Monique wagt nochmals den Neuanfang
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CW: häusliche und emotionale Gewalt, Homophobie, Sexismus
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Eine Frau traut sich erneut an den Weg der Befreiung. Weg von Männern, die nur trinken, sie beschimpfen und schlecht behandeln. In Monique bricht aus, dem zweiten Roman über das Leben seiner Mutter, erzählt Édouard Louis von der Flucht seiner Mutter Monique vor ihrem gewalttätigen Freund. Jahre zuvor verlässt sie schon ihren Ehemann aus einer ähnlichen Situation und nun steht sie wieder vor der Entscheidung. Dieses Mal bittet sie aber ihren Sohn Édouard um Hilfe.
„Manche werden vom Leben getragen, für andere ist das Leben ein ständiger Kampf.“
Édouard Louis schafft es direkt auf den ersten Seiten, die Leserschaft zu packen und in die schwierige Situation, in der er und seine Mutter sich befinden, hineinzuziehen. Denn als Monique ihn eines Abends plötzlich weinend anruft und um Hilfe bei ihrer Flucht bittet, befindet er sich nicht in Paris, wo er und seine Mutter eigentlich leben, sondern in Athen. Mit fast schon poetischer Sprache lässt Louis die Leserschaft seine Unsicherheit und Angst um seine Mutter mitfühlen. Er malt ein Bild einer Frau, die sich ihre Freiheit erkämpfte, doch wie in einem Teufelskreis gefangen ist und nun wieder am Anfang steht: „Ich habe mich von deinem Vater befreit und dachte, jetzt wird alles besser, jetzt fängt ein neues Leben an, aber es geht wieder los, es geht wieder von vorne los.“
„Ich sah den Nacken meiner Mutter wenige Meter vor mir […] und dachte: Sie hat gewonnen.“
Monique wagt trotzdem den Versuch eines Neuanfangs und findet mit der Hilfe ihrer Kinder eine eigene Wohnung: „Meine Mutter war fünfundfünfzig Jahre alt, und zum ersten Mal in ihrem Leben lebte sie allein, ohne Kinder, ohne Mann, ohne jemanden, um den sie sich im Alltag kümmern, den sie versorgen musste.“ Sie erlebt schon während, aber vor allem auch nach der Flucht erste Male, die für manche ganz banal erscheinen mögen: Sie streamt zum ersten Mal einen Film, reist ins Ausland und fliegt; und immer an ihrer Seite ist ihr Sohn. So harmonisch und sorglos, wie es scheinen mag, ist die Beziehung der beiden zu Beginn allerdings nicht. Doch vielleicht gerade weil seine Mutter ihn um Hilfe bei einem so wichtigen Schritt bittet, nähern sie sich einander wieder an und entwickeln eine tiefe Beziehung zueinander.
„Wie viele Menschen, wie viele Frauen würden ein anderes Leben wählen, wenn man ihnen das entsprechende Geld überwiese?“
Wie es für Louis‘ Werke typisch ist, greift er auch in Monique bricht aus immer wieder gesellschaftlichen Themen und Probleme auf. Er erzählt davon, dass seine Mutter durch ihre frühe Schwangerschaft ihre Ausbildung abbrechen musste, keinen Führerschein hatte und sich ihr Leben lang nur um die Kinderversorgung und den Haushalt kümmerte. Wie viele andere Frauen war sie somit immer von ihrem Mann abhängig und eine Trennung schien unmöglich, selbst wenn diese Männer begannen, sich zu betrinken und gewalttätig zu werden. Anstatt hier die Schuld nur bei diesen Männern zu suchen, kritisiert Louis das grundlegende System dahinter: das Patriarchat und die Sozialisierung von Männern in diesem System.
Auf wenigen Seiten erschafft Édouard Louis eine wundervolle Erzählung von einer Frau, die nochmals den Schritt Richtung Freiheit wagt. Anstatt diese auszuschmücken, zeigt er die harte Realität und weist auf strukturelle, gesellschaftliche Probleme hin. Obwohl das Buch eine Fortsetzung von Die Freiheit einer Frau ist und auch Louis’ andere Romane eine wichtige Rolle spielen, kann Monique bricht aus unabhängig gelesen werden.
von Sina Gutöhrlein

Édouard Louis
Monique bricht aus
Aus dem Französischen von Sonja Finck
FISCHER Taschenbuch 2026
160 Seiten
15,00 Euro
ISBN 978-3-596-70950-2