„Uns bleibt das eine nur: uns sehr zu lieben.“
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Der Band Ich tat die Augen auf und sah das Helle versammelt Gedichte und Prosatexte von Mascha Kaléko in einer bewusst nicht-linearen Ordnung. Die editorische Entscheidung, auf eine chronologische Anordnung zu verzichten und stattdessen thematische Kapitel zu bilden, ist dabei mehr als eine formale Setzung. Dieses entwickelt sich nicht entlang einer biografischen Fortschrittslinie, sondern kreist um wiederkehrende Erfahrungsräume.
Die Kapitelüberschriften wie etwa „Über gewisse Nächte“,„Über die Liebe“,„Über Abschiede“,„Über Leute, die man nicht selber ist“,„Über Refugees“ oder„Über das Wiedersehen mit Europa“ sind dabei nicht als abgeschlossene Themenfelder zu verstehen, sondern als offene Konstellationen. Motive wie Liebe, Verlust, Fremdheit oder Zugehörigkeit tauchen in variierenden Zusammenhängen immer wieder auf.
In Texten, die etwa im Umfeld der Nacht angesiedelt sind, wird ein Zustand erhöhter Sensibilität entfaltet. Die Nacht wird dabei nicht romantisiert, sondern als Raum der Unruhe und Reflexion erkennbar: Schlaflosigkeit und Wachsein dienen als Metaphern einer existenziellen Permanenz der Aufmerksamkeit. Auffällig ist dabei Kalékos sprachliche Zurückhaltung: Statt emotionaler Übersteigerung setzt sie auf präzise Beobachtung.
Die mehrfach angelegten Liebes- und Abschiedskapitel verdeutlichen ein zentrales Spannungsverhältnis ihres Werks. Liebe erscheint als fragiler, dynamischer Zustand, stets begleitet von der Möglichkeit des Verlusts. Abschiede erscheinen entsprechend nicht als singuläre Einschnitte, sondern als wiederkehrende Erfahrung. Kaléko verbindet diese Themen durch einen Tonfall, der emotional offen ist, ohne sich dem Leser aufzudrängen. Ironie fungiert dabei als regulierendes Element, das Sentimentalität verhindert, ohne Distanz zu erzeugen.
Besonders deutlich tritt Kalékos Poetik der Fremdheit in jenen Kapiteln hervor, die sich mit Identität, Zuschreibung und Exil beschäftigen. Texte über „Leute, die man nicht selber ist“, über Refugees oder über das Wiedersehen mit Europa verhandeln unterschiedliche Formen von Nicht-Zugehörigkeit. Exil wird nicht lediglich historisch verhandelt, sondern als dauerhafter Zustand des Dazwischen erfahrbar. Rückkehr wird nicht als Heimkehr ins Normative dargestellt, sondern als erneute Konfrontation mit Entfremdung.
Ergänzt werden die Gedichte durch Prosatexte und Vorträge, etwa zum Muttersein, die Kalékos Schreiben aus einer reflektierenden Perspektive zeigen. Auch hier bleibt die Sprache nüchtern und kontrolliert. Persönliche Erfahrung wird nicht ausgestellt, sondern analysiert. Die Prosa bestätigt damit, was die Lyrik bereits andeutet: Kalékos Schreiben sucht Nähe, aber verweigert Selbstentblößung.
Der Titel des Bandes fungiert als programmatische Klammer. Das „Helle“ ist kein dauerhaft erreichbarer Zustand, sondern ein Moment bewusster Wahrnehmung. Kalékos Texte insistieren darauf, das Helle zu sehen, obwohl – oder gerade weil – es immer wieder bedroht ist. Ihre Lyrik lebt aus dieser Spannung zwischen emotionaler Offenheit und historischer Erfahrung.
„Ich tat die Augen auf und sah das Helle,
Mein Leid verklang wie ein gehauchtes Wort. –
Ein Meer von Licht drang flutend in die Zelle,
Das trug wie eine Welle mich hinfort.
Und Licht ergoß sich über jede Stelle,
Durchwachte Sorgen gingen leis zur Ruh. –
Ich tat die Augen auf und sah das Helle,
Nun schließ ich sie so bald nicht wieder zu.“
von Julia Vetter

Mascha Kaléko
Ich tat die Augen auf und sah das Helle
dtv Verlagsgesellschaft 2024
256 Seiten
20,00 Euro
ISBN 978-3-423-28420-2