„Sweet home Ithaka, Lord I’m coming home to you.”
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CW: Gewalt, sexualisierte Gewalt, Tod, Tod von Tieren
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Das Jahr 700 v. Chr.: Die Kelten beginnen Britannien zu besiedeln, im heutigen Irak wird die größte bekannte Bibliothek des Alten Orients errichtet, Ägypten erlebt durch die „schwarzen Pharaonen“ einen kulturellen Aufschwung und in Zentralasien verbreitet Zarathustra seine Lehren. In dieser Zeit werden im antiken Griechenland erstmals die Jahrhunderte alten mündlichen Erzählungen schriftlich festgehalten. Die Odyssee entsteht.
In dieser fast 3000 Jahre alten Tradition hat der Anaconda Verlag eines der bekanntesten Heldenepen aller Zeiten erneut herausgegeben. Die vorliegende Ausgabe bietet damit die Gelegenheit, einen Text neu zu entdecken, der nicht nur den Grundpfeiler der europäischen Literaturgeschichte bildet, sondern bis heute nicht an Relevanz verloren hat. Man denke nur an den neuen Christopher Nolan-Blockbuster Die Odyssee.
„Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, …“
Die Odyssee erzählt in 24 Gesängen die Geschichte des griechischen Helden Odysseus, der nach dem Ende des Trojanischen Krieges versucht, in seine Heimat Ithaka zurückzukehren. Seine Rückkehr dauert etwa zehn Jahre und ist durch zahlreiche Gefahren und mystische Begegnungen geprägt. Dabei trifft er unter anderem den einäugigen Zyklopen, die Zauberin Kirke und die Sirenen. Viele dieser Gestalten wurden durch die Odyssee erstmals schriftlich festgehalten und sind bis heute fester Bestandteil der Popkultur. Auch Begriffe wie „Odyssee“ für eine lange, schwierige Reise oder „Mentor“ für eine erfahrene Person, die jemanden unterstützt, haben ihren Ursprung in diesem Werk.
Obwohl die Irrfahrten des Odysseus den bekanntesten Teil des Werkes darstellen, nehmen sie tatsächlich nur einen kleinen Teil der Geschichte ein. Während seiner langen Abwesenheit haben sich zahlreiche Freier in seinem Haus niedergelassen, die um die Hand seiner Frau Penelopeia werben. Ein großer Teil der Handlung beschäftigt sich mit dieser Dynamik und mit Odysseus’ Rückkehr zu seiner Frau nach Ithaka. Denn mit Hilfe der Göttin Athene und seines Sohnes Telemachos gelingt es ihm schließlich, unerkannt in seine Heimat zurückzukehren.
Die Odyssee besitzt eine außergewöhnliche Bedeutung für die Weltliteratur. Sie gehört mit der Ilias zu den ältesten erhaltenen Schriften der griechischen Antike und galt jahrhundertelang als grundlegendes Werk der europäischen Bildung und Kultur. Die Geschichte rund um den listenreichen, aber fehlbaren Odysseus ist bis heute noch Grundlage für klassische Heldensagen. Auch formal ist das Werk für die Entwicklung der modernen Literatur essenziell. Die Handlung wird nämlich nicht einfach chronologisch erzählt; die Odyssee arbeitet stattdessen mit Zeitsprüngen, Rückblenden und unterschiedlichen Erzählperspektiven. Das Werk beginnt nicht mit dem Ende des Trojanischen Krieges, sondern zu einem deutlich späteren Zeitpunkt. Odysseus ist schon mehrere Jahre unterwegs und berichtet selbst von seinen Irrfahrten. Eine solche Vorgehensweise ist für die damalige Zeit außergewöhnlich und macht DieOdyssee zum Vorbild für spätere Literatur.
Dennoch ist ein so altes Werk natürlich an manchen Stellen kaum mehr zeitgemäß. Abgesehen davon, dass der mutige Odysseus auf den zweiten Blick eine sehr unsympathische Figur ist, die rücksichtslos und manipulativ mit seinen Gefährten umgeht, ist vor allem das Frauenbild zu kritisieren. Frauen werden meist über ihre Rolle als Ehefrau oder Mutter definiert und müssen sich an andere moralische Maßstäbe halten als die Männer. Während Odysseus im Laufe seiner Reise beispielsweise andere Beziehungen eingeht, wird von Penelopeia bedingungslose Treue erwartet. Auch die Bestrafung der Mägde am Ende der Handlung, die eine Beziehung mit den Freiern eingegangen sind, vernachlässigt die Perspektive dieser Frauen komplett. Wichtig ist es wohl, das Werk in seinem sozialen und historischen Kontext zu lesen, um sich so von modernen Wertvorstellungen lösen zu können. Außerdem wird gerade in der Figur der mächtigen und klugen Göttin Athene ein völlig anderes Frauenbild gezeichnet; die Odyssee kennt auch starke Frauen. Diese haben in dem patriarchalischen System allerdings sehr begrenzte Handlungsmöglichkeiten.
„Niemand ist mein Name; denn Niemand nennen mich alle, …“
Das Buch nutzt die klassische Übersetzung von Johann Heinrich Voß. Bekannt wurde der deutsche Dichter im Jahr 1781 durch seine kraftvolle und originalnahe Übersetzung der Odyssee, die bereits von Goethe wertgeschätzt wurde.
