Besessen, grenzüberschreitend, manipulativ?
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CW: emotionaler Missbrauch, Gaslighting, Machtmissbrauch
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Der Reiz des Verbotenen ist eines der klassischen Themen der Literatur und gerade in der Jugend eines der prägenden Gefühle. Ebenso wie die Sehnsucht nach der Anerkennung und dem Entwachsen der Bevormundung. Es drängt sich somit die Frage auf, ob es sich hierbei nur um eine weitere Geschichte über Machtmissbrauch einer Lehrer*innen-Schüler*innen-Beziehung oder schlimmer noch die Fetischisierung dieses Machtgefälles handelt? Jennette McCurdy ist bis heute für viele als Kinderstar, in der Rolle der Sam (Samantha Puckett), der US-amerikanischen Jugendserie iCarly an der Seite von Miranda Casgrove, die die Hauptrolle spielte, bekannt. Mit ihrer Autobiographie I’m Glad My Mom Died machte sie erstmals, mit ihrem Bericht der Vergangenheit und ihrer schwierigen Beziehung zu ihrer Mutter als Autorin auf sich aufmerksam.
„Als ich sieben war, hat meine Mutter mal zu mir gesagt, ich sei einfach schwer zu lieben. Den Satz habe ich nie vergessen.“
Mit Half His Age liefert Jennette McCurdy ihr Debüt eines fiktionalen Romans. Es handelt sich zunächst um einen klassischen Coming-of-Age Roman, in dem die Versuchung und Schwärmerei für einen Lehrer in eine manipulative Age-Gap-Beziehung zu gipfeln droht. Dabei zeigt sie auf faszinierende, sowie authentische Weise eine Protagonistin, die von ihrer alleinerziehenden Mutter früh gelernt hat, was den vermeintlichen Wert einer Frau bei Männern ausmacht. Die Sprache ist sowohl provokant als auch explizit und beinhaltet doch so viel mehr als die Klischees der klassischen Komposition. So werden Waldo nicht nur die Züge der Armut und der Kompensation durch konsumgeprägte Frusteinkäufe und dem begehrten Mr. Korgy die gegensätzlichen reichen Attribute, mit seinem schicken Bilderbuchhaus, verliehen. Sondern vor allem auch die Frustration des ungelebten Lebens offenbart.
Als Leser*in ertappt man sich, gerade zu Beginn des Romans, wie die Lust der Grenzüberschreitung herbeigesehnt und gleichzeitig angeekelt befürchtet wird. Immer wieder drängen sich die Folien des allzu bekannten Stoffes vor das innere Auge und sorgen für eine Skepsis, die sich von der Sensationsgeilheit nicht befreien kann. Jedoch beweist dieser Roman, dass der immer gleiche Stoff auf glaubhafte Weise entlarvt werden kann.
„Er behandelt mich nicht herablassend, er hat bloß viel mehr Lebenserfahrung als ich. Erfahrung, die ihm eine Sicht aufs Leben gibt, die ich gar nicht imstande bin zu begreifen. Er ist der Erwachsene. Ich das Kind.“
Beide Figuren sind ambivalenter und tragischer, als es in vielen vergleichbaren Werken der Fall ist. So wird Waldo als einsam, von ihrer Herkunft in Armut geprägt, sowie als notgeil, direkt und impulsiv gezeigt, anhand ihrer Introspektion jedoch auch durch weitreichende Reflektionen als clever, stark und wütend aufgewertet. Diese entsprechen zwar nicht dem Bewusstsein und der Weitsicht, die Mädchen in diesem Alter zuzuschreiben wären, ermöglichen jedoch damit die kritische Auseinandersetzung der Machtverhältnisse der Beziehung, die zwischen dem Lehrer und der Schülerin entstehen.
„Es ist mir fast egal, was genau ich für ihn bin, Hauptsache ich bin überhaupt etwas für ihn. Als würde ich überhaupt erst jemand sein, wenn ich jemand für ihn bin.“
Auch die Beschreibungen Mr. Korgys zeigen keine Fetischisierung oder Verherrlichung, im Gegenteil. Die verblasste Attraktivität, seine toten Träume eines erfolgreichen Schriftstellerlebens und die Gespräche über alte langweilige Filme verdeutlichen die ebenso unglückliche und tragische Figur, die vermeintlich die machthabende der Situation ist.
„Tja, ‘tschuldige, dass ich so unreif bin. Kann wohl passieren, wenn man mit einer Achtzehnjährigen zusammen ist.“
Das Buch ist unangenehm, bedrückend, denn die Sehnsucht und Handlungsunfähigkeit der Figuren führen dazu, dass das Begehren einem als Leser*in, mit seinen scharfsinnigen Reflektionen über Intimität und Macht, als Last im Halse stecken bleibt. Der Roman ist zugleich fesselnd als auch abstoßend und zwingt einen regelmäßig zu einer Pause, die nicht selten zu eigenen Reflektionen führt.
von Selina Hoffmann

Jennette McCurdy
Half His Age
Aus dem Englischen von Olivia Kuderewski
Blumenbar 2026
331 Seiten
24,00 Euro
ISBN 978-3-351-05146-4