„Es ist merkwürdig, das, was ich am meisten fürchte, also die Männer, zu lieben. Ein Geschlecht zu begehren, das mir Angst macht.“
Das Cover des Debütromans Foto auf Anfrage ziert die Fotografie Daniel Schook Sucking Toe von Peter Hujar, der besonders für seine Schwarz-Weiß-Portraits bekannt ist. Die Fotografie wird für Simon Chevriers Protagonisten zur Obsession. Dieser sieht Daniel Schook Sucking Toe erstmals in der Wohnung seines Ex-Freundes und ist sofort eingenommen davon. Er will herausfinden, wer Daniel war, und legt eine Hartnäckigkeit bei der Recherche an den Tag, die Antrieb aus Projektion suggeriert. Die Suche nach Daniel zieht sich durch den gesamten Roman und gibt diesem Struktur, da die Beschreibungen zum Leben des Erzählers ansonsten eher mäandernd verlaufen.
„Wenn sich der Bruch mit einem Mann ankündigt […] gehe ich auf Grindr […]. Wenn ich mit einem anderen Körper zusammen war, denke ich weniger an die Trennung. Der, der vor ihm da war, ist für einen Moment ausgelöscht. Und sobald die Gedanken des Vermissens wieder aufkommen, öffne ich erneut Grindr, such den nächsten Jungen, den ich knallen könnte.“
Der Roman spielt 2020, zur Hochzeit der COVID-19-Pandemie und spiegelt auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene wider, was für den namenlosen Ich-Erzähler in vielfältiger Hinsicht gilt: zwischenmenschliche Distanz. Reflexionen über die gescheiterte Beziehung zu Thibaud, dem Mann, der Daniel Schook Sucking Toe in seinem Schlafzimmer hängen hat, existieren parallel zum sich aufbauenden Verhältnis zu Louis, Thibauds neuem Liebhaber. Komplexe Beziehungsgeflechte beschränken sich jedoch nicht nur auf das partnerschaftliche Leben. Der im Sterben liegende Vater wird zum Sextanten für Trauer und die Frage, wie die Haltung der Eltern zur Sexualität ihrer Kinder das gemeinsame Verhältnis nachdrücklich prägen kann. Letztlich dominieren den Roman die zahlreichen Grindr-Kontakte, die für Sex-Dates und bloß nicht mehr herhalten – körperliche Intimität trotz emotionaler Vereinzelung. Als Gegenwartsroman greift Foto auf Anfrage ebenfalls die mitunter prekäre Situation junger queerer Menschen im großstädtischen Raum auf: Ziel- und Rastlosigkeit, erfolglose Jobsuche, zwielichtige Wohnarrangements – Faktoren, die den Protagonisten gelegentlich zur freiwilligen sowie unfreiwilligen Sexarbeit bringen. Besonders das Sinnieren des Erzählers zu Geschlecht und Körperlichkeit – auch auf der Projektionsfläche der Fotografie Schocks – verdeutlicht einen der vielen Referenzräume zu Identität, die Foto auf Anfrage ausmachen: „Wie könnte ich ihm vermitteln, dass mir diese Fotos mein eigenes Spiegelbild zurückwerfen? […] Dass ich mir um ihn herum eine ganze Welt erschaffe.“
„Ich habe schöne Augen und einen schönen Schwanz, das genügt ihm. Wir haben Spaß, das ist alles.“
Chevriers Stil ist nüchtern, vermittelt eine gewisse Abgeklärtheit, bei der der*die Leser*in selbst entscheiden kann, ob sie lediglich vermeintlich oder tatsächlich besteht.
Das drastische Ende des Romans auf den letzten paar Seiten überrascht und wirkt zum restlichen Ton fast inkongruent. Die gut 150 Seiten des Romans lassen sich durch die passend bemessenen Absätze äußerst angenehm lesen. Foto auf Anfrage wurde bereits mit dem renommierten französischen Literaturpreis Goncourt du Premier Roman ausgezeichnet, ist dank der Übersetzung von Christian Ruzicska nun auch auf Deutsch verfügbar und unbedingt zu empfehlen!
von Michaela Minder

Simon Chevrier
Foto auf Anfrage
Aus dem Französischen von Christian Ruzicska
Albino 2026
160 Seiten
24,00 Euro
ISBN 978-3-86300-403-3