Fäden der Erinnerung
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CW: Bildliche Darstellung von Gewalt und Waffen, Blut, Kampf, Tod
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Am 16. Juli 2026 ist mit Die Odyssee der neue Film von Christopher Nolan in den deutschen Kinos gestartet. Mit seiner Adaption des antiken Epos von Homer wagt sich der Regisseur an einen der bekanntesten Stoffe der Literaturgeschichte. Er verwandelt die antike Erzählung in ein bildgewaltiges Kinoerlebnis, das die Grundzüge von Homers Epos aufgreift, neu interpretiert und mit allen Möglichkeiten der analogen Filmtechnik eindrucksvoll auf die Leinwand bringt.
Der Film setzt nicht mit dem Beginn der Irrfahrt ein, sondern acht Jahre nach dem Trojanischen Krieg: König Odysseus (Matt Damon) ist noch nicht wieder nach Ithaka zurückgekehrt, seine Frau Penelope (Anne Hathaway) wird von Freiern, allen voran von Antinoos (Robert Pattinson), bedrängt, neu zu heiraten, während sie immer noch hofft, dass Odysseus heimkehrt. Schließlich macht sich der gemeinsame Sohn Telemachos (Tom Holland) auf die Suche nach einem Lebenszeichen seines Vaters und segelt zu König Menelaos (Jon Bernthal) und dessen Frau Helena (Lupita Nyong’o) nach Sparta. Odysseus befindet sich parallel auf der Insel der Nymphe Kalypso (Charlize Theron) und versucht nach und nach, sich an den Krieg und die Stationen seiner langen Irrfahrt zu erinnern.
„Niemand segelt in die Hölle und kehrt zurück.“ – „Du schon.“
Die Rückblicke auf Odysseus‘ Irrfahrt erzählen eine klassische Heldenreise. Jede Station stellt den Helden vor eine neue Prüfung: Er und seine Männer müssen etwa den Kyklopen Polyphem (Bill Irwin) überlisten, gegen die Göttin und Zauberin Kirke (Samantha Morton) ankommen, im Hades den Rat des Sehers Teiresias (James Remar) einholen, dem verführerischen Gesang der Sirenen widerstehen und ihr Schiff durch eine gefährliche Meerenge hindurchsteuern. Dabei geht es nicht nur um den Kampf gegen Monster und übernatürliche Wesen, sondern immer wieder um Geistesgegenwart, Standhaftigkeit und Opferbereitschaft. Jede bestandene Prüfung bringt Odysseus seiner Heimat Ithaka und der Rückkehr zu Penelope ein Stück näher.
Zu Hause warten jedoch weitere Herausforderungen auf ihn: Der Kampf gegen die Freier und die letzte Prüfung seiner Frau, nämlich das Spannen des Bogens, das nur ihm möglich ist, und das Schießen eines Pfeils durch zwölf in einer Reihe angeordnete Äxte…
„Wir haben aus einer Schlacht eine Jagd gemacht.“
Immer wieder kehrt der Film in Rückblenden zum Fall Trojas zurück. Nolan zeigt eindringlich, wie Odysseus‘ List des Trojanischen Pferdes den entscheidenden Wendepunkt des Krieges herbeigeführt hat. Tagelang verharren die griechischen Krieger eingesperrt im hölzernen Pferd – umgeben von ihren eigenen Exkrementen – bis sie in der Nacht aus ihrem Versteck hervorbrechen und die Stadttore für das griechische Heer öffnen.
Der Sieg wird nicht durch offene Konfrontation errungen, sondern durch Täuschung und List. Mit der Missachtung des von Zeus geschützten Gastrechts überschreiten die Griechen eine Grenze, die sie schließlich mit der Verwüstung Trojas, der Entweihung des Tempels der Athene und der Tötung Unschuldiger – darunter auch der Priesterin der Göttin – endgültig hinter sich lassen. Damit laden sie schwere Schuld auf sich und entfachen den Zorn der Götter. Gerade Odysseus, der sich bei der Jagd an der List stört und Wildtieren, um die Jagd fair zu gestalten, eine Chance zur Flucht lässt, macht für den Sieg über die Trojaner von einem Hinterhalt Gebrauch. Seine jahrelange Irrfahrt ist deshalb nicht nur eine Abfolge spektakulärer Abenteuer, sondern eine göttliche Strafe und Prüfung. Immer wieder begegnet ihm Athene (Zendaya) mit dem Gesicht der getöteten Priesterin und erinnert ihn an die Schuld, die ihn seit dem Fall Trojas begleitet.
