Maximilian Duwe, Christina Tscharyiski – Sophie Passmann. Pick Me Girls
Maximilian Duwe, Christina Tscharyiski – Sophie Passmann. Pick Me Girls

Maximilian Duwe, Christina Tscharyiski – Sophie Passmann. Pick Me Girls

„Ich wäre gerne die Frau, die ich eigentlich geworden wäre.“

Sophie Passmanns fünftes Buch Pick Me Girls, das 2023 erschien, wurde von ihr als Solostück für die Bühne adaptiert und feierte im Oktober 2024 am Berliner Ensemble Premiere. Eine Kinoaufzeichnung bringt nun das Buch über die Theaterbühne auf die Leinwand – in 19 deutschen Kinos und das LICHTSPIEL ist eines davon.

„Du wirst als Frau in der Öffentlichkeit immer nur radikal überschätzt oder unterschätzt. Man wird nie einfach nur geschätzt.“

Die Kinoaufzeichnung beginnt mit einer Einstellung auf die kurz vor Vorstellungsbeginn im Backstage rauchende Sophie Passmann. Vermeintlich lässig lehnt sie an der Wand, um sich mit ansteigender Musik abzustoßen und von der Kamera gefolgt auf die Bühne zu laufen. Das Publikum empfängt sie mit tosendem Applaus und die Show beginnt. Die Autorin selbst deklariert ihr feministisches Sprechtheater ironisch als Kult – diese Selbstironie zieht sich durch den gesamten Abend. Analyse und Reflexion gehen Hand in Hand mit Stand-Up-Elementen. Somit gelingt eine Darbietung, in der sich betroffene Stille und herzliche Lacher die Waage halten. Das Bühnenbild besteht aus einer verspiegelten Muschel als Podest, die, so Passmann, das Theater 160.00 Euro kostete und dennoch wenig zum Einsatz kommt. Sie hat sie zum Teil der Kulisse gemacht, einfach weil sie es wollte und kann. Mit solchen Koketterien zieht Passmann das Publikum schnell auf ihre Seite.

„Wie viel Feminismus wir im Leben zulassen können, ohne Gefahr zu laufen, dass uns Männer nicht mehr bumsen wollen.“

Die Autorin nennt sich mit einem Augenzwinkern „Showpferd“ und bereitet die Inhalte ihres Buches passend für die Bühne auf. Sie erzählt, wie sie selbst zum Pick Me Girl wurde und versucht davon wieder abzukommen. Ein Heranwachsen als mehrgewichtiges Kind, bei dem die Pausbacken und das Vorlaut-Sein noch als liebenswert belustigend wahrgenommen wurden, schlägt um in das Erwachsenwerden als mehrgewichtige jungen Frau, die deshalb nicht begehrt wird und sich gerade deswegen umso mehr nach männlicher Anerkennung sehnt, denn: wenn er mich mag, dann kann ich mich auch mögen“. Passmann schlussfolgert, „Pick Me Girls existieren, weil Männer ein Problem haben. […] Sie brauchen Frauen, aber sie hassen Weiblichkeit“, da sie genauso wie Frauen gelernt haben, dass „Weiblichkeit scheiße ist“. Wenn beim ersten Date der Mann dann unweigerlich über seine Exfreundin herzieht, signalisiert er, wie weit er es geschafft hat, seine Freundin herabzusetzten und nun gilt es für das Pick Me Girl zu zeigen, dass sie bereit ist das noch zu unterbieten. Selbstgeißelung und fehlende Solidarität in der Hoffnung als die eine, die anders als alle anderen ist, gesehen zu werden.

