Frankfurter Buchmesse 2026
Frankfurter Buchmesse 2026

Frankfurter Buchmesse 2026

Rezensöhnchen @ Frankfurter Buchmesse 2026

Auch die 78. Frankfurter Buchmesse, die vom 7. bis 11. Oktober 2026 stattfand, begleiteten Redaktionsmitglieder des Rezensöhnchens. Ein neues Hallenkonzept und Protestaktionen markierten die diesjährige Frankfurter Buchmesse, aber der gewohnte Trubel und die bereichernden Begegnungen mit literaturbegeisterten Menschen machten auch dieses Jahr die Messetage aus.

Donnerstag:

Am Donnerstag war die Messe zunächst Fachbesucher*innen vorbehalten. Besonders bei den internationalen Ausstellern fiel Redaktionsmitglied Annika auf, wie viele Menschen mit Katalogen oder Büchern in der Hand an Tischen diskutierten. Hier zeigte sich Frankfurt als Lizenzmesse: Es wurden Kontakte geknüpft und Möglichkeiten ausgelotet, Geschichten in anderen Ländern oder Medien zu veröffentlichen. Ein Teil des Literaturbetriebs, den das Publikum zwischen Lesungen und Neuerscheinungen oft kaum wahrnimmt.

Buchliebe wird spielbar

Beim Panel Building Together: How Publishers and Game Studios Create New Experiences, einer Kooperation der Frankfurter Buchmesse und der NERDIC GmbH wurde diskutiert, was eine neue Erzählerfahrung ausmacht. Dafür muss nicht unbedingt eine völlig neue Geschichte erfunden werden. Auch eine bekannte Handlung anders zu erzählen oder Verbindungen zwischen Medien herzustellen, kann einen ungewohnten Zugang eröffnen. Besonders interessant waren die unterschiedlichen Bedingungen, unter denen Bücher und Spiele entstehen. Während mit der Veröffentlichung eines Buches zunächst eine abgeschlossene Fassung vorliegt, können Videospiele danach weiter verändert oder ergänzt werden. Auch die Möglichkeiten des Publikums unterscheiden sich: Verzweigte Geschichten und verschiedene Spielwege geben Anlass, selbst aktiv zu werden und erneut zu spielen. Zur Sprache kamen aber auch die hohen Kosten und der Zeitaufwand der Spieleentwicklung, weshalb der Einsatz von KI verlockend ist.

Wie eng sich Bücher und Games verbinden lassen, zeigte anschließend die Veranstaltung Tiny Bookshop: From a Small Daydream to the Big Indie Hit. David und Charlotte Zapfe-Wildemann, Entwickler des Videospiels Tiny Bookshop, berichteten von der Entstehung des Spiels, für das eine tatsächlich existierende kleine Buchhandlung in Neuseeland den Anstoß gegeben hatte. Vom ersten Prototyp 2021 bis zur Veröffentlichung 2025 sei es ein mehrjähriger und durch die COVID-19 Pandemie auch schwieriger Weg gewesen. Interesse am Spiel gab es allerdings früh: Schon die Steam-Seite zog die Aufmerksamkeit von Influencer*innen auf sich, die sich mit Cozy Games beschäftigen und im ersten Monat verkaufte sich Tiny Bookshop mehr als 300.000 Mal. Auch die Überschneidung zwischen seinem Publikum und der BookTok-Community war Thema, da sich die Begeisterung für Bücher offenbar gut in eine virtuelle Buchhandlung mitnehmen lässt. Passend dazu galten viele Publikumsfragen den Büchern im Spiel und den persönlichen Leseempfehlungen der beiden, darunter Werke von Gillian Flynn, Robin Hobb und T. Kingfisher. So wurde aus dem Gespräch über ein Videospiel genau das, was man sich von einem Buchhandlungsbesuch erhofft: ein Austausch über die nächste Lektüre.

