„Das gemeinsame Betrachten ist der einzige Treibstoff dieses Verlangens.“
Lucio Castros Drunken Noodles öffnet mit einer Einstellung, in der ein älterer Mann ein Stickbild anfertigt: Auf gelbem Fadengrund prangt der Schriftzug „Drunken Noodles“, versehen mit einer Schüssel Nudelgericht und zwei Essstäbchen. Der*die Zuschauer*in blickt darauf aus der Perspektive des Künstlers. Mit jeweils einer solchen Szene werden die vier Kapitel des Films eingeleitet. Ein jedes bekommt ein eigenes gesticktes Werk, das dessen Inhalt einfängt, während das erste ebenfalls zum Titel des Films wird.
Adnan (Laith Khalifeh), der am Bard College im US-Bundesstaat New York studiert, verbringt den Sommer in New York City für ein Praktikum in einer Galerie. Flat- und Pet-Sitting für seinen Onkel betreibend hat er dessen Wohnung in Brooklyn für sich. Die Einsamkeit dort wird durch zahlreiche Einstellungen nachts in der dunklen Wohnung transportiert, die die Trägheit und Monotonie Adnans Alltag während des Sommers widerspiegeln. Wenn von draußen Geräusche des Großstadtlebens hereindringen, blickt er gedankenverloren hinaus, verfolgt am Fenster vorbeikommende Männer mit seinen Blicken, aber bleibt dennoch für sich. Das kurze Gespräch mit einem Essenslieferanten oder die wenigen Worte beim Cruising sind die einzigen Interaktionen seines Abends. Beim nächtlichen Cruising auf einem Spielplatz taucht Yariel (Joél Isaac), der Essenskurier vom Vortag, auf. Statt Pillowtalk gibt es auf einer Parkbank Yariels Nudelgericht, das er von seiner Schicht übrighat – Drunken Noodles. Yariel überrascht Adnan am nächsten Tag in der Galerie mit Essen, doch Yariel verschwindet wieder, ohne sich zu verabschieden und hinterlässt eine kryptische Nachricht: „Wenn ein Austausch im Dunkeln stattfindet, bedeutet das, dass er für immer andauert?“ – er bleibt ein Mysterium. Als ihm Adnan die Galerie zeigt, die die sexuell expliziten Stickereien des Künstlers ausstellt, den er letzten Sommer Upstate kennengelernt hat, erklärt sich für die Zuschauenden auch final, wer der ältere Mann aus der eröffnenden Einstellung ist. Die surreale Ebene des Films wird mit dem Ende der Yariel-Episode eingeläutet: er steht mit Freunden überraschend vor Adnans Tür und es kommt ohne Hinführung zum Gruppensex – so weit so real, jedoch werden die Sexszenen als gefilmte Stillbilder gezeigt. Eine klare Anspielung auf Gus Van Sants My Private Idaho. Die Erzählart wird dadurch aufgebrochen und im nächsten Kapitel wird sich auch von einem linearen Handlungsverlauf verabschiedet.
Das darauffolgende Kapitel spielt vor einem Jahr und zeigt, wie sich Adnan und der deutlich ältere Künstler Sal kennenlernten. Auf einer Fahrradtour platzt Adnan der Reifen. Während er sein Fahrrad weiterschiebt, kommt er zufällig an Sals Haus vorbei, der ihm anbietet, seinen Platten zu reparieren. So kommen die beiden ins Gespräch und Adnan sieht Sals Kunstwerke zum ersten Mal. Dass es auch hier zum Sex kommt, wird nahezu als unausweichlich sowie als nebensächlich präsentiert. Nachdem Sal Adnan von seiner Motivation für die Stickereien – die er bis dato nur für sich anfertigte und nicht ausstellte – erzählt hat, lädt er ihn ein, im Wald etwas Besonderes zu sehen. Hier kommt das Element des Magischen Realismus zum Tragen, als die beiden einen Faun bei einem erotischen Tanz zuschauen. Ein roter Pumps – als Referenz zu Der Zauberer von Oz – dient ihm als Fleshlight und die Flöte, auf der zuerst noch gespielt wird, zur Fellatio. Auf Sals Anweisung hin: „Er kann dich berühren, aber du kannst ihn nicht berühren“ kommt es auch hier zu einer sexuellen Erfahrung für Adnan mit dem Faun – der Übertritt des Begehrens ins Übernatürliche ist ebenfalls das Finale des zweiten Kapitels.
Im dritten Teil erfährt man als Zuschauer*in, dass sich Adnan mit seinem Partner Iggie (Matthew Risch) in diesem Sommer Upstate für einen Wochenendausflug in dessen Haus befand. Die Pärchenidylle wird jedoch davon getrübt, dass sie seit sechs Monaten keinen Sex mehr miteinander hatten und das zu Missmut in der Beziehung führt. Beim Lagerfeuer erzählt Adnan Iggy davon, dass er als Junge, wenn er bei seinem Großvater die Ferien verbrachte, diesen immer während dessen Mittagsschlafs aus Langeweile unbemerkt auf den Mund küsste. Für die beiden Männer lediglich eine lustige Anekdote, erwacht diese Erinnerung jedoch wieder zum Leben, in einer Szene, die erneut mit der Realität bricht.
Im finalen Kapitel – wieder zurück ein Jahr später im Sommer des Praktikums – wird das Berühren eines Baumstamms im Park beim Cruising zum Portal für eine magische Welt aus verwunschener Natur durch die Adnan mit einem Kelch, der sich nicht leer trinken lässt, streift – sein hellblaues Outfit macht die Referenz zu Alice im Wunderland komplett.
Magischer Realismus: Es ist nicht alles Gold, was glänzt
Castros Versuch, Begehren durch Fantasien, die dem Magischen Realismus entspringen, zu versinnbildlichen irritiert mehr, als dass glaubhaft ein Zauber transportiert wird. Schwules Begehren in der Großstadt, Unverbindlichkeit, Anonymität und zugleich Intimität hätte man auch ohne die Ausflüchte ins Fantastische abbilden können. Die nicht-lineare Erzählung ist dennoch verständlich durch die Kapiteltrennung mit den Stickbildern als Eröffnungssequenz und den inhaltlichen Verknüpfungen. Es bleibt allerdings die Frage bestehen, welchen Mehrwert es hat, die Handlung rückläufig und elliptisch zu erzählen, außer dass Castro es bereits in seinem vorherigen End Of The Century tat. Drunken Noodles weist wenige Dialoge und ein sehr langsames Tempo, das stellenweise sogar öde wird, auf. Spätestens nach der Sexszene mit dem Faun wartet man als Zuschauer*in nur noch darauf, wie der neue Erzählstrang von der Realität abkommen wird – in dieser Hinsicht überzeugt der Film, da die Wege zumindest immer sehr kreativ sind. Atmosphärisch fängt Lucio Castro in Drunken Noodles die Trägheit des Sommers, in dem Begehren die Versuche aus der Eintönigkeit auszubrechen sind, ein, scheitert jedoch mit der Einbindung des Magischen Realismus.
Die Queerfilmnacht im Odeon findet immer am dritten Dienstag des Monats statt – im August folgt Strange River von Jaume Claret Muxart.
von Michaela Minder

Lucio Castro
Drunken Noodles
Englisch-spanische Originalfassung mit deutschen Untertiteln
USA/ARG 2025
82 Minuten
FSK 16





Fotos © Salzgeber