Zwischen Kirschblüten und Krankenhausfluren
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CW: Krankheit, Krebs, Tod
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I want to eat your pancreas (dt.: Ich möchte deine Bauchspeicheldrüse essen) klingt zunächst eher nach kannibalistischem Horror als nach einer Geschichte über Freundschaft, erste Liebe und die Frage, was es eigentlich bedeutet, wirklich zu leben. Doch genau das ist Sakura – I want to eat your pancreas, eine berührende Tragikomödie von Yoru Sumino, welche 2015 als Roman erschien und die von Idumi Kirihara als Manga illustriert wurde.
„Wenn ich sage, dass ich eigentlich super große Angst vor dem Tod habe, was tust du dann?“
Sakura Yamauchi wird sterben. Das ist kein Spoiler, sondern die Ausgangssituation der Geschichte. Die beliebte Schülerin leidet an Bauchspeicheldrüsenkrebs und hat nur noch eine begrenzte Zeit zu leben. Außer ihrer Familie weiß davon allerdings niemand. Das ändert sich, als der Protagonist, ein stiller Klassenkamerad von Sakura, zufällig von ihrem Geheimnis erfährt. Während Sakura kontaktfreudig, spontan und lebenslustig ist, verbringt er seine Zeit lieber allein mit Büchern und zeigt wenig Interesse an seinen Mitmenschen. Die beiden könnten kaum unterschiedlicher sein und trotzdem – oder gerade deswegen – beginnt eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen ihnen.
Das Wissen um Sakuras bevorstehenden Tod schwebt dabei über der gesamten Geschichte. Trotzdem ist Sakura – I want to eat your pancreas überraschend selten deprimierend, denn Sakura möchte ihre verbleibende Zeit nicht ausschließlich mit Trauer verbringen. Stattdessen geht sie gerne essen, macht Witze, und genießt scheinbar vollkommen alltägliche Momente. Gerade darin funktioniert die Geschichte besonders gut. Nicht die Krankheit allein definiert Sakura und auch der Protagonist wird nicht lediglich zum tragischen Begleiter einer Sterbenden degradiert. Beide beeinflussen einander und verändern langsam die Art, wie das Gegenüber über das Leben und die Beziehungen zu anderen Menschen denkt.
„Jeder Tag ist wertvoll. Und ich habe den heutigen genossen!“
Besonders faszinierend in Sakura – I want to eat your pancreas sind die Figuren. Sakura ist dabei ein wunderbar widersprüchlicher Charakter. Ihre fröhliche und teilweise penetrant-optimistische Art kann zunächst fast anstrengend wirken, doch immer wieder gibt es Momente, in denen deutlich wird, dass auch sie Angst hat. Ihre Lebensfreude bedeutet nicht, dass sie ihren Tod einfach akzeptiert hat. Ihr Mitschüler, der Protagonist, ist trotz seiner zurückgezogenen Art weit mehr als der typische stille Bücherwurm. Seine scheinbare Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen wird im Verlauf der Geschichte zunehmend hinterfragt. Ihre Beziehung lebt genau von diesem Gegensatz: Sakura möchte leben und weiß, dass sie sterben wird; er lebt, hat sich aber weitgehend aus seinem eigenen Leben zurückgezogen. Spannend ist hier auch, dass der Protagonist sich oft vorstellt, was andere von ihm denken, wenn sie seinen Namen nennen. Anstelle seines Namens stehen daher in den Sprechblasen meist eckige Klammern mit Umschreibungen seiner Person, zum Beispiel: „[unscheinbarer Klassenkamerad]”, „[Klassenkamerad, der mein Geheimnis kennt]” oder „[mein guter Freund]”. Sein Name wird erst am Ende des Buches enthüllt.
Besonders schön gelungen ist der Kontrast zwischen der Schwere der Geschichte und ihrer häufig sehr hellen Optik. Kirschblüten, Schulalltag und die freundlichen Charakterdesigns lassen den Manga sehr leicht wirken. Die Krankheit drängt sich visuell nicht ständig in den Vordergrund. Umso stärker treffen die Momente, in denen sie plötzlich wieder präsent wird. Auch die neue Ausgabe selbst ist einen Blick wert. Mit der neuen Reihe Shojo Pearls holt Carlsen ältere Shojo-Klassiker als überarbeitete Sammelausgaben zurück, charakteristisch für die Reihe sind Doppelbände. Bei Sakura – I want to eat your pancreas Pearls ist das besonders praktisch, denn die zuvor auf zwei Einzelbände verteilte Geschichte ist jetzt komplett in einem Band enthalten.
„Wie soll ich wissen, dass ich in dieser Welt existiere, wenn ich allein bin?“
Sakura – I want to eat your pancreas ist traurig. Natürlich ist es das. Trotzdem macht der Manga aus Sakuras Krankheit keinen Dauerzustand aus Elend. Viel stärker geht es darum, wie Beziehungen einem Leben Bedeutung geben. Das Ergebnis ist eine warmherzige, teils lustige und teils sehr emotionale Geschichte über zwei Jugendliche, von denen ausgerechnet diejenige, deren Tod bevorsteht dem anderen beibringt, mehr am Leben teilzunehmen.
Yoru Suminos Originalgeschichte wurde sowohl als Realfilm als auch als Anime adaptiert. Der gleichnamige Anime-Film I Want to Eat Your Pancreas erschien 2018. Wer den Film bereits kennt, bekommt mit dem Manga jedoch nicht einfach dieselbe Geschichte noch einmal in unbewegten Bildern, sondern eine Version, deren Stärke besonders in ihrer zurückhaltenden Visualität liegt. Die Pearls-Edition ist dafür eine besonders schöne Gelegenheit, die Geschichte neu oder zum ersten Mal zu entdecken.
von Annika Enninghorst

Yoru Sumino & Idumi Kirihara
Sakura − I want to eat your pancreas Pearls
Aus dem japanischen von Yuko Keller
Carlsen 2026
440 Seiten
14,00 Euro
ISBN 978-3-551-80956-8