Daniel Müller – Möwen ohne Pommes
Daniel Müller – Möwen ohne Pommes

Daniel Müller – Möwen ohne Pommes

K(l)eine Veränderungen auf dem Campingplatz

CW: Drogenkonsum, Gewalt

David möchte seine Beziehung retten. Sein Plan? Zwei Wochen allein auf dem Campingplatz wohnen, auf dem er in seiner Kindheit die Ferien mit seinem Vater verbrachte. Etwas Abstand und Zeit darüber nachzudenken, wie die Beziehung mit Josi weitergehen soll. Daniel Müllers Debütroman Möwen ohne Pommes handelt von neuen Freunden, alten Bekanntschaften und wichtigen Entscheidungen – kurz gesagt: dem Leben.

„[D]ie Kraft der eigenen Seele kommt und geht wie Salzwasser am Strand.“

Introvertiert und durch und durch ein Grübler – David macht sich viele Gedanken über alles, trifft Entscheidungen, nur, um sie Sekunden später wieder zu überdenken oder zu bereuen. Nicht zuletzt durch die bildlichen Beschreibungen und kleinen Details wird ein wundervolles Gesamtbild von Davids Erfahrungen erzeugt. Seine Geschichte erscheint dadurch so realitätsnah, dass sie das alltägliche Leben vieler Menschen widerspiegelt.

Auf dem Campingplatz trifft David viele neue Gesichter und schließt ungewohnte Freundschaften, wie mit Fred, der etwas an sich hat, dass „die Mauer, die er [David] Fremden gegenüber sonst augenblicklich hochzog, nutzlos [macht].“ Daneben gibt es noch das Trio bestehend aus Jessy, Kratze und Mexi, die ihn in ihre Gruppe willkommen heißen und in schwierigen Situationen für ihn da sind. Kein Wunder entsteht aus diesen zufälligen Begegnungen neue Freundschaften. Gerade zu Mexi spürt David aber noch eine andere, viel tiefere Bindung. Josi, seine Freundin, für die er sich doch diese Auszeit nimmt, rückt dabei immer weiter in den Hintergrund. Sagt das dann nicht schon genug über ihre Beziehung aus?

„Obwohl ich will, dass sich nichts ändert, fürchte ich mich davor, dass alles so bleibt.“

David muss sich auf dem Campingplatz auch mit seiner Vergangenheit und Familiengeschichte auseinandersetzen und lernen, sich seinen Ängsten zu stellen: Seinem Opa, der auf dem Campingplatz lebt, entgegentreten, anstatt ihm aus dem Weg zu gehen oder sich mit seinem Kindheitsfreund, der ihn eines Tages grundlos verprügelte, aussprechen. Doch auch hier läuft nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen. Denn kann und will man überhaupt jemandem verzeihen, der einen nicht nur körperlich, sondern auch seelisch so sehr verletzt hat?

Die Gespräche zwischen David und seinem Vater, der durch seine Therapie lernt, sich zu öffnen, zeigen David, dass man nie zu alt ist, um sich zu ändern und seine Gefühle offen zu zeigen. Der Roman bricht hier mit „klassischen“ Bildern der Männlichkeit und zeichnet das Bild eines jungen Mannes, der auch mal weint, lernt mit seinen Gefühlen offener umzugehen, helfende Hände nicht wegstößt und bei Freund*innen emotionale Stützen sucht. David lernt, dass es manchmal doch besser ist, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, anstatt alles einfach so passieren zu lassen – eine Lektion, die auch im echten Leben immer wichtiger wird.

„Es roch nach Pommes, die Möwen zogen ihre Kreise, es war auf eine Art perfekt.“

Eine Auszeit auf dem Campingplatz an der Ostsee klingt wie ein idyllischer Urlaub. Ruhe vor dem stressigen Alltag, ein Seebrückenfest mit Lagerfeuer und schöne Spaziergänge. Verköstigt durch eine Currywurst-Bude eines bayrischen Verkäufers mit Berliner Dialekt, der immer ein offenes Ohr für Probleme hat. Kurzum, der ideale Ort für eine Auszeit. Auch David fühlt sich direkt wieder in seine Kindheit zurückversetzt – viel verändert hat sich der Campingplatz in all den Jahren nämlich kaum. Doch anstatt nur diese idyllische Vorstellung beizubehalten, wird das Camping-Leben nicht verschönert, sondern in seiner harten Realität gezeigt: Badehäuser, die so schlecht gelüftet sind, dass sie immer nass bleiben, die Gerüche in besagten Bade- und Klohäusern und Nachbar*innen, die die ganze Nacht auf voller Lautstärke Techno-Musik spielen. Beim Lesen wünscht man sich gleichzeitig dort zu sein, im nächsten Moment aber auch wieder nicht.

Möwen mit Pommes ist ein Roman in dem wenig, aber gleichzeitig sehr viel passiert. Ideal für warme Sommernächte und durch die kurzen Kapitel auch für lange oder kurze Reisen. Davids Geschichte ist wie jedes Leben: Man trifft neue Menschen, denkt nach und verändert sich, wenn auch nur ein bisschen. Es gibt keine große Action oder großartig weltverändernde Handlungen, sondern es passieren alltägliche Dinge, die jede*m tagtäglich begegnen könnten. Und „[v]ielleicht kommt es viel eher darauf an, zu wissen, wo die Reise hingehen soll und dass man sie erstmal einfach antritt.“

von Sina Gutöhrlein

Daniel Müller
Möwen ohne Pommes
Wolfgang Hager Verlag 2026
234 Seiten
17,99 Euro
ISBN 978-3-903443-64-8

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