Kea von Garnier – Restsommer
Kea von Garnier – Restsommer

Kea von Garnier – Restsommer

„Es ist nur so, dass ich, bevor ich mich den Rest meines Lebens nur noch mit Toten beschäftige, gern selbst noch richtig gelebt hätte.“

CW: Alkoholmissbrauch, Häusliche Gewalt, Homophobie, Konsum von Rauschmitteln Tod, Schilderung von Totenversorgung, Selbstverletzung und Suizidversuche, Tod

Kea von Garniers Debütroman Restsommer ist eine klassische Coming-of-Age-Erzählung, die schwules Erwachen und Emanzipation von den Eltern – erweitert durch die Dimension der provinziellen Kleinstadt – austariert.

Der sechzehnjährige Protagonist Dominik lebt nach dem Auszug seiner Mutter vor einem Jahr bei seinem nun alleinerziehenden Vater, dem örtlichen Bestatter, der seinen Beruf mit singulärer Begeisterung lebt. Seine erste Leiche hat Dominik bereits mit vierzehn Jahren versorgt, er hilft dem Vater regelmäßig bei der Arbeit und die Erwartung, dass er das Unternehmen einmal übernimmt, lastet schwer auf ihm. Dominik weiß noch nicht mal, was er stattdessen machen wollen würde, aber er hätte gerne die Möglichkeit der Wahl. Die Enge und vorhersehbare Trägheit der Provinz schränken ihn ein, aber noch hat er nichts gefunden, für das es sich lohnt auszubrechen. Doch vor den Sommerferien verschlägt es Biff von Berlin in den kleinen niedersächsischen Ort und Dominik wird sofort in seinen Bann gezogen. Unerschrocken und draufgängerisch nimmt Biff Dominik dessen Sorge, nie etwas Richtiges zu erleben. Dominik schaut zu Biff auf, der so anders, so viel selbstsicherer und erfahrener zu sein scheint als er. Diese Imbalance prägt die sich langsam anbahnende Realisation seines Begehrens, aber je näher sich die beiden kommen, desto mehr erhält Dominik Einblicke, dass Biff seine eigenen Kämpfe hat, die all das überlegene Gehabe verschwinden lassen. Dominik wird beflügelt von den Höhen der Liebe, aber auch in ihre Tiefen geworfen: „Alles tut mir weh. Das Herz, der Körper, selbst meine Gedanken.“

„Zuhause wartet ein Grab von Zukunft auf mich.“

Garnier tariert Dominiks schwules Erwachen mit der Emanzipation von dem Weg, der für ihn vorgezeichnet ist, aus. Die drohende Bedeutungslosigkeit seiner nicht von ihm ausgesuchten Zukunft wiegt immer schwerer, je mehr er durch Biff eine andere Welt, besonders bei einem gemeinsamen Abenteuer in Berlin, kennenlernt. Sich selbst einen eigenen Lebensentwurf zu erlauben, von der Erwartung anderer abzuweichen und deren Enttäuschung zu verkraften, fordern ihn heraus, aber lassen ihn auch wachsen. Der Prozess des Erwachsenwerdens lässt ihn ebenfalls lernen, dass er für die Erwartungen anderer weder verantwortlich ist, noch mit einer erzwungenen Konformität etwas reparieren kann, was er nicht kaputt gemacht hat, geschweige denn, was es gar nicht zu ändern gibt.

„Vom Steg schallen Schreie und Gelächter zu uns rüber. Die Geräuschkulisse eines sorglosen Sommers, der nicht mehr zu uns gehört.“

Garnier lässt den Roman im Jahr 2003 spielen und versucht mit zahlreichen Referenzen, diesen authentisch zu transportieren. Der melancholische Ton, der durch die konstante Anwesenheit des Vergänglichen durch die Beschreibungen der Totenversorgung sowie die Ungewissheit einer jungen Liebe Gestalt annimmt, macht Restsommer nicht zu einer seichten Sommerlektüre. Besonders das Ende, in dem sich schwerwiegende Ereignisse überschlagen, steht im Kontrast zum bedächtigen Stil, der die erste Hälfte des Romans, die langsame Annäherung der beiden Jungs, bestimmt. Restsommer verhandelt die klassischen Themen eines jugendlichen homosexuellen Coming-of-Age sowie das Finden des eigenen Weges und folgt dabei typischen Rhythmen – eine Empfehlung für all diejenigen, die das vor der Kulisse eines Sommers, der genau deshalb nicht unbeschwert ist, suchen.

von Michaela Minder

Kea von Garnier
Restsommer
Blessing 2026
400 Seiten
24,00 Euro
ISBN 978-3-89667-785-3

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