Freitag:

Am Freitag fand die mehrreihige Veranstaltung des Book-to-Screen Day statt. Das Gespräch Book-to-Screen Spotlight: Adaptation Trends in Europe führte Annikas Auseinandersetzung mit Medienadaptionen fort. Gemeinsam mit Redaktionsmitglied Sina besuchte sie das Gespräch über Adaptionstrends in Europa mit vier Redner*innen aus verschiedenen Branchen. Besonders spannend war bei diesem Gespräch, dass es in Europa ein fester Bestandteil der Film- und Fernsehindustrie ist, europäische Quellen zu adaptieren und hierbei sowohl Bücher als auch andere Filme bzw. Serien als Vorlage für Adaptionen genutzt werden. Die wiederkehrenden Verfilmungen von Werken Agatha Christies oder Jane Austens zeigen, wie attraktiv bekannte Stoffe für eine risikoscheue Branche bleiben. Gleichzeitig richtete sich der Blick auf Vorlagen aus Games, Podcasts und Comics. Die Diskussion machte damit anschaulich, was sich am Vortag bereits an den Gesprächstischen angedeutet hatte: Eine Geschichte kann Ausgangspunkt für sehr unterschiedliche Projekte werden.

Spice, Spoiler und Social Media

Mit Gefährliches Lesen: Content Notes, Spice und Triggerwarnungen bei Young und New Adult – wie brisante Inhalte durch Metadaten sichtbar werden rückte der deutschsprachige Buchmarkt in den Mittelpunkt. Wie lassen sich Leser*innen über Inhalte informieren, ohne ihnen die Handlung vorwegzunehmen? Und wie hilfreich sind Kennzeichnungen, wenn dieselben Symbole bei verschiedenen Verlagen Unterschiedliches bedeuten? Drei Chilischoten für den sogenannten Spice, also explizite sexuelle Inhalte, ergeben noch keinen einheitlichen Maßstab, jedoch gibt es eine Arbeitsgruppe, die sich mit einer Vereinheitlichung beschäftigt und eine German Spice List und German Tropes List entwickelt. Deutlich wurde, dass Leser*innen von New und Young Adult häufig bereits sehr genau wissen würden, welche Bücher sie suchen, gerade bei Dark Romance, Beratungsbedarf jedoch nötig und wichtig sei. Der Handel könne mit den schnell wechselnden Social-Media-Trends jedoch nicht immer Schritt halten und zugleich fehle lange mancherorts die Bereitschaft, sich mit diesen Genres auseinanderzusetzen.

Besonders gelungen fand Annika die Zusammenstellung der Gesprächsrunde mit Perspektiven aus Buchhandel, Verlagsarbeit, Produkt- und Metadatenmanagement. Überraschend anschaulich wurde es beim Thema Metadaten. Dorette Peters, Leiterin des Titel- und Metadatenmanagements der Penguin Random House Verlagsgruppe, erklärte mit spürbarer Begeisterung, wie weit die Informationen über ein Buch inzwischen über Seitenzahl und Autor*innenname hinausreichen, was jedoch auch die Verständigung auf gemeinsame Standards aufwendig mache. KI könne dabei ein Hilfsmittel sein, brauche aber menschliche Kontrolle. Besonders nachvollziehbar war der Gedanke, dass Inhaltshinweise dort wichtig werden, wo ein Buch die Erwartungen an sein Genre bricht, etwa wenn in einer Cozy Fantasy unerwartet Gewalt vorkommt. In anderen Fällen könnten zu viele dieser Meta-Daten einen Teil der Handlung spoilern und somit etwas von der Leseerfahrung wegnehmen. Pauschale Alterskennzeichnungen lösen dagegen längst nicht jedes Problem und explizite Erotik lässt sich nicht einfach mit traumatisch belastenden Inhalten gleichsetzen. Gerade an dieser Stelle hab die Beratungsfunktion von Buchhändler*innen einen besonderen Stellenwert, doch zu viele Hinweise in oder auf den Büchern nähmen den Buchhändler*innen einen Teil ihrer Arbeit weg.

