Faraz Shariat – Staatsschutz
Faraz Shariat – Staatsschutz

Faraz Shariat – Staatsschutz

„Ja, auch Rechtsextreme dürfen Staatsanwälte sein, solange sie die Neutralität wahren, das ist so in einer Demokratie.“

Regisseur Farat Shariat liefert nach seinem Debüt Futur Drei nun mit dem Drehbuch von Claudia Schäfer seinen Zweitling Staatsschutz, ein Justizdrama mit Thriller-Elementen, das vermeintliche staatliche Neutralität entlarvt.

Der Staatsschutz ist die Abteilung der Staatsanwaltschaft, die politisch motivierte Gewalt behandelt, und in dieser ist die frisch ausgebildete Staatsanwältin Seyo Kim (Chem Emilie Yan) tätig. Sie ist neu in der ostdeutschen Stadt und am Gericht, steht am Anfang ihrer Karriere. Sie verschreibt sich dem Recht, auch wenn das bedeutet aufgrund mangelnder Beweise für den Freispruch eines mutmaßlichen Nazis – Shariat arbeitet mit recht stumpfen äußerlichen Codes, beispielsweise einem Glatzkopf mit tätowiertem Reichsadler – zu plädieren. Doch schon bald wechselt sie von der Anwältin zur Klägerin, denn sie wird selbst Opfer eines Anschlags. Als sie durch einen Park radelt, kommt von hinten ein weiterer Radfahrer rasant angefahren, schneidet ihr so scharf den Weg, dass sie genau kurz nach einer Brückenüberführung stürzt, von der ein Simson-Fahrer sie mit einem Molotowcocktail bewirft. Ihre Jacke fängt Feuer, Seyo brennt. Geistesgegenwärtig streift sie sich die Jacke ab und weist die eintreffende Polizei zur Spurensicherung ein, zieht sich selbst einen Schutzanzug ein. Sie weiß, sie muss nicht ins Krankenhaus, sie muss in die forensische Abteilung, Beweise müssen gesichert werden, damit sie vor Gericht eine Chance hat. Ihr Kollege Oberstaatsanwalt Forch (Arnd Klawitter) übernimmt ihren Fall, doch Seyo lässt nicht los und ermittelt eigenständig – verbotenerweise. Sie deckt immer mehr Verbindungen auf, die Glasfront ihres Apartments, in dem sich die noch nicht ausgepackten Karton stapeln, wird zur Pinnwand. Es erhärtet sich zunehmend ihr Verdacht auf ein rechtsterroristisches Netzwerk in der Stadt, das rassistisch motivierte Anschläge begeht. Sie erwirkt mit ihren Ergebnissen eine Hausdurchsuchung, treibt die Anklage voran, doch wird abgemahnt, sich weiter in den Fall einzumischen. Ihr Kollege stellt infrage, warum sie denn kein Vertrauen in ihre Behörde hätte, sie sei doch die objektivste der Welt. Aber genau dieses Vertrauen stellt sich als trügerisch heraus, als Seyo immer mehr Fälle mit ähnlichem Muster aus dem Archiv ausgräbt und erkennt, wie die Justiz wegschaute. Inwiefern das Wegschauen institutionell gefördert wird, macht besonders eine Sequenz deutlich, in der eine Kollegin Seyo mit den Worten „Wenn Sie auf 80 Prozent Einstellung [von Fällen] kommen, liegen Sie im Durchschnitt“ einarbeitet. Auf den Vorwurf ihres weiteren Kollegens, Oberstaatsanwalt Quant (Sebastian Urzendowsky), dass ihr die Distanz zu den Opfern fehle, entgegnet sie „Vielleicht fehlt Ihnen ja auch die Distanz zu den Tätern“ und erfasst damit die Essenz der Fragilität des Rechtsstaates.

„Wenn der Behördenleiter von Muslimen angegriffen worden wäre, hätten wir hier einen Staatsakt.“

Shariat thematisiert mit Staatsschutz eindringlich das Versagen von Rechtsstaatlichkeit und tariert aus, inwiefern der Staat tatsächlich Opfer von politischer Gewalt schützt und ob er nicht primär sich selbst schützt. Wehrhaftigkeit verhandelt der Regisseur geschickt ebenfalls über die Nebenrollen. Eine Verwaltungsangestellte hilft Seyo heimlich, Zugang zu den ihr eigentlich verwehrten Akten zu erlangen, und eine Rechtsanwältin stellt sich kampfeslustig auf die Seite diskriminierter Gruppen. Das dominierende Motiv des Films ist der Abgleich zwischen Realität und Gesetz, der offenbart, dass die Justiz gerade für vulnerable Personen nicht zwangsläufig Sicherheit bietet. Durch Seyos Recherchen wird das besonders deutlich, als sie beispielsweise Opfer rassistisch motivierter Anschläge, deren Verfahren eingestellt wurden, um Aussagen in ihrem Gerichtsprozess bittet und auf Ablehnung trifft, weil die geschädigten Personen bloß keinen weiteren Ärger wollen, sich nicht die Chance auf den Abschluss ihrer Ausbildung oder auf den Auszug aus der Geflüchtetenunterkunft und in eine eigene Wohnung verlieren wollen. 

„Das ist hier nicht der Ort für linke Parolen.“ „Frau Kim zitiert das Grundgesetz.“

Der Soundtrack des Filmes setzt sich unter anderem aus nebous Strophe des Tracks Crash Out zusammen und untermalt mit dröhnenden Rap-Beats die sich zuspitzende Atmosphäre aus Beklemmung und Wut: „Sie macht alles richtig, sie wehrt sich“. Die lähmende Ruhe der Szenen im Gericht findet auch in den anderen Sequenzen keine Abwechslung. Die erdrückende Anspannung Seyos überträgt sich somit wirkungsvoll auf die Zuschauenden. Staatsschutz wird als Justizdrama, das gegen Ende in einen Thriller umschlägt, gehandelt. Der Film behält es sich vor, trotz der düsteren Atmosphäre, Momente der Gemeinschaft darzustellen, die jedoch durch den Druck, der auf Seyo lastet, auch beim Publikum keine tatsächliche Erleichterung aufkommen lassen. Seyo stattet sich nach dem Angriff mit einem Waffenschein und einem geschützten Wagen aus. Diese Vorkehrungen sind nicht als Angriff ihrerseits zu verstehen, sondern als der Versuch, sich zu schützen. Ihre Recherchen, die drohen, ein (gewolltes) Justizversagen zu Tage zu befördern, können jedoch als Angriff verstanden werden – zumindest von den rechtsextremen Gruppen, die sich bisher in einer ihnen zugunsten ausgelegter Rechtsstaatlichkeit als wenig antastbar wähnten. Faraz Shariat fängt diese Aussicht als Ende von Staatsschutz stimmungs- sowie verheißungsvoll mit dem Donnergrollen des dröhnenden Motors von Seyos Batmobil ein, das anschwellt, währen sich die rechtsterroristischen Protagonist*innen ihrer Recherchen verängstigt umdrehen – was da wohl auf sie zukommen mag? Gerechtigkeit?

Weitere Vorstellungen finden am 18.19. und 20. September um 20:20 Uhr sowie am 23. September um 18:15 Uhrim Lichtspiel statt.

von Michaela Minder

Faraz Shariat
Staatsschutz
D 2026
113 Minuten
FSK 12

Fotos © Lotta Kilian / Jünglinge Film

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