Anklage gegen das Patriarchat: Warum wir ein neues Verständnis von Sicherheit brauchen
—
CW: Digitale Gewalt, Femizide, Misogynie, Sexualisierte Gewalt, Victim Blaming
—
Männliche Gewalt gegen Frauen ist kein individuelles Schicksal, sondern ein strukturelles Problem. Als der Fall der Fernsehmoderatorin, Schauspielerin und Autorin Collien Fernandes Deutschland aufrüttelte und einmal mehr die großen Lücken im deutschen Rechtssystem zeigte, wollten die Menschenrechtsaktivistinnen Kristina Lunz und Düzen Tekkal das nicht länger hinnehmen. Aus der Wut über den mangelnden Opferschutz entstand eine konkrete Aktion: Eine Petition mit über 336.000 Unterschriften haben die beiden Initiatorinnen inzwischen dem Bundestag übergeben. Ihre dort formulierten Forderungen an die Politik haben sie nun in ihrem neuen Buch Wer hat euch erlaubt, Frauen so zu hassen? Für eine Gesellschaft, in der alle sicherer sind. Ein Manifest. genauer ausgeführt. Das Werk ist eine ehrliche Bestandsaufnahme einer Gesellschaft, in der patriarchales Denken tödlich enden kann – denn, wie Kristina Lunz es drastisch auf den Punkt bringt: „Femizide sind die schlimmste Konsequenz von männlicher Gewalt, von Besitzanspruch und Unterdrückungsfantasien.“
Das Recht als Spiegel gesellschaftlicher Macht
Das Manifest legt den Finger in die Wunde und zeigt, wie tief patriarchale Denkmuster in Justiz und Gesellschaft noch immer verankert sind. Eine der erschreckendsten Zahlen des Buches: Nur schätzungsweise ein Prozent aller Vergewaltigungen wird verurteilt. Die Autorinnen ordnen das klar ein: „Recht ist das Ergebnis gesellschaftlicher Machtverhältnisse – und es ist historisch vor allem von Männern geprägt.“ Ohne kritische Reflexion werde das Rechtssystem selbst zum Instrument der Herrschaft. Die Folgen zeigen sich bis heute in Gerichtsverfahren, bei denen Femizide – die Tötung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts – oftmals als emotionale Ausnahmesituation des Täters gewertet werden, was strafmildernd wirken kann. Die Autorinnen bezeichnen diese Logik als zutiefst frauenfeindlich: „Was hier als Verzweiflung erscheint, ist bei genauer Betrachtung oft nichts anderes als der Verlust eines Kontrollanspruchs.“
Die Gefahr der digitalen Gewalt
Ein wichtiger Schwerpunkt des Buches ist die Verbindung zwischen der analogen und der digitalen Welt. Social Media bietet frauenfeindlichen Hetzjagden heute eine völlig neue Plattform. „Hexenjäger der Frühen Neuzeit würden vor Neid erblassen“, heißt es dazu treffend im Text. Die Autorinnen machen deutlich, dass digitale Gewalt kein harmloses Randphänomen ist. Wer im Netz bedroht oder Opfer von KI-generierten Deepfake-Pornos wird (96 Prozent aller Deepfakes sind pornografischer Natur und betreffen fast ausschließlich Frauen), leidet oft unter realen, körperlichen Folgen wie Panikattacken und Traumatisierungen. Die Forderung ist klar: Digitale Gewalt ist Teil eines Kontinuums geschlechtsspezifischer Gewalt und muss politisch konsequent verfolgt werden.
Aktuell, aber teils überhastet
Das Buch punktet vor allem mit seiner Aktualität. Es ordnet jüngste Vorkommnisse – von internationalen Fällen wie den Epstein-Files und Gisèle Pelicot bis hin zu Debatten um das „Ja heißt Ja“-Prinzip auf europäischer Ebene – politisch ein. Diese Aktualität bringt allerdings auch eine kleine Schwäche mit sich: Das Buch liest sich an einigen Stellen eher wie ein schnell verfasstes politisches Thesenpapier wie ein von vorn bis hinten durchdachtes Sachbuch. Die Themen wechseln teilweise sprunghaft und historische Hintergründe kommen oft etwas zu kurz. Dadurch entsteht manchmal das Gefühl, dass einiges an Vorwissen erwartet wird. Trotzdem liest sich der Text flüssig und kurzweilig, was vor allem an den klaren Argumenten und dem starken Nachwort liegt. Gegebenenfalls dauert es dadurch aber, bis man gut in den Lesefluss kommt.
Ein durchaus notwendiger politischer Weckruf
Wer hat euch erlaubt, Frauen so zu hassen? ist kein klassisches, in die Tiefe gehendes Sachbuch, sondern eben genau das, was der Untertitel verspricht: ein Manifest. Es richtet sich an eine Zielgruppe, die sich bereits für feministische Themen interessiert und einen Überblick über aktuelle politische Forderungen und Gesetzeslücken im Kampf gegen männliche Gewalt sucht. Es ist ein Weckruf für unsere Gesellschaft, denn „die Beschämung von Frauen ist seit Jahrtausenden ein probates Mittel, um diese zu isolieren“. Wer aus der politischen Erschöpfung ausbrechen und verstehen möchte, warum eine solidarische Frauenkultur ein notwendiger Schutzfaktor ist, findet hier starke Argumente.
von Franziska Lindner

Kristina Lunz, Düzen Tekkal
Wer hat euch erlaubt, Frauen so zu hassen? Für eine Gesellschaft, in der alle sicherer sind. Ein Manifest.
Heyne 2026
176 Seiten
20,00 Euro
ISBN: 978-3-453-21939-7