechtsextremismus, Sexismus, Transfeindlichkeit
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Was darf Kunst und wo endet ihre Freiheit? An dieser Frage arbeitet sich der Literaturwissenschaftler Johannes Franzen in seinem Sachbuch Wut und Wertung ab. Er analysiert, warum Menschen über Kunst streiten, und welche gesellschaftliche Bedeutung dieser Streit hat.
„Es lässt sich nicht bestreiten, dass Produktion und Rezeption von Kunst in so gut wie allen Fällen zutiefst gesellschaftliche Angelegenheiten sind. Streit um Geschmack entsteht ja gerade deshalb, weil die Frage danach, was wir lesen, hören, sehen, auch eine ständige Machtfrage ist.“
Im ersten Kapitel widmet er sich der grundlegenden Frage: „Wie entstehen Konflikte über Kunst?“, bevor er im Folgenden auf das moderne Kunstparadigma eingeht, die Emanzipation des Publikums beleuchtet und den Hass auf und das Lachen über schlechte Kunst thematisiert. Im zweiten Teil des Buches setzt er sich dann mit dem Phänomen der Pflichtrezeption von zum Beispiel Schullektüre auseinander, sowie dem Thema Lyrik. Außerdem schreibt er über verschiedene Skandale und fragt nach dem Verhältnis von Ästhetik und Moral, sowie über die Frage, ob man Künstler*in und Kunstwerk bzw. Autor*in und Werk getrennt voneinander betrachten kann.
Dieser kleine Überblick zeigt: Franzen geht das Thema Wut und Wertung interdisziplinär an und zeichnet den bestehenden Diskurs vielfältig nach. Dabei bemüht er sich stets um die Verwendung griffiger Beispiele und erläutert sie meist ausreichend, um sie auch ohne Vorwissen zu verstehen.
„Was für den einen unpolitische Fiktion darstellt, ist für die andere offensichtliche Propaganda. Das Reinheitsgebot des modernen Kunstparadigmas, das Kunst von ihrer Politisierung schützen will, beruht auf einer Form der politischen Unschuld, die ideologische Verbohrtheit immer nur in der Kunst der anderen zu erkennen vermag.“
Lobend hervorzuheben ist sein wissenschaftlicher Schreibstil, der sich nicht durch unverständliche Fachbegriffe, sondern eine stets deskriptive Haltung auszeichnet, welche dazu anregt, selbst mitzudenken und zu einem eigenen Urteil zu kommen.
Insgesamt handelt es sich um eine komplexe Analyse, die anhand von Kunst und Geschmack gesellschaftliche Fragestellungen beleuchtet. Eine Lektüre, die einiges an Konzentration abverlangt, aber mit reichlich Wissen und Horizonterweiterung belohnt. Wut und Wertung ist für alle zu empfehlen, die gern über Kunst und Kultur streiten.
von Jasmin Fuchs

Johannes Franzen
Wut und Wertung
Fischer 2024
432 Seiten
26,00 Euro
ISBN 978-3-10-397620-5