„Warum fast alles falsch ist, was du über Mätressen und Königinnen zu wissen glaubst“
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CW: Gewalt, Hexenverfolgung, Misogynie, Sexismus
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„Heute scheint der Begriff Femme fatale inflationär verwendet zu werden“, stellt Samra Kljajic zu Beginn ihres historischen Sachbuchs treffend fest. Seit Jahrhunderten hält sich in der Geschichtsschreibung ein hartnäckiges Bild: Frauen, die nach Macht greifen, seien in erster Linie berechnende Verführerinnen, die Männer um den Verstand bringen. Wer als Frau aufstieg, tat dies vermeintlich selten durch strategische Intelligenz, sondern durch sexuelles Kalkül. Genau dieses verzerrte Narrativ bricht Kljajic in Femme Fatale: Die weibliche Macht im Schatten der Geschichte eindrucksvoll auf.
Eine chronologische Reise durch Jahrtausende
Das Werk bietet einen umfassenden und fesselnden Überblick über weibliche Machtausübung von der Antike bis in die Moderne. Dabei wird eine beeindruckende Bandbreite an historischen Figuren beleuchtet – von Kleopatra und Jeanne d’Arc über die chinesische Kaiserin Wu Zetian bis hin zu Lola Montez und Mata Hari. Das Buch ist chronologisch aufgebaut und überaus sinnvoll strukturiert: Es gelingt der Autorin, die einzelnen Epochen so kompakt zu halten, dass beim Lesen nie Längen entstehen. Auch wenn tiefgehende, detailversessene Analysen einzelner Zeitalter zugunsten der enormen historischen Breite naturgemäß etwas zurückstehen müssen, besticht das Werk gerade durch diesen greifbaren Überblick. So lernt man nicht nur hierzulande weniger bekannte Herrscherinnen wie Kaiserin Wu kennen, sondern versteht auch die feinen, aber machtpolitisch entscheidenden Unterschiede zwischen den offiziell ernannten Königinnen und Kaiserinnen und den meist inoffiziellen, aber erstaunlich einflussreichen Konkubinen, Mätressen und Kurtisanen.
Weibliche Macht als Erklärungsnotstand
Besonders bemerkenswert ist die Schärfe, mit der die männlich dominierte Geschichtsschreibung dekonstruiert wird. Die zentrale Erkenntnis des Buches bringt Kljajic pointiert auf den Punkt: „So funktioniert die Entmachtung im Nachhinein: Man macht aus Politik ein Gerücht und aus Herrschaft ein schmutziges Bild.“ Frauen hatten immer Macht, doch sie mussten sich stets rechtfertigen, wo Könige schlichtweg regierten. Weiblicher Einfluss wurde delegitimiert, sexualisiert oder als Ausnahmeerscheinung abgetan. Kljajic zeigt auf, wie Frauen zu Projektionsflächen wurden und wie Mythen – etwa um Lilith oder Eva – als kulturelle Disziplinierungsnarrative dienten, um patriarchale Strukturen zu festigen. Die Figur der Verführerin, so erfährt man im Buch, diene „weniger der Beschreibung realer Frauen als der Stabilisierung gesellschaftlicher Ordnung.“
Überleben statt Feminismus
Interessanterweise ist Femme Fatale kein klassisch feministisches Manifest, was auch gar nicht der Anspruch der Autorin ist. Die porträtierten Frauen waren in der Regel keine Vorkämpfer*innen für Gleichberechtigung. Vielmehr handelten sie innerhalb der strengen gesellschaftlichen Grenzen ihrer Zeit, um in Systemen zu überleben, die sie nie vorgesehen hatten. Sie nutzten die ihnen zugedachten Rollen als Ehefrauen, Mütter oder Kurtisanen als strategische Instrumente, um sich Handlungsspielräume zu erarbeiten. Weibliche Macht, so wird deutlich, wurde von Klerus und Gesellschaft oft nur dann geduldet, wenn sie sich durch Nützlichkeit, Frömmigkeit oder Mutterschaft legitimierte.
Fazit: Ein längst überfälliger Perspektivwechsel
Samra Kljajic liefert mit diesem Buch eine brillante historische Einordnung weiblicher Macht. Die Lektüre öffnet einem die Augen dafür, wie massiv historische Erzählungen verfälscht und umgeschrieben wurden. Es ist eine absolute Leseempfehlung für alle geschichtsinteressierten Leser*innen, die den wahren Einfluss von Frauen jenseits von Skandalen und Vorurteilen verstehen möchten. Das Werk verdeutlicht eindringlich, dass weibliche Macht nie das Problem war – sondern vielmehr die Angst einer von Männern dominiert Gesellschaft vor ihr.
von Franziska Lindner

Samra Kljajic
Femme Fatale: Die weibliche Macht im Schatten der Geschichte
dtv 2026
400 Seiten
11,99 Euro
ISBN 978-3-423-44964-9