Merkst du, wenn du manipuliert wirst?
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CW: Gaslighting, Gewalt, Rassismus, Sexueller Missbrauch, Suizid, Tod
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Leser*innen wissen, welche Macht Sprache haben kann. Doch sind wir uns darüber bewusst, welche Auswirkungen Sprache über das geschrieben Wort hinweg hat? Denn Worte, ob in geschriebener, gesprochener oder selbst gedachter Form, beeinflussen unser aller Denken und Handeln. Als Linguistin und Autorin geht Amanda Montell der Sprache auf den Grund und ermittelt in ihrer umfassenden Recherche Sprachspezifika verschiedenster Gemeinschaften wie neureligiöser Strömungen, bekannter Kulte, aber auch Marken sowie Fitnessbewegungen. Ihre Ausführungen beinhalten Teile von Interviews, die sie mit ehemaligen Anhängern geführt hat, sowie umfassende Belege aus Nachrichten, der Forschung, sowie Studien und Archiven.
„Wie kann Sprache, im Guten wie im Schlechten, Menschen dazu bringen, sich in eifernden ideologischen Gemeinschaften mit unkontrollierten Anführern zu verlieren? Wie hält sie diese Menschen in ihrem Bann?“
In fünf Kapiteln widmet sich Montell verschiedenen Gemeinschaftsformen, bei denen sie Gemeinsamkeiten in Formulierungen aufzeigt, die sie titelgebend als gemeinsame Sprache „Kultisch“ bezeichnet. Zunächst wird über die Wahl der Bezeichnung, Definition des Begriffs Kult, sowie persönliche Berührungspunkte zum Thema reflektiert und ein Ausblick über die folgenden Betrachtungen gegeben. „Jeder Teil dieses Buchs befasst sich mit einer eigenen Kategorie von ‚Kult‘ und erforscht dabei die kultische Rhetorik, die unseren Alltag durchdringt: Teil 2 ist berühmt-berüchtigten ‚Suizidkulten‘ wie Jonestown und Heaven’s Gate gewidmet; Teil 3 untersucht kontroverse Religionen wie Scientology und Children of God; in Teil 4 geht es um Multi-Level-Marketing-Unternehmen (MLMs), wie Tupperware oder auch Mary Kay; Teil 5 befasst sich mit ‚Kultfitness‘-Studios, wie SoulCycle, Peloton und Teil 6 schließlich mit Social-Media-Gurus.“
„Es war wie die Geheimsprache eines exklusiven Clubs […] Sofort wurde ich als Insider wahrgenommen. Die Sprache war ein Passwort, eine Maskierung, ein Wahrheitsserum. Sie war so mächtig. “
In jedem Kapitel wird ein zeitlicher Überblick über die Entwicklung und Entstehung der spezifischen „Kultkategorie“ gegeben. Hierbei werden Begrifflichkeiten, aber auch Namen der verschiedenen genannten Organisationen definiert, erklärt und kurz eingeordnet, sodass auch Personen, die sich bisher nicht mit verschiedenen Kulten, Sekten oder auch der Sprachwissenschaft auseinandergesetzt haben, den Ausführungen gut folgen können. Durch zahlreiche spannende, skurrile, erschreckende aber durchaus unterhaltsame Fakten und Anekdoten, handelt es sich bei Montells Recherche um eine informationsreiche und kurzweilige Lektüre.
„Die meisten erfolgreichen Markengründer sind der Meinung, dass eine ‚kultähnliche Unternehmenskultur‘ mit fest verankerten Werten und Ritualen schlicht und ergreifend notwendig ist, wenn man sich auf dem undurchsichtigen, schnelllebigen Markt von heute eine Stammkundschaft und treue Mitarbeitende sichern will. “
Montell zeigt in eindrücklicher Form, welche Überschneidungen und Parallelen sich innerhalb der Formulierungen finden und wie stark die Beeinflussung genau durch diese möglich ist. Nicht nur die Sprache verdeutlicht die Parallelen, sondern auch die Strukturen der Organisation selbst. Es wird deutlich wie subtil und effizient die emotionale Beeinflussung mit Worten gesteuert und geleistet wird.
„Sind Worte oder Phrasen derart beladen, dass ihre bloße Erwähnung Angst, Trauer, Grauen, Begeisterung, Ehrfurcht (was auch immer) auslösen kann, können Führer das für sich nutzen, um das Verhalten ihrer Anhängerschaft zu steuern. Eine solche Redeweise wird von manchen Psychologen als aufgeladene Sprache bezeichnet.“
Das Buch bietet einen spannenden Überblick und ermöglicht es den Blick für Sprache und den Umgang mit ebendieser zu reflektieren. Da es sich bei dem Sachbuch um eine Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch handelt, sind auch die Bezüge und Beispiele der Autorin entsprechend gewählt. Mithilfe der Erklärungen und Abstraktionen werden diese jedoch auch für die deutschsprachige Leserschaft verständlich und für eigene Reflektionen fruchtbar. Das Fehlen einer zusätzlichen Ergänzung für den deutschsprachigen Raum zu einer differenzierten Begriffserklärung zu der Unterscheidung von Kult und Sekte wäre jedoch wünschenswert und ist eine vertane Chance der Übersetzung. Gerade bei einem sprachwissenschaftlichen Werk, das von einer Linguistin verfasst wurde, wäre auch in der Übersetzung eine Sprachsensibilität zu erwarten. Eine fehlende sprachgeschichtliche Kontextualisierung bei der Verwendung des Begriffs Selbstmord anstelle von Suizid fällt hierbei negativ auf.
von Selina Hoffmann

Amanda Montell
Cultish. Fanatische Sprache und woran wir sie erkennen
Aus dem amerikanischen Englischen von Florian Kranz und Andrea Schmittmann
HarperCollins 2026
352 Seiten
25,00 Euro
ISBN 978-3-365-01090-7