Eine epische Inszenierung
Wie Homer verzichtet Nolan auf eine lineare Erzählweise. Stattdessen entfaltet sich die Geschichte in mehreren, miteinander verwobenen Handlungssträngen: Penelopes Hoffen auf Odysseus‘ Rückkehr nach Ithaka, Telemachos‘ Suche nach dem Vater, Odysseus‘ Zeit bei Kalypso und die Rückblicke auf seine Irrfahrt sowie den Sieg über Troja greifen immer wieder ineinander. Symbolisch besteht hier eine Verbindung zu Penelope und dem Totentuch, das sie webt und immer wieder auftrennt, um die Freier hinzuhalten: So wie sie Faden für Faden das zuvor wieder aufgetrennte Tuch webt, werden die aufgetrennten Zeitebenen, Handlungsstränge und Erinnerungen Odysseus‘ geschickt zu einem großen Ganzen verknüpft. Die verschachtelte Erzählweise fordert Aufmerksamkeit, sorgt aber dafür, dass der Spannungsbogen immer weiter gespannt wird und viele Details erst im Verlauf des Films ersichtlich werden.
Auch in technischer Hinsicht ist Die Odyssee sehr beeindruckend. Nolan drehte als erster einen Film vollständig mit 70-mm-IMAX-Filmkameras. Die gewaltigen Kampfszenen und die unberechenbare Weite der offenen See entfalten durch das große Format und den Detailreichtum der Bilder eine besondere, mächtige Wirkung. Aber auch im herkömmlichen Kino-Format ist das Ergebnis überwältigend: Jede Einstellung wirkt monumental und Landschaften sind nicht nur Kulisse, sondern werden selbst zu einem Teil der Erzählung.
Das Sounddesign und die Musik tragen ebenso entscheidend dazu bei, dass der Film das Publikum in seinen Bann zieht. Besonders eindrucksvoll ist der Sound in der Szene mit den Sirenen. Wie Odysseus‘ Männer, die Wachs in ihren Ohren haben, hören die Zuschauer*innen nur dumpfe Geräusche und der verlockende und zugleich tödliche Gesang der Sirenen bleibt allein Odysseus vorbehalten. Durch diese bewusste Begrenzung der Wahrnehmung wird die Szene unmittelbar erfahrbar und versetzt die Zuschauer*innen mitten in die Gefahr.
Trotz seiner Laufzeit von knapp drei Stunden fühlt sich der Film erstaunlich kurzweilig an. Die wechselnden Perspektiven halten die Handlung in Bewegung, die visuelle Kraft der Bilder und die dichte Atmosphäre sorgen dafür, dass man kaum merkt, wie viel Zeit vergeht. Obwohl, oder gerade weil Nolan den antiken Stoff verdichtet und an einigen Stellen abändert, gelingt es ihm, die zentralen Themen Identität, Erinnerung, Schuld, Sehnsucht und Heimkehr in eine moderne Filmsprache mit einer herausragenden Starbesetzung zu übersetzen.
Die Odyssee ist ein bildgewaltiger, atmosphärisch dichter Film, der alle Möglichkeiten des Kinos nutzt, um das antike Epos in einer spektakulären Inszenierung neu zu erzählen.
Die nächsten Vorstellungen mit der deutschen Synchronisation finden zweimal täglich im Odeon in Bamberg statt. Es gibt eine Nachmittagsvorstellung und eine Abendvorstellung. Aufgrund von kleinen Abweichungen sind die genauen Uhrzeiten am besten dem Kino-Programm zu entnehmen.
Am 19.07. um 20.30 Uhr, am 29.07. um 20.35 Uhr, sowie am 02.08. um 20.30 Uhr wird der Film im Odeon 1 als englisches Original mit Untertiteln gezeigt.
von Hannah Bockemühl

Christopher Nolan
Die Odyssee
Deutsche Synchronisation
USA 2026
172 min
FSK 12






Fotos © Universal Studios