„‚Die Welt ist groß. Viele verschiedene Arten zu leben haben darauf Platz.‘“
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CW: bildliche Darstellung von Blut, Gewalt, Obduktion und Schlachtung eines Tieres, systematischer Rassismus
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Es ist eine kalte, raue Welt, in die die kleine Miija 1833 hineingeboren wird, und doch ist es ihre Welt und die ihrer Vorfahr*innen: Der Sam*innen in der norwegischen Finnmark. Da sowohl ihre Mutter Nienna als auch deren Mutter die Schamaninnen ihrer Siida, ihrer Gemeinschaft, waren, soll Miija in ihre Fußstapfen treten – etwas, das Niennas Schwester Jarvela mit Argwohn betrachtet, da sie es lieber hätte, würde ihre eigene Tochter Aagni ausgebildet werden. Doch es dauert nicht lange, da zeigt sich, dass Miija diese Gabe, die besondere Verbindung zu den Gottheiten der Natur und den Ahn*innen tatsächlich besitzt. Während sie langsam erwachsen wird und je nach Jahreszeit mit ihrer Siida vom hochgelegenen Sommerlager ins Winterquartier der Stadt Kautokeino und zurückzieht, lehrt Nienna sie alles, was sie über Krankheiten und Heilmethoden sowie den Kontakt zu den Ahn*innen wissen muss. Gleichzeitig verliebt Miija sich erstmals, und hält trotz des schwierigen Verhältnisses zur Familie ihrer Tante an der Freundschaft zu ihrer Cousine Aagni fest. Schließlich ändern sich die Zeiten jedoch rapide, als neue wissenschaftliche Methoden sowie ein Missionar des christlichen Glaubens auch Kautokeino erreichen. Welten treffen – nicht nur friedlich – aufeinander und letztlich liegt es an Miija, inmitten dieser Umbrüche ihren eigenen Weg zu finden.
„‚Wie können wir überleben, wenn die Norweger uns alles nehmen wollen? […] Wenn sie uns zu Norwegern machen wollen, aber nicht als gleichwertig ansehen?‘“
Die Autorin Ines Thorn, eine studierte Germanistin und Kulturwissenschaftlerin, zeichnet mit ihrem Roman ein Bild der Ethnie der Sam*innen im 19. Jahrhundert in der norwegischen Finnmark. Eindrücklich schildert sie das Leben in der Siida, die Rentierzucht und das Heranwachsen von Miija. Allerdings beschönigt sie die Lebensumstände nicht, in denen die Sam*innen von den Norweger*innen als Personen zweiter Klasse gesehen, sie in ihren Kulturen beschränkt werden und viele dem Alkohol verfallen. Gerade die zweite Hälfte des Buches fokussiert sich auf die kulturelle Unterdrückung, die durch christliche Missionierung noch gesteigert wird. Aus verschärften Schikanen, die den Sam*innen den „einzig wahren Glauben, den von unserem Herrn Jesus Christus“ aufdrängen wollen, resultiert eine blutige Eskalation, die trauriger-, aber nicht überraschenderweise auf wahren Ereignissen beruht.
Die Heilerin des Nordens ist ein sowohl kulturwissenschaftlich als auch historisch informativer und intensiver Roman, der Geschichts- und Kulturwissenschaften in eine angenehm zugänglich gestaltete Prosa verpackt. Er lässt das Eintauchen in die anderen Lebensumstände wie auch andere Zeiten zu, die doch aktueller sind, als es zunächst scheinen mag. Das Lesen fühlt sich wie ein Blick hinter einen Horizont an, der jenseits des Polarkreises liegt und reich an Wissen, aber auch Geschichte ist, die es nicht zu vergessen gilt, und ist daher nicht nur für Fans der nordischen Länder zu empfehlen.
von Nike Kutzner

Ines Thorn
Die Heilerin des Nordens
Rowohlt Taschenbuch 2025
352 Seiten
14,00 Euro
ISBN 978-3-499-01574-8