„Worin liegt der Sinn des Lebens, wenn wir nicht wir selbst sein können?“
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CW: Einnahme von Substanzen, emotionale Manipulation, explizit dargestellte Folter, psychische, physische und verbale Gewalt an Kindern, physischer und psychischer Missbrauch, sexuelle Handlungen
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Schläge, Tritte, Beleidigungen – das ist der Alltag für die junge Min als Gehilfin der Apothekerin Madame Clarisse. Und dabei kommt sie noch gut weg, denn in den unterirdischen Zellen des Anwesens foltert Madame regelmäßig von ihr gefangene, magische Kreaturen, um sich an deren Blut, Zähnen oder sonstigen Körperteilen für ihre speziellen Tränke und Tinkturen zu bedienen. Und Min, eingeschüchtert durch Madames Brutalität, hat sich angewöhnt wegzusehen und keine Fragen zu stellen. Bis eines Tages ein geflügelter Gott in einer der Zellen sitzt, der sich befreien kann und Min kurzerhand entführt. Es ist Euros, der personifizierte Westwind, der Mins Kenntnisse im Herstellen heilsamer wie tödlicher Substanzen nutzen möchte, um sich an jenen zu rächen, die ihn einst aus seiner Heimat verbannten. Mit dem Hintergedanken der Verfolgung ihrer eigenen Ziele und mangels Fluchtmöglichkeiten lässt sich Min auf das Vorhaben des Gottes ein und begleitet ihn quer durch das Reich in die Stadt der Götter. Doch während die giftigen Sude ziehen und sie eifrig Pläne schmiedet, wieder in ihre Heimat zurückzukehren, wird sie mit mehr Herausforderungen konfrontiert, als ihr lieb ist – einschließlich der Gegenwart des verschlossenen, hartherzigen Westwinds, der in ihrer Nähe mehr und mehr aufzutauen scheint. Und zum ersten Mal in ihrem Leben scheint auch Mins eigener Wunsch zu zählen – doch wie erkennt man diesen, wenn man nie gelernt hat, ihn zu benennen?
„Du wirst die Narben deiner Vergangenheit immer mit dir herumtragen. Aber du hast die Macht zu entscheiden, ob sie weiter schmerzen oder ob sie heilen dürfen.“
Alexandra Warwicks The East Wind ist der vierte und letzte Teil ihrer Dark Romantasy-Reihe The Four Winds. Nachdem in den vorherigen Büchern jeweils Boreas, Zephyr und Notos jeweils die männlichen Hauptcharaktere waren, steht nun der vierte Bruder der Anemoi, der göttlichen Winde aus der griechischen Mythologie, im Zentrum. Wie auch in den anderen Werken spielen verschiedenste fantastische Elemente eine zentrale Rolle in der von Warwick erschaffenen Welt. So gibt es nicht nur aus der griechischen Mythologie entlehnte Charaktere, sondern beispielsweise auch ein nonverbal kommunizierendes Chateau, das sich selbst instand hält, seine Bewohner*innen verpflegt und im Falle eines Falles sogar verteidigt.
Vor diesem Hintergrund entspinnt sich eine durchdachte Liebesgeschichte, die nicht an psychologischer Tiefe mangeln lässt. Man wird Zeug*in, wie Min aufblüht und an Selbstvertrauen gewinnt, während Euros seine ebenso traumatische Vergangenheit preisgibt und sich verletzlich macht. Warwick lässt Min keine „Damsel in Distress“ bleiben, die aus ihrer Notlage heraus von einem ritterlichen Prinzen gerettet werden muss, sondern lässt die Gefühlswelten ihrer Hauptfiguren einander ebenbürtig werden. So entsteht kein emotionales Machtgefälle, und Min wird auf eine erfrischende Art und Weise selbstbestimmt. Es ist zu begrüßen, dass das auch in den spicy Szenen deutlich wird, da das der weiblichen Passivität, die gesellschaftlich in allen Bereichen, vor allem aber im Sexuellen zu finden ist, entgegenwirkt.
„Wir sind zwei Seiten derselben, verbeulten Münze, die eine sterblich, die andere göttlich.“
Was den Lesefluss etwas unterbricht, sind hin und wieder auftauchende Rechtschreibfehler sowie ein, zwei kleinere Handlungselemente, die widersprüchlich erscheinen und daher stutzig machen. Es wäre angenehmer gewesen, hätte man vor der Veröffentlichung des Buchs auf so etwas geachtet, allerdings fallen sie für die Handlung nicht ins Gewicht.
The East Wind zeigt sich als gelungener Abschluss einer an Fantastik und Modernität sehr überzeugenden Reihe, die Liebhaber*innen von Romantasy mit Dark Romance-Elementen und etwas mehr Spice auf ihre Kosten kommen lässt. Die Bücher sind zudem nur lose aufeinander bezogen, sodass man sie auch ohne Kenntnisse aus den anderen Werken lesen kann. Wem zudem Romane mit aus Mythologien entlehnten Elementen gefallen, der wird mit diesem Buch und der Reihe in Gänze gut bedient sein.
von Nike Kutzner

Alexandra Warwick
The East Wind. Reich aus Sturm und Flammen
Aus dem Englischen von Simone Jakob und Anne-Marie Wachs
arsedition 2026
560 Seiten
18,00 Euro
ISBN 978-3-8458-6110-4