Während Sina sich auf den Weg zu einem weiteren Vortrag des Book-to-Screen-Days machte, besuchte Annika die Diskussion Verändert Social Media unser Leseverhalten? Autorinnen Bianca Wege, Carolin Wahl, Louise Böhm sowie weitere Gäste aus der Buchbranche diskutierten wie BookTok und Bookstagram vor allem verändern, wessen Urteil über Bücher Aufmerksamkeit bekommt. Neben die traditionell stark männlich geprägte Literaturkritik treten junge, vielfältige und häufig weibliche Stimmen. Das eröffnet neue Zugänge zur Literatur, bringt für Autor*innen aber zusätzliche Arbeit, wie Marketing und Online-Präsenz, mit sich. Schreiben allein genüge oft nicht: Sie sollen ihre Bücher bewerben und online präsent bleiben. Ohne eigene Social-Media-Aktivität erfolgreich zu sein, wurde zwar als möglich beschrieben, erfordere aber umso mehr Unterstützung durch den Verlag. Auch die Erwartungen an Bücher selbst standen zur Debatte. Farbschnitte und Goodies gehören für manche Leser*innen inzwischen dazu, während erfolgreiche Reihen möglichst schnell fortgesetzt werden sollen. Der Druck trifft damit auch diejenigen, die diese Geschichten schreiben. Eine interessante Perspektive bietet die mögliche Veränderung der Buchhandlung: Wenn Kund*innen bereits mit einem konkreten, online entdeckten Titel kommen, verändert sich die Nutzung einer Buchhandlung. Sie verliert zwar die beratende Funktion, aber gewinnt vielleicht gerade als Treffpunkt an Bedeutung. Gemeinsame Veranstaltungen und der Austausch über Bücher könnten dann stärker in den Vordergrund rücken.

Vom Buch zum Bildschirm

Als Teil des Book-to-Screen-Days besuchte Sina am Freitagnachmittag das Spotlight „Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte“, über die Verfilmung von Jenny Erpenbecks Heimsuchung, die im Oktober angelaufen ist. Gemeinsam mit dem Regisseur Volker Schlöndorff, der Produzentin Regina Ziegler und Jenny Erpenbeck selbst entstand ein Gespräch über den Film und seine Erstehungsgeschichte. Da das Buch mittlerweile auch Abiturlektüre ist, war das Gespräch sehr gut besucht und der Großteil der Zuhörer*innen musste leider im Gang stehen und von dort aus zuhören. Abwechselnd erzählten die drei Gäst*innen von dem langen Prozess, der hinter dem Film steckt: Von der ersten Idee vor fast 7 Jahren, die immer wieder pausiert wurde, bis hin zu dem langen Dreh, während 4 verschiedenen Jahreszeiten, der auch auf die Schauspielenden angepasst werden musste. Immer wieder ließ sich heraushören, wie begeistert die drei Redner*innen von dem Projekt waren und wie intensiv sie miteinander gearbeitet haben, um den Film auf die bestmögliche Art umzusetzen: So wurde der Film in der Nähe des Hauses gefilmt, das Erpenbeck als Vorlage für ihr Buch nutzte, und auch das Einsteinhaus in Potsdam diente als Drehort. Beim Zuhören ist man mit jeder neuen Frage und jedem neuen Einblick immer neugieriger auf den Film geworden. Sinas Rezension zu Heimsuchung ist bereits auf unserer Webseite zu finden.

Welche politischen Folgen Sichtbarkeit hat, beschäftigte Annika anschließend beim Gespräch Sichtbarkeit ist Macht: KI, Plattformen und Medienpolitik. Die Ausgangsfrage dieser Diskussion war ebenso einfach wie beunruhigend: Was bedeutet Pressefreiheit, wenn unabhängiger Journalismus zwar veröffentlicht, aber aufgrund von Algorithmen kaum noch gefunden wird? In der Diskussion wurde deutlich, dass auch der Zugang des Publikums zu Informationen zählt. Welche Nachrichten Menschen erreichen, hängt zunehmend von den Entscheidungen großer Plattformen ab. Christian Mihr (RSF Deutschland), und Dr. Jörg Frederik Ferreau, Experte für Medienrecht, besprachen Ansätze, journalistische Angebote auf digitalen Plattformen besser auffindbar zu machen. Dabei ging es auch um die Schwierigkeit, international agierende Unternehmen durch deutsche oder europäische Regeln zu erreichen. Als ein möglicher Baustein kam die Journalism Trust Initiative (JTI) zur Sprache, die strukturelle Voraussetzungen journalistischer Arbeit prüft. Eine einfache Lösung gegen Desinformation ergab sich daraus allerdings nicht. Das Gespräch schärfte aber den Blick dafür, dass Veröffentlichungsmöglichkeiten wenig helfen, wenn Inhalte anschließend unsichtbar bleiben.

