„Wir waren nur drei Jungen, die das Schicksal herausforderten…“
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CW: Blut, Inzest, Tod, Vergewaltigung
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Die Geschichte von Perseus, Sohn des Zeus, der der Gorgone Medusa den Kopf abschlug und als Held in die Geschichte einging, ist wohl eine der bekanntesten Erzählungen der griechischen Mythologie. Doch was wäre, wenn Medusa und Perseus sich schon ihr Leben lang kennen, zusammen mit einem weiteren Jungen aufgewachsen sind und die drei eine tiefe Liebe verbindet? In Gorgonia – Von Mythen, Göttern und Schicksal interpretieren Christina Kokoro und Eleonora Gatta den Mythos neu und verwandeln ihn in einen bittersüßen Boys-Love Comic.
„Gegen das Schicksal und den Willen der Götter sind die Menschen machtlos.“
Akrisios, König von Argos, hat ein großes Problem: Er hat keinen männlichen Thronfolger. Als er aus Verzweiflung das Orakel aufsucht, erhält er eine erschreckende Prophezeiung: Ein männlicher Erbe wird den Thron besteigen, doch dieser wird für Akrisios’ Tod verantwortlich sein. Akrisios schafft es entgegen den Erwartungen mit einer Sklavin ein Kind zu zeugen – einen Jungen. Wie es das Schicksal, oder eher die Götter, so will, wird zeitgleich seine eigene Tochter Danaë auch schwanger. Als Akrisios hiervon erfährt, befiehlt er sie und ihren Sohn Perseus zu ermorden. Danaë gelingt es mit Perseus und Koral, dem Sohn von Akrisios und der Sklavin, zu flüchten und die drei landen schließlich auf der Insel Seriphos. Hier wachsen Perseus und Koral zusammen mit Medusa, dem Sohn des Hausherrn, auf.
Gorgonia zeigt, wie die drei Jungen im Kindesalter verschiedenste Orte der Insel erkunden und schließlich zu jungen Männern heranwachsen. Obwohl Koral blind und als Waise aufwächst, sehen sich die drei Jungen als Gleichgestellte an. Doch Korals Blindheit hält ihn nicht davon ab, seinen Wert zu beweisen und er hebt sich von den anderen Jungen durch seinen Orientierungssinn, Gesang und später Rechenfähigkeit, ab. Auch physisch unterscheidet sich Koral von allen anderen: Er hat feurig-rotes Haar, sehr helle Haut und eine eher feminine Figur, während Perseus und Medusa immer kräftiger und muskulöser werden.
„Die Vorstellung nur einen von beiden lieben zu dürfen, hatte in meinem Kopf keinen Platz. Medusa und Perseus waren mir ganz selbstverständlich gleich nah.“
Im Laufe ihres Erwachsenwerden bemerken die drei Jungen, dass ihre Gefühle füreinander viel tiefer gehen als bloße Freundschaft. Und so kommt es, dass die drei sich eines Abends ihre Liebe gestehen und eine Beziehung eingehen. Natürlich haben auch hier die Götter ihre Finger im Spiel und führen die bevorstehende Tragödie immer weiter voran. Die Beziehung der drei ist sehr erfrischend, denn anstatt einer Dreiecksbeziehung, wird ein polyamoröse Beziehung gezeigt, in der keine Eifersucht untereinander besteht. Koral wird nie vor die Aufgabe gestellt, sich für einen der beiden entscheiden zu müssen. So perfekt wie ihre Beziehung zunächst scheint, bleibt sie aber nicht. Es gibt zwar keine Eifersucht zwischen den dreien, Außenstehende treiben jedoch immer wieder einen Keil in das Glück – vor allem die Götter mischen sich immer wieder ein. Und wie es das Schicksal will, wird ihre Beziehung auf die Probe gestellt, der Perseus-Medusa-Mythos nimmt seinen Lauf und Koral steht mittendrin.
An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass Perseus und Koral als Neffe und Onkel miteinander verwandt sind und ihre Beziehung somit inzestuös ist, was für manche Lesende irritierend oder abstoßend sein könnte. Wer mit griechischer Mythologie vertraut ist, kennt bereits Beziehungen mit ähnlichen oder noch näheren Verwandtschaftsgraden, gerade bei den Göttern spielt das eine andere Rolle. Zudem wissen Koral und Perseus nichts von ihrer Verwandtschaft.
„Blind und so wie ich war, war ich perfekt für die Götter, aber das konnte ich nicht wissen.“
Je mehr sich die Geschichte ihrem Kipppunkt zur Tragödie nähert, desto schneller wird das Erzähltempo, das sowohl durch die einzelnen Zeichnungen der Panels als auch durch die verschiedenen Text- und Sprechblasen äußert. Anzeichen der bevorstehenden Tragödie tauchen während der Erzählung immer wieder auf. Die Erzählstimme betont an einigen Stellen, wie relevant das jeweilige Ereignis für die Zukunft ist – wie ein Zeitreisender, der versucht herauszufinden, wo alles schief ging. Besonders ist hier auch, dass einige dieser Szenen auf Keramikvasen verbildlicht werden. Ganz im Stil des Settings im antiken Griechenland.
Zudem zieht sich die Thematik von Medusas Schlangenkopf zeichnerisch durch den Comic. Immer wieder finden sich, versteckt oder bewusst eingebaut, Schlangen in verschiedenen Panels und dienen somit wie ein visueller roter Faden durch die Erzählung. Bei einigen Panels fungieren die Schlangen sogar als Trennline zwischen den einzelnen Zeichnungen. Auch allgemein gehen die Panels häufig fließend ineinander und brechen damit die traditionellen Raster. Die Charaktere selbst sind sehr realistisch gezeichnet: Sie haben verschiedene Körperformen und gerade ihre Haarstrukturen werden durch einen besonders detaillierten Zeichenstil hervorgehoben. Unterstützt wird dies durch die gedeckten Pastelltöne, die vor allem Korals helle Haut und roten Haare betont und auch das Meer so idyllisch erscheinen lässt, dass man sich wünscht selbst hineinzuspringen.
„Wir sind flüchtige Wesen, gemacht aus Worten, Gefühlen und Erinnerungen. Unerreichbar, doch für immer nah.“
Gorgonia – Von Mythen, Göttern und Schicksal ist eine gelungene Neuinterpretation des bekannten Perseus-Medusa-Mythos. Der ursprüngliche Mythos wurde zwar etwas abgeändert, dadurch erhält er aber emotionale Wendungen zu einer tragischen Geschichte. Sehr empfehlenswert für Fans von Neuerzählungen und Boys-Love-Geschichten.
von Sina Gutöhrlein

Christina Kokoro und Eleonora Gatta
Gorgonia – Von Mythen, Göttern und Schicksal
Aus dem Italienischen von Henrieke Markert
Panini Manga 2026
416 Seiten
20,00 Euro
ISBN 978-3-47416-4921-9