Was, wenn nach der Pandemie das Chaos regiert hätte?
—
CW: explizite Darstellungen von Blut, Folter, Gewalt, Mord
—
Jo Nesbø ist bisher vor allem für seine zahlreichen Kriminalromane, wie die erfolgreiche Reihe um den Ermittler Harry Hole, bekannt. Mit Insel der Ratten präsentiert er sein schriftstellerisches Können und die altbekannte düstere Stimmung in einem dystopischen Roman. Die norwegische Originalausgabe erschien bereits 2021, und damit kurz nach der Corona-Pandemie, in dem Sammelband Rotteøya og andre fortellinger, der neben Insel der Ratten noch vier weitere Geschichten enthält.
„Unsere Nation beruht auf dem Gesetz des Stärkeren. So ist es jetzt, und so war es auch früher. Der Rest war ein Spiel für die Galerie.“
Mit Insel der Ratten begeben sich die Lesenden in eine Welt nach der Pandemie, in der die herrschende Massenarbeitslosigkeit und Armut dazu führte, dass das demokratische Gleichgewicht gekippt wurde und anstelle der Justiz, das Chaos regiert. Während die Reichen auf einen Helikopter warten, um sich aus der Großstadt zu retten, kämpfen die Restlichen um das tägliche Überleben, beispielsweise in gewalttätigen Banden.
Die Handlung wird von dem Countdown bis zur Helikopterlandung spannungsreich vorangetrieben und in zwei Perspektiven dargestellt. So zeigt sich zum einen die Perspektive der Elite am Beispiel von Rechtsanwalt Will mit seiner Familie und seinem langjährigen Freund Colin Lowe, der einer der reichsten Unternehmer des Landes ist. Zum anderen wird die Handlung aus der Sichtweise der jungen Frau Yvonne, die Teil der Straßengang Chaos ist, wiedergegeben. Die Perspektiven werden auf eindrückliche Weise aufeinander zugeführt, als Amy (die Tochter von Will) bei einem Überfall von Chaos entführt wird.
„Niemand von uns sei nur gut oder böse. Auch nicht Brad. Oder sein Vater. Oder ich selbst.“
Nesbø entwickelt innerhalb der düsteren, dystopischen Stadt einen Wettlauf gegen die Zeit. Er führt an den untereinander verwobenen Familien beispielhaft vor, wie sehr moralischen Widersprüche Teil eines jeden von uns werden können, wenn ein gesamtes System zusammenbricht und bekannte Regeln selbst von der Polizei und Justiz in ihrer Durchsetzungskraft angezweifelt werden. So zeigt sich, wie schnell der erlernte moralische Kompass ins Wanken geraten kann. Insbesondere die gelungene Konzeption macht diesen Roman zu mehr als einer spannenden Wochenendlektüre. Dies zeigt sich beispielsweise an den philosophischen Gesprächen zwischen Will und Colin, die über Beweggründe der gesetzloshandelnden Bevölkerung oder auch Moralverständnis anhand der stimmigen Details von Chaos reflektieren. Denn nicht nur der Name zeigt, dass es sich diese Gang zur Aufgabe gemacht hat, anstelle von Regeln das Chaos regieren zu lassen, sondern auch ihre auf den Bikerjacken und Helmen abgebildete, mit einem Kopfschuss getötete, Justitia. Das Kippen des demokratischen Gleichgewichts wird auch innerhalb der Raumbewegungen verdeutlicht, wenn sich die zunehmende Straßenkriminalität von den Straßen der Stadt in die, sich oberhalb derer befindlichen, Villen der flüchtenden reichen Bevölkerung verschiebt.
Eine ungewohnt kurze Geschichte des erfolgreichen Krimiautors die, bis auf die wenigen Seiten, nichts von der gekonnten düsteren Spannung einbüßt und vermissen lässt.
von Selina Hoffmann

Jo Nesbø
Insel der Ratten
Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob
Ullstein 2026
208 Seiten
19,99 Euro
ISBN 9783550201530