Oben die großen Deals, unten Verkauf, Verkauf, Verkauf: ein neues Hallenkonzept

Für Redaktionsmitglied Alina startete die Messe am Freitag in der Früh – in der Hoffnung auf noch nicht überfüllte Hallen und in der Erwartung spannender Begegnungen und Veranstaltungen. Erstmal stöberte sie durch die Hallen, um ihre Lieblingsverlage zu finden, mögliche neue zu entdecken und vor allem: sich ein Bild vom neuen Hallenkonzept zu machen. An sich ist die Idee, Publikum und Branche auf unterschiedliche Ebenen zu verteilen, sicher eine sinnvolle. Schließlich können auf diese Weise oben die großen Deals in Ruhe abgeschlossen werden und unten zwischen Fotospots und Gesprächsrunden insbesondere Bücher und zunehmend Merch für Buchliebhabende gekauft werden – Frankfurt ist und bleibt nämlich in erster Linie eine Verkaufsmesse. Das Ziel, für Entzerrung der Menschenmassen durch die Neuverteilung der Stände zu sorgen, ist jedoch damit nicht erreicht worden. Die großen Publikumsverlage sind nach wie vor nah beieinander, sodass es in diesen Hallenbereichen stets sehr voll war.

Großer Andrang für Anton und Alma

Darauf erstmal einen Tee auf der Agora trinken, wo sich im Verlauf des Tages ebenfalls lange Schlangen bildeten, und dann wieder ab ins Getümmel für die erste Veranstaltung auf der Liste: Tobias Rüther für die FAZ im Gespräch mit der Autorin Dana Vowinckel. Deren Roman Anton und Alma stand auf der Shortlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis. Im leider nur 20-minütigen Slot ging es als erstes um die Verarbeitung der Ereignisse der letzten Tage, in denen Vowinckel sehr viele Termine aufgrund der Nominierung hatte. Sie betonte gegenüber Rüther, dass sie keine Müdigkeit verspüre, immer wieder über ihr Buch zu sprechen, weil die Reaktionen so individuell seien. Die Autorin bot auch einige interessante Einblicke in ihren Schreib- und Rechercheprozess, indem sie beispielsweise verriet, selbst ein eigenes Doktorarbeitsexposé verfasst zu haben. Wichtig ist ihr vor allem zu betonen, dass Anton und Alma kein Pflaster sei, sondern stattdessen voller Fragen stecke und Ängste und Verzweiflung thematisiere. Angesichts des großen Andrangs an Zuhörer*innen bis auf die Gänge wäre es in Zukunft wünschenswert, bei Veranstaltungen mit erwartbar großem Publikum wie dieser mehr Sitz- bzw. Stehplätze am Stand zu schaffen. Nach dem Gespräch gab es noch die Möglichkeit, am Stand der FAZ das Buch zu kaufen und eine Signatur der Autorin zu erhalten.

Mit dem Debüt auf der Longlist des Deutschen Buchpreises

Weiter ging es für Alina mit einem weiteren Gespräch mit einer Autorin, die mit ihrem Roman, in diesem Fall sogar mit ihrem Debüt, ebenfalls für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Leh-Wei Liao war Auf ein Buch zu Gast in der 30-Minuten-WG und hat mit dem Buchhändler Florian Valerius über Glaszeit gesprochen. Sie erzählte davon, wie sie zufällig durch freie Zeit und ihr neues Umfeld während ihres Studiums der Bildendenden Künste seit 2022 überhaupt erst zum Schreiben gekommen ist, nachdem sie ihren geradlinigen Lebenslauf hin zum Beruf der Ärztin hinter sich gelassen hatte. Erst habe sie sich mithilfe von Kurzgeschichten in Stilen und Themen ausprobiert, aber nach einiger Zeit sei sie immer wieder zu demselben Thema zurückgekommen, das zunächst ein längeres Projekt wurde und sich später zum Roman entwickelt habe. Dass dieser so stark rezipiert werden und sogar für den Deutschen Buchpreis nominiert werden würde, habe sie keinesfalls erwartet. Im Gegenteil: Die Autorin berichtete von der Angst, dass ihr Roman angesichts der Menge von Neuerscheinungen untergehen würde. Valerius machte im Gespräch deutlich, dass Glaszeit für ihn aufgrund der verwendeten Sprache besonders herausgestochen sei. Über Sprache unterhielten die beiden sich in den kurzweiligen knapp 25 Minuten (statt der versprochenen 30) generell sehr viel: über den Einfluss von Liaos medizinischem Blick auf ihre Schreibweise, die Entscheidung, Mandarin im Buch ohne Übersetzung stehen zu lassen, und über die Frage, ob es eigentlich eine Sprache gibt, in der nichts verloren geht. Taiwan als Setting ist ein weiteres spannendes Thema, zu dem Valerius die Autorin befragt hat. Für Liao steckt dahinter ein emotionaler, familiärer Bezug auf der einen Seite, auf der anderen möchte sie damit einen Beitrag für den Kampf Taiwans um Sichtbarkeit, insbesondere angesichts der zunehmenden Bedrohung durch China, leisten. Sie erhofft sich von Glaszeit, bei Leser*innen damit ein Interesse zu wecken und eigene weitere Recherche anzuregen. Im Anschluss an das Gespräch war es auch hier möglich, das Buch am Stand zu erwerben und sich gleich signieren zu lassen. Die Aufzeichnung ist auf dem YouTube-Kanal LitLounge nachschaubar. Alina nimmt all diese Eindrücke mit in ihre Rezension zu Glaszeit, die bald auf unserer Webseite veröffentlicht werden wird, und auf den weiteren Weg auf der Buchmesse.

