„Mein Schweigen ist das, woraus ich gemacht bin: nichts.“
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CW: Alkoholsucht, Angstzustände, Depression, (imaginäre) Gewalt an Tieren, selbstverletzendes Verhalten, sexuelle Gewalt, Suizidversuch, Tod eines Elternteils, Trauer, Vernachlässigung von Kindern
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Franca könnte glücklicher nicht sein. Vor Kurzem hat sie sich mit ihrem Freund Andrew verlobt, für den sie vor vier Jahren ihr Studium in Utrecht hinter sich ließ und nun im gemeinsamen Haus in romantischer englischer Landschaft wohnt. Zwar hat sie seitdem keinen Job gefunden, finanzielle Unsicherheit droht ihr dennoch nicht, da Andrew schon früh eine eigene Firma besaß, durch deren Verkauf sich mehrere Millionen auf dem gemeinsamen Konto befinden. Als Sahnehäubchen ist seit Kurzem ein kleiner grauer Kater in ihr Haus eingezogen. Wie gesagt, Franca könnte glücklicher nicht sein.
In Wahrheit sind die Dinge jedoch nicht so rosig, wie sie scheinen. Ausgangspunkt der Geschichte ist die titelgebende Dinnerparty, die Franca auf Andrews Bitten hin ausrichtet. Gefeiert werden soll der erfolgreiche Abschluss eines Projekts von Andrew und seinem Kumpel Evan. Franca ist jedoch nicht nach Feiern zumute. Insgeheim leidet sie an ihrer eigenen Perspektivlosigkeit und unverarbeiteten Kindheitstraumata, sie hasst den kleinen grauen Kater, den Andrew ihr ‚zur Aufmunterung‘ mitgebracht hatte und noch bevor die Gäste eintreffen, sorgt ein erschütterndes Ereignis dafür, dass Francas ohnehin schon labile Psyche noch gewaltiger ins Wanken gerät. Als dann auch unerwarteterweise Harry auftaucht, beginnt sie ihre Entscheidungen von vor vier Jahren zu hinterfragen – als sie sich gegen Harry entschied, ihren einzigen engen freundschaftlichen Kontakt, den sie je hatte, und sich damit selbst das Herz brach. So beginnt eine psychische und zwischenmenschliche Abwärtsspirale, an deren Grund ein Messer liegt, das dem Abend ein jähes Ende bereitet.
„Ich würge, doch es kommt nichts mehr hoch, nur ein bisschen Galle und jahrealter Schmerz.“
Viola van de Sandt lässt besagten Abend, an dem sich alles änderte, aus Francas Sicht Revue passieren, mal in Form von Gesprächen mit der Therapeutin Stella, mal in Form eines Briefes, den sie zur besseren Verarbeitung verfassen soll. Als Leser*in deckt man so Stück für Stück auf, was damals geschah und macht sich mit Franca auf die Suche nach den verdrängten Erinnerungen, die den genauen Ablauf vervollständigen. Die Figur der Franca ist dabei eine unzuverlässige Erzählerin, da sie immer wieder Geschehnisse benennt, die sich im weiteren Verlauf des Buchs als reine Imagination entpuppen.
In sehr intensiver Sprache schafft van de Sandt es, den inneren Druck der Protagonistin zu veranschaulichen, der sich stellenweise so verdichtet wie Dampf in einem Kessel, bevor dieser laut zischend überkocht. Francas Gedankenkreisen und ihre mentalen Sprünge zeigen überdeutlich ihre innere Unruhe und wie sie sich in sich selbst verliert. Ihre Reaktionen, egal ob gegen sich selbst oder gegen andere gerichtet, und ganz gleich ob real oder imaginär, sind sehr drastisch, weshalb man sich die Content Warnings bei diesem Werk unbedingt zu Herzen nehmen sollte.
„Es liegt nicht an meinen Entscheidungen. Sondern daran, dass ich keine getroffen habe.“
Die Dinner Party ist ein interessantes Beispiel für eine mögliche Verkettung verschiedenster Ereignisse, schafft jedoch in sich selbst keinen runden Abschluss. Die Menge an psychischen Abgründen ist, wie schon genannt, so erschütternd, dass man das Buch nach Abschluss erstmal ‚verdauen‘ muss, auch wenn dem am Ende ein kleiner Lichtblick an Hoffnung gegenübersteht. Mitunter wirkt die Auswahl an gesellschaftlichen Umständen und Einflüssen, die zum Verlauf des Abends beitragen, etwas willkürlich, als hätte man manches noch unbedingt mit in die Geschichte einbauen wollen, ihm aber nicht (mehr) den nötigen Platz zugesprochen, den es aus gesellschaftskritischen Gründen verdient hätte. Das raubt dem Werk eine inhaltliche Punktiertheit, bei dem „Weniger ist Mehr“ ausdrucksvoller gewesen wäre. In Gänze überzeugt das Werk aber als psychische Abwärtsspirale, die in einem Fiasko endet, auch wenn man sich bewusst sein muss, dass das Buch keine leichte Unterhaltung ist, sondern auch fordert.
von Nike Kutzner

Viola van de Sandt
Die Dinner Party
Aus dem Englischen von Heike Reissig
pola 2026
333 Seiten
22,00 Euro
ISBN 978-3-7596-0058-5