Gehöre ich nicht dazu, oder fühle ich mich nur so?
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CW: Fat-Shaming, Suizid und vorurteilsbehaftete Darstellungen (Rassismus, Sexismus)
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Das 2005 erstmals als Eine Klasse für sich erschienene und nun neu aufgelegte Romandebut Prep von Curtis Sittenfeld bietet zunächst ein bekanntes Setting: Lee Fiora, „ein Nobody aus Indiana“, entschließt sich mit 14 dazu, an das Elite-Internat Ault zu wechseln. Als eine der wenigen Schüler*innen, die statt durch wohlhabende Elternhäuser und diskreten Reichtum, nur dank eines Stipendiums die Schule besuchen kann, fühlt sie sich als eine Außenseiterin, die ihrem Umfeld nichts zu bieten hat. Der Coming-of-Age-Roman begleitet Lee kapitelweise durch ihre Schuljahre. Dabei verbalisiert Sittenfeld in langen Absätzen die oberflächliche und zugleich übersensible Gedankenwelt einer Teenagerin, die ihren Platz in der Welt noch nicht gefunden hat und dennoch – oder genau deshalb – unter dem Eindruck leidet, alle Augen wären nahezu sezierend auf sie gerichtet.
„All das spielte sich noch am Jahresanfang ab, […] als meine Gehemmtheit und mein sehnlicher Wunsch, möglichst nicht aufzufallen, mich in einen Zustand dauernder Erschöpfung versetzten.“
Trotz ihrer anfänglich hervorragenden Noten, der uniformen Kleiderordnung und dem kollektiven Schweigen über Geld und Preise, fühlt sich Lee schnell abgehängt: schulisch, aber allem voran sozial. Schon bei ihrer Tagesdecke, die anders als die der anderen zweifarbig, statt geblümt ist, beginnen ihre Unsicherheiten, in deren Zentrum häufig die nahezu obsessive Beobachtung und Idealisierung ihrer Mitschüler*innen stehen. Statt mit Mathematik-Aufgaben oder dem Biologie-Unterricht befasst Lee sich also lieber mit den Jahrgangsbüchern der letzten Klassen, oder dem neusten Tratsch der Schule.
In diesen Artikeln sucht Lee nach ihren Mitbewohnerinnen, der Schulsprecherin oder anderen Schüler*innen, die ihre Aufmerksamkeit wecken. Dabei scheint sie sich selbst nicht sicher zu sein, ob die Faszination und der Eindruck nun freundschaftlicher Natur sind, oder dahinter vielleicht doch eine Schwärmerei steckt. Im inneren Konflikt zwischen dem Wunsch, dazuzugehören, und dem Wissen um ihren mittellosen Familienhintergrund, stellt sich von außen die Frage, ob sie inmitten Zweck-, Übergangs- und echten Freundschaften wirklich zur Außenseiterin gemacht wird, oder sie sich viel mehr selbst in diese Position begibt.
„Ständig hatte ich Angst, jemand könnte mich bemerken, und wenn es dann keiner tat, fühlte ich mich einsam.“
Sowohl als Lesende als auch aus Sicht der erwachseneren Erzählerin wirken die Schilderungen des Internat-Alltags nahezu banal. Doch der Blick auf das Alter, die Naivität der Protagonistin und die Grundannahme, alles sei eine bewusste Repräsentation Lees junger Weltanschauung, die sich durch ihr bloßes Erwachsenwerden entwickelt, verändert und somit inhaltlich entschuldigt wird, gibt dem Geschriebenen eine zweite Ebene. Was beim ersten Lesen aus einer älteren Perspektive wie unnötiges Kopfzerbrechen wirkt, wird bei einem zweiten Überdenken plötzlich doch sehr bekannt. Alle, die dem Unterricht kaum folgen konnten, weil sie fest davon überzeugt waren, dass die Schüler*innen in der letzten Reihe eindeutig über ihre neue Frisur tuschelten; alle, die abends wachlagen und den einen Satz aus der kurzen Unterhaltung im Schulflur in der ersten Pause immer wieder zerdachten; alle, die einmal vierzehn Jahre alt waren, werden sich in der Protagonistin zumindest ein Stück weit wiedererkennen.
Ebendiese Nachvollziehbarkeit der überkritischen Befangenheit des jugendlichen Selbst überdeckt jedoch nicht die inhaltlichen Defizite einer Publikation der 2000er. Denn neben unsicherer Oberflächlichkeit prägen rassistische Vorurteile, sexistische Gedanken und Bodyshaming die Charaktere, definiert über die Beobachtungen der Protagonistin. Zwar kann Prep an dieser Stelle das Zugeständnis gemacht werden, aus weißer Perspektive die gesellschaftliche Oberschicht der 1980er Jahre zu portraitieren und zudem vor der heutigen Awareness bezüglich dieser Kritikpunkte geschrieben worden zu sein – doch bei allem gutmütigen Entgegenkommen bleiben die Beschreibungen mindestens befremdlich und irritierend.
Trotz dieser Kritik ist Prep ein durchaus lesenswertes Buch. Der insbesondere zu Beginn fast zu langwierige Schreibstil reflektiert bemerkenswert das Zugehörigkeits- und Lebensgefühl der Protagonistin und gewinnt gemeinsam mit ihr an Ausdruckskraft und verkörpert vor allem sprachlich ohne viel Drama die Essenz eines Coming-of-Age-Romanes.
von Marlene Dräger

Curtis Sittenfeld
Prep
Aus dem Englischen von Verena von Koskull
Dumont 2026
592 Seiten
15,00 Euro
ISBN 978-3-8321-6844-5