Cornelia Funke glaubt an die Kraft der Fantasie

Der führte sie zum Abschluss zu Cornelia Funke, die bei Bärbel Schäfers Büchertalk zu Gast war. Nach einer kurzen Abfrage, wer Wilde Hühner-Fan (und über 30) ist und wer die Tintenwelt-Saga geliebt hat, ging es natürlich vor allem um Funkes neues Kinderbuch: Emma glaubt nicht an Feen. Im Gespräch gab es nicht nur erste inhaltliche Einblicke in Emmas Ausflug in die „echte Welt“, wie Funke sie nennt, sondern vor allem immer wieder Bezüge zu unserer Welt, zu ihren Einschätzungen zu veränderten Bedingungen für Erwachsene und Kinder, Naturschutz und der Bewahrung von Fantasie. Wenn die Autorin in diesem Kontext wie selbstverständlich für eine Abschaffung der Hausaufgaben und Schulaus um 13 Uhr plädiert hat, damit Kinder Zeit hätten, um draußen die Natur zu erkunden, sprang automatisch ihr Funke der inneren kindlichen Neugier auf die Besucher*innen über. Bei der großen Menge an Zuhörer*innen handelte es sich interessanterweise hauptsächlich um Erwachsene statt um Kinder, die Funke gespannt lauschten und bestimmt durch das Gespräch an der ein oder anderen Stelle genauso wie die Autorin selbst zum längeren Nachdenken angeregt wurden. Die Aufzeichnung ist in der ZDF-Mediathek zu finden.

Samstag:

Am Samstag gab es auf der Frankfurter Buchmesse vor allem eines zu sehen: Schlangen. Nein, es gab keine Tierausstellung, kein ungewöhnliches Cosplay und es ist auch kein schuppiger Romantasy Gestaltwandler aufgetaucht. Gemeint sind hier Warteschlangen. Menschen standen an. Überall. Menschen standen an Signiertischen, an den Fotospots und sogar an den Wasserspendern an. Auch Annika stellte sich in eine Schlange, in der Hoffnung ein Exemplar des neuen Backbuchs von Rolf Zuckowski zu ergattern, und signiert zu bekommen. Leider war der Andrang so groß, dass die Schlange abgebrochen wurde als der Stand keine Exemplare des Buches mehr hatte. Im Vergleich zu anderen Warteschlangen, in welchen Besucher stundenlang anstanden, war dies zwar eine kurze, jedoch muss Annika zugeben, dass das Anstehen eine Kunstform zu sein scheint, die sie nicht beherrscht. Stattdessen nutzte sie das gute Wetter, um die Agora und zu erkunden und mit Ernie und Bert (und Sina) vor dem Stand von Funk Fotos zu machen.

