Zehn Menschen, eine Insel, kein Entkommen
—
CW: Mord, Tod
—
Und dann gab’s keines mehr von der berühmten Krimi-Autorin Agatha Christies gehört zu den bekanntesten Kriminalromanen der Literaturgeschichte. Mehr als 80 Jahre nach der Erstveröffentlichung gibt es nun eine offizielle Manga-Adaption des Werkes. Aya Nikaidos Umsetzung verbindet Christies berühmtes Kammerspiel mit der Bildsprache eines modernen Mystery-Mangas.
Zehn Menschen werden aus unterschiedlichen Gründen auf eine abgeschiedene Insel eingeladen. Ihr vermeintlicher Gastgeber ist jedoch nicht vor Ort und schon bald wird deutlich, dass die Gäste nicht zufällig zusammengebracht wurden. Jede*r von ihnen wird mit einem Ereignis aus der eigenen Vergangenheit konfrontiert, bei dem jemand zu Tode kam und für das nie eine juristische Strafe erfolgte. Als schließlich der erste der Anwesenden stirbt und sich ein harmlos wirkender Kinderreim zunehmend wie eine Todesankündigung liest, beginnt unter den Gästen die Suche nach einem Mörder oder einer Mörderin, welche*r sich offensichtlich unter ihnen befindet.
Die Grundidee von Und dann gab’s keines mehr funktioniert auch fast neunzig Jahre nach der Veröffentlichung des Romans noch erstaunlich gut. Das liegt vor allem an der konsequent begrenzten Ausgangssituation. Ähnlich wie in ihrem anderen Meisterinnenwerk, Mord im Orient Express, gibt es keine Möglichkeit, den Ort des Geschehens, in diesem Fall die Insel, einfach zu verlassen. Es gibt keine Hilfe von außen und bald auch kaum noch Vertrauen zwischen den Anwesenden. Mit jedem Verdacht verschiebt sich die Gruppendynamik und da prinzipiell jede Person sowohl Opfer als auch Täter*in sein könnte, entsteht schnell eine beklemmende Atmosphäre.
„Zehn kleine Kriegerlein gingen aus zum Schmaus. Das eine, das verschluckte sich – es wurden neun daraus.“
Etwas Konzentration verlangt dabei zu Beginn der Geschichte die große Figurenanzahl. Zehn zentrale Charaktere werden innerhalb kurzer Zeit eingeführt, bringen unterschiedliche Hintergründe mit und müssen für den weiteren Verlauf der Geschichte auseinandergehalten werden. Hier zeigt sich eine der Stärken der Manga-Adaption. Nikaido gibt den einzelnen Figuren sehr unterschiedliche Erscheinungsbilder, wodurch sich die Charaktere visuell schnell voneinander unterscheiden lassen, selbst wenn die vielen Namen und Beziehungen zu Beginn noch etwas unübersichtlich wirken.
Auch die Spannung, welche so typisch für Agatha Christies Romane ist, wurde gut ins Medium Manga übersetzt. Nikaido setzt nicht auf möglichst spektakuläre Todesfälle, viel wichtiger sind die stillen Momente dazwischen: Blicke, schweigende Figuren, lange Flure oder Szenen, in denen die Gruppe gemeinsam einen Raum durchquert. Dadurch entsteht ein Gefühl der ständigen Beobachtung. Aya Nikaidos Figuren wirken auf den ersten Blick elegant und kontrolliert. Je weiter die Situation auf der Insel eskaliert, desto stärker verändern sich jedoch Gesichtsausdrücke und Körpersprache. Freundliche oder neutrale Mienen können innerhalb weniger Panels in Misstrauen, Angst oder Aggression umschlagen. Gerade dieser Kontrast macht sichtbar, wie schnell die gesellschaftliche Fassade der Gäste zerbricht.
„Neun kleine Kriegerlein blieben lange wach. Das eine, das verschlief den Tag – da waren’s nur noch acht.“
Ein Nachteil ergibt sich allerdings aus der Aufteilung des ursprünglichen Romans auf drei Manga-Bände. Der erste Band muss zunächst die Figuren, das Setting und den Konflikt etablieren. Sobald dies getan ist und Misstrauen und Angst innerhalb der Gruppe richtig Fahrt aufnehmen, ist der erste Band bereits schnell vorbei. Wer Christies Geschichte nicht kennt, bleibt mit vielen offenen Fragen zurück und muss sich bis zur Veröffentlichung des nächsten Bandes gedulden.
Mit Und dann gab’s keines mehr 1 gelingt Aya Nikaido ein spannender Auftakt, der den berühmten Krimiklassiker nicht einfach nur illustriert, sondern dessen zentrale Wirkung in eine neue Erzählform überträgt. Für Leser*innen, die Christies Roman bereits kennen, bietet die Adaption eine interessante neue Perspektive auf die bekannte Handlung. Für diejenigen aber, die bisher noch keinen Kontakt mit der Queen of Crime hatten, ist sie ein zugänglicher Einstieg für Mystery-Mangas.
von Annika Enninghorst

Agatha Christie, Aya Nikaido
Und dann gab’s keines mehr 1
Aus dem Japanischen von Luise Steggewentz
Carlsen Verlag 2026
224 Seiten
12,00 Euro
ISBN 978-3-551-80926-1