Die Sprache könnte einer Geschichte mit dieser Tragweite kaum würdiger sein. Voß nutzt eine bildhafte und stellenweise fast poetische Sprache, die dem Geschriebenen eine wunderschöne, stimmungsvolle Note verleiht. Der Text wirkt, als könne er vom Olymp selbst stammen und werde nun von einem Dichter des antiken Griechenlands selbst vorgetragen. Vom ersten Vers an wird eine beeindruckende Sogwirkung erzeugt, auch weil sich Voß sehr stark an die Elemente des Originals hält. Es gibt keine Kürzungen oder Ergänzungen der Geschichte, wodurch die Wirkung und der Aufbau des antiken Textes sehr gut dargestellt wird.
Die Lektüre erfordert jedoch Zeit und Aufmerksamkeit, denn Sprache und Satzbau wirken auf heutige Leser*innen teilweise altmodisch und schwer zugänglich. Begriffe wie „zween“ oder „Eos“ erschließen sich oft nur durch Kenntnisse des Altgriechischen oder aus dem Kontext. Da Voß sich eng am Hexameter des Originals orientiert, entstehen zudem lange und verschachtelte Sätze. Wer vor allem Handlung und Figuren der Odyssee kennenlernen möchte, dürfte mit dieser Übersetzung teilweise Schwierigkeiten haben.
Die Lektüre erfordert Zeit und Aufmerksamkeit, da Sprache und Satzbau für heutige Leser*innen teilweise altmodisch und schwer zugänglich wirken. Begriffe wie „zween“ oder „Eos“ sowie lange, verschachtelte Sätze können das Verständnis erschweren. Wer vor allem Handlung und Figuren der Odyssee kennenlernen möchte, dürfte mit dieser Übersetzung teilweise Schwierigkeiten haben. Wer jedoch Interesse an der Odyssee als Zeugnis der Antike hat, kann diese Besonderheiten als Bereicherung sehen. Durch die Nähe zum Original werden nicht nur die Handlung und Figuren, sondern auch Aspekte der griechischen Mythologie, Gesellschaft und Sprache des 8. Jahrhunderts v. Chr. vermittelt. Sind die ersten sprachlichen Hürden überwunden, ermöglicht die Übersetzung dadurch ein besonders tiefes Verständnis des Werkes und seiner Entstehungszeit.
„Und sie fassten den spitzen Olivenknittel und stießen Ihm dem Kyklopen ins Aug, …“
Um die Atmosphäre des antiken Griechenlands zu verstärken, ist die Erzählung mit 24 Zeichnungen des deutschen Malers Bonaventura Genelli geschmückt. Dieser lebte passenderweise zur gleichen Zeit wie Johann Voß, weswegen sich Text und Bild angenehm ergänzen. Die Zeichnungen vermitteln nicht nur die antike Atmosphäre, sondern unterstützen auch das Verständnis für die Handlung. Indem den zentralen Passagen der Gesänge Illustrationen beigefügt sind, wirken die komplexen Stellen noch lebendiger.
Jedem Gesang ist außerdem zu Beginn eine kleine Inhaltsangabe beigefügt. Diese Zusammenfassungen spoilern tatsächlich den gesamten Plot des jeweiligen Kapitels, helfen aber ungemein, der Handlung an komplexen Stellen zu folgen. Dadurch ergänzen sich Handlung und poetische Sprache besser; die sprachliche Gestaltung und historische Sogwirkung werden deutlicher, ohne selbst den Inhalt zu verschleiern.
Die ganze Ausgabe ist dabei schlicht und dezent gestaltet. Sie verzichtet komplett auf ein Vor- oder Nachwort; auch Glossare, weiterführende Erläuterungen oder Werbung am Ende des Bandes fehlen. Das Epos steht komplett für sich allein und bekommt den gebührenden Raum. So wirkt das Buch noch mehr wie eine Zeitkapsel aus dem antiken Griechenland.
„Da er im zwanzigsten Jahr Odysseus wiedergesehen.“
Insgesamt ist die Odyssee trotz ihres Alters weiterhin ein beeindruckendes und bis heute relevantes Werk. Besonders die kraftvolle Übersetzung von Johann Heinrich Voß macht diese Ausgabe zu einer lohnenswerten, aber anspruchsvollen Lektüre. Wer bereit ist, sich auf die besondere Sprache und den ungewöhnlichen Aufbau einzulassen, erhält hier nicht nur einen Einblick in einen der bedeutendsten Texte der europäischen Literatur, sondern auch in die Vorstellungswelt des antiken Griechenlands. Diese Version der Odyssee ist daher besonders denjenigen zu empfehlen, die sich intensiv mit klassischer Literatur und ihrer historischen Bedeutung auseinandersetzen möchten. Wer sich hingegen beispielsweise durch Christopher Nolans Verfilmung für Die Odyssee interessiert und nur beim aktuellen popkulturellen Diskurs mitreden möchte, sollte vielleicht eher zu einer moderneren Übersetzung greifen.
von Vincent Berwind

Homer
Odyssee
Aus dem Griechischen von Johann Heinrich Voß
Anaconda 2026
384 Seiten
7,95€
ISBN 978-3-7306-1623-9