Shejla Baltić – Von blauen Vögeln
Shejla Baltić – Von blauen Vögeln

Shejla Baltić – Von blauen Vögeln

„[Si]e als heuchlerische Hure und [er] als King, der die Linke ins Bett bekommen hatte.“

Shejla Baltić, selbst Digitalexpertin für politische Kommunikation im österreichischen Parlament, erzählt in ihrem Debütroman provokant vom Inneren der Politik, Machtdynamiken und Haltung.

Protagonistin Mia Puck, die 32-jährige Pressesprecherin der roten Spitzenkandidatin, kämpft zusammen mit ihrer Chefin gegen eine personelle Krise in der eigenen Partei an, während ihre Umfragewerte immer weiter absinken. Die Blauen – der politische Gegner – verzeichnen jedoch unaufhörlich immer mehr Zustimmung. Die Sozialdemokratie und der Rechtspopulismus, sie konkurrieren im Versuch, das Rennen der Opposition gegen die Regierungskoalition zu gewinnen. Mias Ehrgeiz treibt sie an, fordert aber auch seine Opfer. Ihr langjähriger Freund hat sich von ihr getrennt, da sie die Karriere stets vorgehen lässt. Doch stets wartet eine Pressemitteilung auf eine Freigabe, stets gibt es ein Statement zu verfassen, eine Strategie zu erarbeiten, die endlich die Umfragewerte nach oben treiben soll. Ausgerechnet mit Konstantin Prantl, ihrem Pendant bei den Blauen, lässt sie sich auf eine Affäre ein, die das Potenzial birgt, ihre Karriere zu beenden.

„Noch einmal kurz Konstantin, noch einmal kurz schlummern.“

Das Herausstellungsmerkmal des Romans, dass sich eine Rote mit einem Blauen einlässt, provoziert – und dabei bleibt es auch überwiegend. Zum einen ist die Anziehung, die Konstantin auf Mia ausübt, darüber hinaus, dass sie sein Parfum als unangenehm aufdringlich wahrnimmt und es sie gleichzeitig anmacht, nicht weiter greifbar, reicht aber offensichtlich aus, dass sie ihn gewähren lässt, als er ihr wie aus dem Nichts körperlich nahekommen will. Die Affäre verharrt im Körperlichen, die Beschreibung „Lovestory“ aus dem Klappentext ist fehlleitend. Der Versuch, Konstantin als zuvorkommenden Liebhaber, der im Pillowtalk mit Mia wenig aneckt, außer seiner wiederholten Aussage, dass man nichts erreiche, wenn man nach den Regeln spiele, zu entdämonisieren, befremdet. Umso mehr irritiert eine Fährte, die anfangs gelegt wird und seine tatsächliche politische Einstellung leise in Frage stellt, nur um komplett im Sand zu verlaufen und als Plot Hole zurückgelassen zu werden. Das drastische Ende des Romans ist eine Fortführung der Konfliktscheue vor inhaltlichen Auseinandersetzungen der beiden konträren Positionen. Für Mia wird Konstantin direkt zur eindimensionalen Möglichkeit sich fallen zu lassen und bleibt es auch – woher sie das Vertrauen dazu hernimmt, bleibt offen. Wenn das Begehren so übermannend ist, dass es das Vertrauen nicht braucht, bleibt ebenfalls offen warum. Auch wenn sich Mia selbst nicht reflektieren will und sich immer wieder für das Verdrängen entscheidet, ist auf ihre beste Freundin und Mitbewohnerin Verlass, die sie zur Rede stellt: „Wie kannst du es mit so einem menschenverachtenden Monster treiben, Mia? Ich weiß, dass du einsam bist, aber ich hätte mir nie gedacht, dass du kein Rückgrat hast.“ 

Abseits dessen erklärt Baltić jedoch treffend die Doppelmoral, die das Auffliegen der Affäre für die beiden zur Folge hätte: „[N]ur ihr werden Prinzipien abverlangt und wenn sie diesen Vorstellungen und Erwartungen nicht entsprach, dann war sie die heuchlerische Hure, und er sie von den Prinzipien abbrachte, dann war er der King, weil er als Mann, als rechter Mann, er oblag keinen Prinzipien.“

Eine gute Pressesprecherin muss dies, eine gute Pressesprecherin muss jenes und davon nicht zu viel, aber bitte auch nicht zu wenig

Die herausragende Stärke des Romans ist der Blick hinter die Kulissen der politischen Kommunikation. Das Diktat der Umfragewerte, die Abhängigkeit von der Berichterstattung der Presse – ein wohlwollender Artikel kann Momentum ermöglichen, während ein vernichtender wiederum viel verbauen kann – sowie die Notwendigkeit ständig erreichbar und vorbereitet zu sein, um konstant das eigene Image im öffentlichen Diskurs zu antizipieren, werden anschaulich transportiert. Ebenso verhandelt die Autorin die strukturellen Machtdynamiken, die Mia als junger Frau in der Politik keine Chancengleichheit bescheren. Obwohl sie seit Wochen die Arbeit des Kommunikationschefs und der unbesetzten zweiten Sprechendenstelle erledigt, lässt die Beförderung auf sich warten und auch als Kommunikationschefin würde sie nicht das Gehalt ihres Vorgängers erhalten. Mia weiß um die Gradwanderung, die ambitionierten Frauen abverlangt wird: „Charmant, aber nicht zu charmant. Fesch, aber nicht zu fesch.“ So wie der rote Lippenstift ihrer Chefin zum Politikum gemacht wird, kennt Mia die Nuancen, mit denen Image markiert wird. Somit sitzt jedes ihrer Outfits mit Intention und im finalen Showdown des Romans demonstriert sie, dass es nur so aussehen muss, als würde sie den Handlungsspielraum dominieren.

Shejla Baltićs Romandebüt Von blauen Vögeln ist eine kurzweilige Erzählung, die durch die Beobachtungsgabe der Autorin sowie ihre Einblicke in politische Kommunikation überzeugt, aber leider in der Provokation verharrt.

von Michaela Minder

Shejla Baltić 
Von blauen Vögeln
Leykam 2026
224 Seiten
25,50 Euro
ISBN 978-3-7011-8418-7

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