Was von der Welt bleibt, wenn alles explodiert
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CW: Explosion, Tod
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„Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft.“ Die beiden Schwestern Maja und Merle gehen in den Wald und machen ihrer Wut Luft und ihren Gefühlen Raum. Was mit Cola und Mentos angefangen hat, steigert sich bis zu Aludosen und Festplatten. Hauptsache, es knallt so laut, dass die Welt für einen Moment ruhig erscheint. Auf ihrem Streamingaccount FOAMO teilen die Mädchen ihre Explosionen mit der Welt. Anonymisiert, aber kein Stück leiser. Die Welt soll schließlich ihre Gefühle und ihren Frust in all ihrer Lautstärke hören. Für diesen Frust gibt es genug Gründe: Da wären ihre Mütter, die als Momfluencerinnen das gesamte Leben gegen den Willen ihrer Töchter mit der Öffentlichkeit geteilt haben. Und natürlich die Welt selbst, die all ihrer Lebenswertigkeit eingebüßt hat. Eine dystopische Zukunft, in der der Planet überhitzt, das Essen aus Pulvern besteht, und Likes statt Synapsen für Gefühle sorgen.
„Merle zündet Sachen an. Merle mag es, wenn es knallt. Die ruhigsten Momente in Merles Kopf sind die, in denen sie die Explosionen vorbereitet.“
Era ist fasziniert von den FOAMO-Schwestern. So fasziniert, dass sie zunächst gebannt am Bildschirm hängt und ihnen schließlich durch Zufall auch in Realität begegnet. Anfangs zaghaft, dann zunehmend vertrauensvoll nehmen die Teenagerinnen Era in ihren Kreis auf. Ehe sie sich versieht, wird Era Teil eines ganz besonderen Trios, getrieben von Widerstand und Emotionen, die kaum zu bändigen scheinen. Zwischen den Dreien entsteht eine emotionale Verbindung, die einen starken Gegensatz zur technisierten Welt um sie herum schafft. Die drei fühlen sich sicher, bis unvorhergesehene Ereignisse ihren Kosmos und alles um sie herum ins Wanken bringen.
Wie realistisch darf sich eine Dystopie anfühlen?
Eindrücklich schildert Fiona Sironic das Leben in einer Zukunft, die vermutlich weniger fern liegt, als man es sich wünschen würde. Durch beängstigend realistische Darstellungen erzeugt ihr Roman beim Lesen eine anhaltende Beklemmung. Nicht belehrend, aber dennoch eindringlich zeigt Sironic auf, worauf sich unsere Gesellschaft und unser Planet zubewegen könnten, wenn sich nicht noch etwas ändert.
Gerade diese erschreckende Nähe zur Realität macht die Schwere des Romans aus. Man fühlt mit den Protagonistinnen mit, versteht ihre Wut so sehr, dass die Zerstörung beinahe als nachvollziehbare Reaktion erscheint. Wie ein verzweifelter Versuch, Kontrolle über eine Welt zurückzugewinnen, die völlig aus den Fugen gerät.
Auch stilistisch spiegelt sich die Kälte der erzählten Welt wider: Sironic erzählt nüchtern, klar und stark beschreibend, weitgehend frei von Überemotionalisierung. Gerade diese kontrollierte Zurückhaltung entfaltet jedoch eine besondere Wirkung. Die Emotionen werden nicht ausgestellt, sondern entstehen im Zwischenraum des Textes und werden zwischen den Zeilen transportiert.
Vielleicht ist das Buch also weniger eine rein dystopische Erzählung als vielmehr eine eindringlich nüchterne Warnung, die der Gesellschaft schonungslos den Spiegel vorhält. Ein Versuch, Bewusstsein zu schaffen, solange es noch geht.
Bei Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft handelt es sich zweifelsohne um den lesenswertesten Spiegel, den uns die Gegenwartsliteratur der letzten Monate vorgehalten hat. Wenig überraschend also, dass es das Buch auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2025 geschafft hat.
Eine nachdrückliche Empfehlung für all diejenigen mit Interesse an gesellschaftskritischer Literatur, die bereit sind, sich auf einen Text einzulassen, der sich bewusst im permanenten Spannungsfeld von Irritation und Reflexion bewegt.
von Margherita Ragucci

Fiona Sironic
Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft
Ecco 2025
208 Seiten
23,00 Euro
ISBN 978-3-7530-0106-7