Im Anschluss ging es für die beiden weiter zur Literaturbühne, denn dort diskutierten die Autoren Riccardo Simonetti und Tristan Horx über Männlichkeit. Ausgehend von ihren Büchern, Die Zukunft der Männer. Eine Generation zwischen Wut und Utopie (Horx) und Wann ist ein Mann ein Mann? (Simonetti), ging es um männliche Vorbilder und um Vorstellungen davon, wie ein Mann sein soll. Besonders hervorgehoben wurde in diesem Gespräch immer wieder der Zusammenhang zwischen Männlichkeit, gesellschaftlichen Erwartungen und der Sozialisierung ab der Kindheit. Simonetti beschrieb dabei eine widersprüchliche Erfahrung: Als queerer Mann entspreche er ohnehin nicht dem gesellschaftlichen Ideal. Das schränke ein, könne aber auch die Freiheit eröffnen, andere Erwartungen hinter sich zu lassen. Horx beschäftigte sich mit der Anziehungskraft der sogenannten Mannosphäre auf junge Männer. Wo fehlen Vorbilder, und warum finden rückwärtsgewandte Rollenbilder gerade online Resonanz? Simonettis Hinweis, dass manche Männer schon das Schaffen von Raum für andere als eigenen Platzverlust erleben, blieb besonders hängen. Die Diskussion berührte dabei auch heteronorme Beziehungsmuster, in denen überholte Erwartungen weiterwirken. Bei der Frage nach dem Umgang mit Social Media setzten die beiden unterschiedliche Schwerpunkte. Horx plädierte für ein Verbot bis zum Alter von 15 Jahren. Simonetti verwies auf Gespräche, die Jugendlichen Werkzeuge für einen besseren Umgang mit den Plattformen geben müssten, aber bisher häufig ausblieben. Das Gespräch hatte jedoch auch etwas Hoffnungsvolles: So wurde erklärt, dass sich die Gesellschaft in Zyklen bewege und gerade ein neuer Zyklus beginne, indem das veraltete Männlichkeitsbild nach und nach dekonstruiert bzw. umgeschrieben würde – denn das traditionelle Männlichkeitsbild des alleinigen Ernährers würde heutzutage romantisiert und schaffe falsche Erwartungen.

Apokalyptischer Booktalk und vielfältiger Buchclub

Neugierig durch den Titel Das Ende der Menschheit – Booktalk mit Jonathan Held ging Sina am Samstagnachmittag zu dem Gespräch über den Thriller Scorpio Rising: Niemand überlebt allein. In einer kleinen Runde erzählte Held zunächst von seinem Schreibprozess und was ihn inspiriert hat, einen apokalyptischen Roman, in dem ein großer Teil der Menschheit durch einen Virus stirbt, zu schreiben. Während des Gesprächs zeigte sich immer wieder, wie sehr Held für die Thematik brennt, wie viel Spaß ihm es macht, über sein Buch und mit dem Publikum darüber zu sprechen und hat das Publikum mit seinem Auftreten sofort begeistern könnte. In einer abschließenden kleinen Signierstunde bestand nicht nur die Möglichkeit, sich sein eigenes Exemplar signieren zu lassen, sondern auch nochmal kurz mit ihm ins Gespräch zu kommen.

Sina beendete ihren Messebesuch am Samstag mit Das literarische Zuschauerquartett. Drei Zuschauer*innen, die sich im Voraus beworben haben, hatten hierbei ein Gespräch mit der Moderatorin Thea Dorn über verschiedene literarische Werke. Jede*r von den dreien hat ein Buch in die Gruppe eingebracht und nach einer kurzen Vorstellung diskutiert: Verlorene Schäfchen von Madeline Cash, Toxibaby von Dana von Suffrin und Transkription von Ben Lerner. Diese Diskussionen waren sehr interessant und haben verschiedene Einblicke in die Empfindungen, Leseerfahrungen oder allgemeinen Eindrücke, der drei Redner*innen gegeben. Wie ein kleiner Buchclub wurde intensiv über die Bücher diskutiert und unterschiedliche Inhalte besprochen. Eine Aufzeichnung des Gesprächs ist in der ARD-Mediathek zu finden.

Sinas Versuch, am Samstag bei Otto Waalkes Gespräch über sein Buch Karl der kleine Ottifant zuzuhören, blieb leider erfolglos – schon über 20 Minuten vor dem Gespräch war eine so große Menge an Besucher*innen am Stand der FAZ, dass es kaum möglich war, auch nur einen Blick auf Waalkes zu erhalten. Auch die beworbene Goddy-Bagder Frankfurter Buchmesse und Reado waren so beliebt, dass fast direkt am Zeitpunkt der Ausgabe vergeben waren. Dafür haben die Prägstempel-Ralley und das Blinde-Date mit dem Buch des Ylva Verlag umso mehr Spaß gemacht.

