Linea Maja Ernst – Fast Abend, immer noch hell
Linea Maja Ernst – Fast Abend, immer noch hell

Linea Maja Ernst – Fast Abend, immer noch hell

Von Freundschaft und Verlangen, und der Frage, welche Form von Beziehung eigentlich die richtige ist

Sieben Freund*innen, die sich seit dem Studium kennen, verbringen eine Woche im Sommer zusammen in einem Haus in der Natur Dänemarks. Zu Uni-Zeiten waren sie noch unzertrennlich und durch ihre idealistischen Ideen verbunden, doch heute bringen alle ihren eigenen Alltag mit: Jobs, Kinder, Beziehungen, und vor allem unterschiedliche Vorstellungen davon, wie das Leben so aussehen sollte. Da gibt es Sylvia, die mit ihrer Freundin Charlie eigentlich glücklich ist, aber trotzdem an allem zweifelt. Kvaede, der Transmann, der ungebunden durch Leben geht, auf der Suche nach der eigenen Identität. Gry, die diesmal ihren Partner Adam und ihre Kinder mit zur Hütte gebracht hat und voll in ihrer Rolle als Mutter aufgeht. Und Esben und Karen, er Schriftsteller, sie Journalistin, die überraschend ankündigen, dass sie am Ende der Woche in der Hütte heiraten möchten. In Fast Abend, immer noch hell erzählt Linea Maja Ernst von einem dänischen Sommer, der alles zwischen den sieben Freund*innen durcheinanderbringt.

Sechs Tage lang verfolgt man ihr Zusammenspiel, die Diskussionen, die morgendlichen Schwimmrunden, das Vorbereiten der Mahlzeiten und die geheimen Wünsche und Sehnsüchte. Manche Szenen sind überraschend lustvoll und wild, manchmal sitzen sie aber auch nur im Gras, flechten Blumenkränze und sprechen über Beziehungskonzepte und Geschlechterrollen. Es passiert an sich nichts Spektakuläres, aber langsam, ganz unmerklich, verschieben sich die Dynamiken und aufgestaute Gefühle aus der Vergangenheit drohen auszubrechen.

„Monogamie ist eine Religion, nach der niemand leben kann, aber auszusteigen traut sich trotzdem niemand.“

Besonders intensiv zu beobachten ist das Zusammenspiel in der Gruppe. Manche übernehmen mehr Verantwortung und kümmern sich darum, dass alles läuft, andere lassen sich eher von der Idylle treiben. Man lernt die Charaktere immer besser kennen, und bekommt am Ende ein sehr gutes Gefühl für die einzelnen Persönlichkeiten und Wertevorstellungen. Auch wenn manche Personen leicht überzeichnet wirken, funktioniert die Dynamik hier super und jede*r hat seinen Platz in der Geschichte.

Umso länger die Freund*innen aufeinander hocken, umso stärker verschwimmen die Grenzen zwischen Freundschaft und Anziehung, Lust und Begehren. Beziehungen, die am Anfang stabil wirken, werden formbar, teils unsicher und widersprüchlich. Es geht viel um Nähe und Verlangen, aber auch um die Frage, welche Form von Leben und Beziehungen eigentlich die richtige ist.

Fast Abend, immer noch hell ist ein stiller Roman über Freundschaft, das Erwachsenwerden und die Frage, wie wir leben wollen. Er erzählt von sich verändernden Beziehungen, Begehren und fluiden, queeren Identitäten, und das in einem sommerlichen, lichtdurchfluteten Setting, das ein leicht melancholisches Gefühl hinterlässt.

von Johanna Listl

Linea Maja Ernst
Fast Abend, immer noch hell
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
S.Fischer 2026
256 Seiten
24,00 Euro
ISBN 978-3-10-397750-9

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