„Armut hat keine Lobby. Es gibt niemanden in der herrschenden Klasse, der kurzfristig davon profitieren würde, wenn Armut beseitigt werden würde.“
Journalistin Miriam Davoudvandi erzählt in Das können wir uns nicht leisten. Was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein autobiografisch vom Aufwachsen in Armut und vom Aufstieg, aus einer migrantischen Perspektive.
„Das allerschlimmste Gefühl aber, das alle armen Menschen eint und nie loslässt, ist: Scham. Scham für alles, was wir nicht wissen, was wir nicht haben, was wir nicht kennen, was wir uns nicht leisten können. Scham für das, was wir waren, sind und sein werden.“
Davoudvandi wurde in Bukarest als Tochter einer Rumänin und eines Irakers geboren und zog mit sechs Jahren in eine baden-württembergische Kleinstadt. Anhand von elf thematischen Kapiteln, bei dem jedes mit einem Rap-Zitat beginnt, gibt die Autorin Einblicke in Facetten des Aufwachsens in Armut: Armut und Geburt, Wohnen, Schule, Studium, Freizeit, Essen, Fernsehen, Aussehen, (psychische) Gesundheit, Beziehungen und Aufstieg.
Auch wenn die Autorin eingangs klarstellt, dass das Buch keine Migrationsgeschichte erzählt, wird deutlich, dass ihre Armutserfahrungen durch die Migration ihrer Familie amplifiziert wurde. Die nicht anerkannten Ausbildungsgrade der Eltern sorgen für einen finanziell schlechter gestellten Start in Deutschland und die einsetzende Resignation, dass ein ,deutscher Traum‘ nicht existiert. Besonders eindrücklich beschreibt Davoudvandi beispielsweise den konstanten familiären Druck, dass ihr die Möglichkeit des Aufstiegs nun zuteilwird und sie diesen Erwartungen gerecht werden soll. Akademischer Erfolg als demütiger Dank für die Aufopferung ihrer Eltern. Umso gravierender, wenn die Entscheidung einer Lehrkraft solche Möglichkeiten zu verbauen droht – nicht aufgrund schlechter Noten, sondern aufgrund der Empfehlung für die Gesamtschule und gegen das Gymnasium, damit sie „dort unter [ihres]gleichen“ sei. Chancengleichheit ist schlicht eine Lüge.
„Menschen mit Geld lieben es, Menschen ohne Geld zu kontrollieren – als Form der Abgrenzung.“
Davoudvandi greift auf, dass wohlhabende Menschen die Ausgaben von ärmeren Menschen verurteilen, basierend darauf, dass Armut selbstverschuldet sei. Wenn man das Geld statt in Gelnägel oder einen Flachbildfernseher anders investieren würde, dann wäre man schließlich nicht arm – so ihre Argumentation. Die Autorin zeigt, dass für ärmere Menschen Fernsehen als Teilhabe dient, die sonst verwehrt bleibt. Gelnägel zählt sie im Kapitel Armut und Aussehen zu einer Reihe von Dingen, die als „classy when you’re rich and trashy when you’re poor“ gelten. Am perfidesten sind jedoch die Verinnerlichung von Klassismus und der Versuch der Abgrenzung armer Menschen untereinander: „Reiche hassen Arme, aber Arme hassen andere Arme auch.“ Hier wird Davoudvandi selbstkritisch im früheren Umgang mit einer Mitschülerin.
Heute teilt die Autorin die Ambivalenz zu ihrem Aufwachsen in Armut. Die Erfahrungen der Entbehrungen sind weiterhin identitätsstiftend, auch wenn ihre aktuelle Situation eine andere ist. Sie weiß: „Sozialer Aufstieg ist fragil. Abstieg hingegen ist sehr einfach.“ Besonders einschneidend ist das eigene Verurteilen ihrer selbst als „Klassenverräterin“, gegenüber anderen armen Menschen, die nicht aufsteigen können: „Wenn man aufsteigt, tauscht man etwas von der Scham in Schuld ein, und sie wird zum ständigen Begleiter.“ Ihre Eltern gehen weiterhin, ob ihrer Ausbildung im Ausland, ihren weniger qualifizierten Berufen in Deutschland nach, sie bleibt das parentifizierte Kind, ist aber selbst finanziell abgesichert durch ihren Aufstieg und möchte dort auch ernst genommen statt auf ihr Aufwachsen reduziert werden: „Zwischen beiden Welten zu navigieren und sich dabei selbst treu zu bleiben, ist schwierig – und macht einsam.“
„Wenn ich von meinen Problemen erzählte, nervte mich sein Optimismus. So viel Optimismus kann sich doch nur ein Bonze leisten, dachte ich damals.“
Der Fokus der Autorin ist das Teilen persönlicher Erfahrungen, um Aufwachsen in Armut für die Leser*innen nahbar zu transportieren, und das gelingt ihr auch. Dafür verwendet Davoudvandi eine sehr einfache Sprache, die Zugänglichkeit sichert. Leider wird dabei aus Lockerheit gelegentlich Flapsigkeit, was dem Text sowie dem Thema schadet. Vereinzelt wird eine Studie herangezogen, um mit einer Fußnote eine Aussage zu belegen, aber als klassisches Sachbuch ist Das können wir uns nicht leisten nicht zu verstehen. Es ist vielmehr ein autobiografischer Bericht, da Intersektionalität und strukturelle Mechanismen oft lediglich angedeutet und nicht in der Tiefe analysiert werden. Wer mit der Thematik bereits vertraut ist – sei es als persönliche Lebensrealität oder aus wissenschaftlicher Perspektive – wird nicht zwangsläufig etwas Neues erfahren. Davoudvandi verharrt in der Deskription, es werden keine Lösungsansätze (was selbstredend nicht die Aufgabe armer Menschen ist) präsentiert oder dezidiert konkrete Kritik an deutscher Sozialpolitik geäußert. Das spricht dem Buch keinesfalls seine Relevanz ab, sondern soll die Erwartungen an die Lektüre anpassen.
„Denn selbst wenn du einen Aufstieg schaffst, kannst du die anderen nicht einholen. Aufstieg ist ein Rennen, bei dem andere schon am Ziel sind, bevor du losläufst.“
Miriam Davoudvandis Das können wir uns nicht leisten. Was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein „ist für alle, die in Victory-Schuhen statt Nikes rumgelaufen sind“, für die, die sich durch den Erfahrungsbericht gesehen fühlen und die, die sich mit dem nahbaren Einstieg in eine ihnen fremde Lebensrealität mit Armut und Klassismus auseinandersetzten möchten.
von Michaela Minder

Miriam Davoudvandi
Das können wir uns nicht leisten. Was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein
Btb 2026
256 Seiten
18,00 Euro
ISBN 978-3-442-76329-0