„Scheitern ist literarisch produktiver als zu erzählen, wie glücklich alle sind.“ – Finn Job

Redaktionsmitglied Michaela besuchte die Messe ebenfalls am besucherstärksten Tag, dem Samstag, aufgrund des Veranstaltungsprogramms. Den Anfang machte eine Lesung Finn Jobs zu seinem neuen Roman Schädel, moderiert von Richard Stoiber vom März Verlag, bei dem der Roman auch erschien. Die kurzen Gespräche zwischen den vorgelesenen Textpassagen bieten die Möglichkeit für Hintergrundwissen, das sich besonders für eine Besprechung des Romans empfiehlt – die Rezension folgt bald. Direkt im Anschluss ging es zu Sexualisierte Gewalt. Ein Gespräch über gesellschaftliche Strukturen und Verantwortung mit Christina Clemm und Laura Leupi, moderiert von Geneva Moser an der Bühne Schweiz. Leupis Das Alphabet der sexualisierten Gewalt erschien bereits 2024 und behält jedoch nach wie vor seine Relevanz. Die Rezension ist in Heftausgabe 74 nachzulesen. Abschließend folgte noch das Gespräch, ebenfalls mit Lesungselementen, Wo Literatur entsteht von der Kunststiftung NRW mit Kaleb Erdmann und Son Lewandowski, moderiert von Jan Valk. Michaela liebäugelte schon seit Erscheinung mit Lewandowskis Die Routinen und sah sich durch die Veranstaltung bestätigt, das Buch lesen zu müssen.

Proteste und Forderungen

Auch dieses Jahr gab es einige Aufreger um die Frankfurter Buchmesse. Allem voran die Eröffnungsfeier dessen Gruppenfoto durch die sozialen Medien viral ging, weil es 11 Männer und lediglich eine Frau zeigte. Hohn für das offizielle Motto This changes everything, denn Change ist bei einer solchen Besetzung auch 2026 nirgends zu finden. Ebenso enttäuschen waren die (teils) KI-generierten Bilder der Imagefilme für die Bücher der Shortlist bei der Buchpreisverleihung. Motive, die wahrhaftig ohne große finanzielle Kosten auch selbst aufgenommen oder auf Stock-Fotos zurückgegriffen hätte werden können in einer Branche, die sich Kreativität und die Verbundenheit von Menschen durch Geschichten auf die Fahne schreibt, von KI erstellen zu lassen, ist entschieden abzulehnen. Letztlich erregte auch Protestaktionen einiges Aufsehen auf der Buchmesse, aber vor allem auch wieder in den sozialen Medien. Uns reicht‘s – weil es nicht reicht machte aufmerksam auf die Unterbezahlung von Übersetzerinnen. 30 von ihnen stellten sich in einer langen Reihe auf die Agora und riefen lautstark ihre Forderung, der man nur zustimmen und hoffen, dass sie Verlage – auch im Angesicht von KI – erhören kann. Bei EventLabs, einer Firma, die sich auf KI-Stimmen spezialisiert, wurde der Videoscreen des Messestandes übernommen und ein Protestvideo sowie eine Petition des Verbandes Deutscher Sprecherinnen gegen den Einsatz von KI-Stimmen übertragen – ein deutliches Zeichen, das erneut verdeutlicht, wie sich die Literaturbranche droht selbst die Essenz zu nehmen.

Bis zum nächsten Jahr!

Der Besuch der Frankfurter Buchmesse mit dem Ehrengast Tschechien war ein voller Erfolg. Die interessanten Veranstaltungen, die noch größere Leseliste danach und der bereichernde Austausch innerhalb der Branche und mit ebenso literaturbegeisterten Menschen lassen die Redaktion des Rezensöhnchen jedes Jahr wiederkommen – trotz neuem Hallenplan und einem Messesamstag, der aus allen Nähten platzt. Ein besonderes Highlight ist es auch, ehemalige und aktuelle Redaktionsmitglieder, die nun bei Verlangen arbeiten, zu besuchen und Einblicke auf die andere Seite der Messestände zu bekommen. Das Rezensöhnchen freut sich schon auf das nächste Jahr, wenn es wieder vom 6. bis 10 Oktober 2027 nach Frankfurt geht – dann mit Chile als Ehrengast!

von Annika Enninghorst, Sina Gutöhrlein, Alina Köhler und Michaela Minder

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