Die folgenschwere Prägung durch das eigene Körperbild, das jedoch erst durch Fremdurteile entstand, ist der Dreh- und Angelpunkt der Show. Auf vermeintlich lustige Anekdoten als Baby, dem selbst der größte Neugeborenstrampler im Kreißsaal nicht passte, folgen Erfahrungen der Scham beim Shoppen mit den Freundinnen, bei dem man sich mit irgendwelchen Statement-Ketten und Seidentüchern herumschlagen muss, weil man weiß, dass man eh in keines der Kleidungstück hineinpasst. Auch dann nicht, wenn die Freundin, die ihr Leben lang schon in alle Kleider passte, insistiert „Probier‘ es doch mal an“. Der Kreis schließ sich, wenn man als erfolgreiche Autorin Shootings hat und die Stylistin mit demselben aussichtslosen Ratschlag aufwartet, der unweigerlich zur Folge hat, dass man doch auf ein eigenes Outfit ausweichen muss, das dann zwar nicht professionell kombiniert ist, aber wenigstens passt.

„Wenn ich schon nicht kontrollieren kann, was über mich erzählt wird, dann mach ich wenigstens ‘ne geile Show daraus.“

Passman gelingt im Bühnenstück ebenfalls die Rückschau auf die Rezeption des Buches. Sie greift einige der Kritikpunkt auf und bezieht dazu – überwiegend humoristisch, wodurch etwas die dafür eigentlich angebrachte Ernsthaftigkeit verloren geht – Stellung. Beispielsweise stellt sie klar, dass es ihre Aussage im Buch ihre Freundinnen dafür beneidet zu haben, dass diese häufiger sexuell belästigt wurden, zwar nicht gutzuheißen gilt, es aber einfach ihr Empfinden als 20-Jährige war. Vielmehr zeigt sie so das perfide System der weiblichen Abhängigkeit von der Bewertung durch Männer auf. Zur Kritik, dass sie ihre eigenen Privilegien nicht reflektiere, entgegnet Passmann lediglich, dass sie sich zum einen ihrer Privilegien bewusst ist, sie aktiv reflektiere, aber zum anderen nebenbei eben auch ein Buch geschrieben hat, dass diese beiden Dinge parallel existieren können. Bleibt sie vorher in ihrer Rechtfertigung ehrlich um Verständnis bemüht, begegnet sie dieser Kritik leichtfertig und verkennt tatsächlich ihren Kern. Die prominenteste Kritik, dass Passmann einen gut situierten weißen Feminismus predigt, der sich nicht um Intersektionalität schert, bleibt unangefochten – es bleibt anzunehmen, weil es sich dabei schlicht um einen Fakt handelt.

„Ich dachte, ich muss der Welt irgendeine Gegenleistung für meine Existenz anbieten.“

Die Abwertung andere Frauen und sich selbst ist der Nährboden für Pick Me Girls. Weil diese konditionierte Abwertung von Weiblichkeit aber Teil der gesamtgesellschaftlichen Sozialisierung ist, spricht Passmann die Erkenntnis aus, die den Saal – in der Aufzeichnung sowie im Kino – in erschütterte Stille hüllt: „Hassen wir uns dann alle?“. Die Wucht, mit der solche Pointen landen sind förmlich spürbar. Nicht jedes Lachen bleibt im Halse stecken und selbst über die zweite Ebene für das Publikum vor der Leinwand wird der Humor erfolgreich transportiert.

„Ich habe eine Einsamkeit, gegen die helfen nur andere Frauen.“

Passmann beendete die etwa eineinhalb Stunden Solostück mit einem Schlussmonolog, der einen perfekten Bogen spannt und plädiert sichtlich gerührt an Schwesternschaft: „Wenigstens haben wir uns.“

Wer mit dem Buch Pick Me Girls nicht ganz warm wurde, dem sei empfohlen, es mit der Kinoaufzeichnung der Bühnenadaption nochmal zu versuchen – Dramaturgie sowie der Resonanzraum für Kritik kommen dem Stoff zugute. Welche Bereicherung für Bamberg, dass das LICHTSPIEL als eines der wenigen Kinos in Deutschland Sophie Passmann. Pick Me Girls zeigt.

von Michaela Minder

Maximilian Duwe, Christina Tscharyiski
Sophie Passmann. Pick Me Girls
D 2026
85 Minuten

Foto © LUF

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert