Samantha Harvey – Umlaufbahnen
Samantha Harvey – Umlaufbahnen

Samantha Harvey – Umlaufbahnen

„Und ungeachtet dessen singt der Planet vor lauter Licht.“

Geschrieben von Samantha Harvey und übersetzt von Julia Wolf, eröffnet der Roman Umlaufbahnen Leser*innen eine Welt, die den meisten Menschen immer fern bleiben wird. Genau genommen etwa 400 Kilometer fern und vertikal nach oben: das Weltall. 

An kaum einem Ort ist ein einzelner Tag so schnell und zugleich so lang, wie auf der ISS. Die monotonen Handgriffe, die fest strukturierten und überwachten Tagesabläufe, die schier unvorstellbare Distanz zu Freunden, Familie und einem ‚normalen‘ Leben lassen ganze Tage ins Muskelgedächtnis übergehen. Gleichzeitig führt ihre Umlaufbahn die ISS in 24 Stunden durch je 16 Sonnenaufgänge und -untergänge, verwirrt die innere Uhr und hinterlässt sogar im Schlaf eine subtile Rastlosigkeit.

„Die Schwerelosigkeit wird euch gefallen, ihr werdet keine Angst mehr haben. Das Leben ist kurz, eures besonders. Lasst los, traut euch.“

Umlaufbahnen begleitet sechs fiktionale Astronaut*innen durch einen ebensolchen Tag. Die zwei Frauen und vier Männer verschiedenster Nationen wurden aus diversen Hintergründen zu ihrer Berufswahl hingeführt, doch sie alle eint die Liebe zur Welt. Und auch von der Monotonie ihrer Tage lässt sich die Ehrfurcht nicht schmälern, die jeder Blick auf unseren blauen Planeten in ihnen auslöst. Auf den blauen Planeten, der sich aus dieser Höhe in all seinen Farben zeigt. 

Alle sechs betrachten ihn mit verschiedenen Blickwinkeln und warten darauf, dass sich ihnen eine andere Heimat zuwendet. Trauer, Heimweh, aber auch Freude und Dankbarkeit werden im Angesicht der ganzen Welt zu winzig kleinen Gefühlen, die zugleich allumfassend werden.

Die Erde wird zu einer Protagonistin, zum eigentlichen Zentrum des Geschehens. Statt als Schauplatz der Handlung nimmt sie schwerelos den Raum ein, der ihr zusteht – und so unfassbar groß ist, dass dies vielleicht nur aus dem Weltall möglich ist.

„Diese Herzen, die im Anblick des spektakulären Weltalls vor Entzücken anschwellen, werden gleichzeitig ganz welk davon.“

Die elegante Wortwahl lässt unseren Planeten schillernd zu einem facettenreichen Diamanten in den Weiten des Weltraums werden, ohne dabei an liebevoller Nähe und herzzerreißender Wertschätzung zu verlieren. Dabei legt Harvey immer wieder – teils in einem kurzen Nebensatz versteckt, teils offensiv genug, um Lesende den eigenen Beitrag an den globalen Missständen reflektieren zu lassen – pointiert den Finger in die Wunden, die der Mensch tagtäglich tiefer in die Erde reißt.

Mit ihrer Schreibweise lädt Harvey dazu ein, Zitate zu markieren und ganze Absätze noch einmal lesen zu wollen. Hierbei ist auch die Arbeit der Übersetzerin Julia Wolf besonders hervorzuheben. Wenn auch vielleicht eine zunächst irritierende Einordnung, ist Umlaufbahnen ein Werk, das seinen Platz in jedem Deutschunterricht haben könnte. Stilmittel, die in Lektüren der vergangenen Epochen häufig verstaubt, gestelzt und fremd wirken, fließen plötzlich in einer Natürlichkeit in Beschreibungen ein, die ihren Zweck selbstverständlich werden lässt. Der afrikanische Kontinent wird in seiner Fülle an Farben zu einer „überbordenden Obstschale“, die Great Lakes glänzen „[w]ie gehämmerter Stahl in der Nachmittagssonne“ und „alles ist so nah und so grenzenlos in dieser erstaunlichen Einsamkeit“.

Umlaufbahnen ist ein unfassbar wertvoller, poetischer Roman, der allen Menschen zu empfehlen ist, die unsere Erde ohnehin schon lieben und sie noch ein bisschen mehr lieben wollen. Einfach himmlisch – oder irdisch?

von Marlene Dräger

Samantha Harvey
Umlaufbahnen
Aus dem Englischen von Julia Wolf
Büchergilde Gutenberg 2025
224 Seiten
22,00 Euro
ISBN 978-3-7632-7630-1

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert