ETA Hoffmann Theater – Die unendliche Geschichte (lange Version)
ETA Hoffmann Theater – Die unendliche Geschichte (lange Version)

ETA Hoffmann Theater – Die unendliche Geschichte (lange Version)

Bereichernd, bühnenwirksam, bezaubernd – das sind drei B

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Mit Die unendliche Geschichte hat Michael Ende 1979 eine zeitlose Phantasiewelt für kleine und große Träumer*innen erzählt, die seitdem eine generationenverbindende Begeisterungswelle ausgelöst hat. Nicht verwunderlich ist daher, dass das ETA Hoffmann Theater – in Kooperation mit dem Salzburger Landestheater – den Stoff unter der Regie von Carl Philip von Maldeghem und Lara Roth in gleich zwei Versionen verarbeitet hat. Das einstündige Weihnachtsmärchen ab 6 Jahren wird seit dem 8. November bespielt und wurde bereits vom Rezensöhnchen besprochen.  Am 21. November öffnete sich erstmals der Vorhang für die Premiere des zweistündigen Familienstücks ab 10 Jahren.

In der märchenhaften Geschichte dreht sich alles um den Halbwaisen Bastian Balthasar Bux (Daniel Warland), aber davon weiß er noch nichts. Im Gegenteil: Er möchte sich einfach nur vor seinen Mitschülern verstecken, die ihn mobben. Deshalb landet er eines Tages bei Herrn Koreander (Florian Walter). Vorsicht, nicht im Antiquariat, wie es vielleicht aus dem letzten Abtauchen in den Kultklassiker in Erinnerung geblieben ist, sondern in dieser Fassung von John von Düffel mitten auf der Theaterbühne. Dort entdeckt Bastian das Soufflierbuch der Unendlichen Geschichte und vertieft sich immer weiter in die Welt von Phantásien, das aufgrund des mysteriösen  Nichts nach und nach zu verschwinden droht.

Als Herrscherin ist es die Aufgabe der Kindlichen Kaiserin (Laura Röseler), den Namen des tapferen jungen Helden zu verkünden, der sich auf die Suche nach einem Retter für ihr Land und eine Heilmethode für ihre eigene schwere Krankheit machen soll: Atréju (Leyla Bischoff). Zusammen mit seinem Pferd Artax (Iris Hochberger) und dem Glücksdrachen Fuchur (Martin Trippensee) durchstreift er Phantásien auf der Suche nach dem Grund der Gefahr für seine Heimat. Er schwebt auf diesen Abenteuern jedoch selbst in permanenter Gefahr, denn sein Antagonist, der durchtriebene Werwolf Gmork (Hermia Gerdes), ist ihm dicht auf der Spur. Neben ihm trifft er auf weitere fantastische Wesen wie den einflussreichen Zentaurenmagier Caíron (Florian Walter), das uralte Wesen Morla (Eric Wehlan) und die Riesenspinne Ygramul (Laura Röseler) sowie die Stimme des Südlichen Orakels Uyulála (Iris Hochberger).

Im Verlauf der Geschichte wird Bastian seine zentrale Rolle darin klar: Die Bewohner*innen von Phantásien warten auf ihn, er ist ihr Retter. Deshalb muss der schüchterne Junge über sich hinauswachsen und ein Teil Phantásiens werden. Schnell stellt er die schöpferische Kraft seines beeindruckenden Vorstellungsvermögens fest und setzt sie ein, um Phantásien nach seinen eigenen Wünschen neu zu gestalten. Doch was ist sein wahrer Wille? Um das herauszufinden und zurück nach Hause zu können, muss Bastian eine eigene Reise durch das Land antreten. Gemeinsam mit Atréju, Fuchur und der Mauleselin Jicha (Iris Hochberger) bricht er zum Elfenbeinturm der Kindlichen Kaiserin auf, kommt aber vom rechten Weg ab und trifft auf allerlei Bewohner*innen Phantásiens wie den Held Hynreck (Eric Wehlan), Graógramán, den bunten Tod (Hermia Gerdes), die böse Zauberin Xayide (Laura Röseler), den Affen Argax (Eric Wehlan) und den Bergmann Yor (Florian Walter).

„Die Unendliche Geschichte… eine ganz eigenartige Geschichte ist das. Sie sieht nämlich für jeden anders aus.“

Bereits vor Beginn der Aufführung lässt sich ein erster Einblick in die Reise Bastians gewinnen, denn es gibt eine Audioeinführung von Herrn Koreander höchstpersönlich. Er berichtet von dem plötzlichen Auftauchen Bastians sowie dessen Lektüre der Unendlichen Geschichte und wichtiger Rolle bei der Rettung Phantásiens. Für seine eigene Version der Geschichte hat er allerdings keine Zeit mehr. Besonders für Kinder lohnt sich das kurze Hörvergnügen. Die Atmosphäre des Stücks wird gut eingefangen und man erfährt klappentextartig den Inhalt, ohne Spoiler befürchten zu müssen.

Perfekt für die Bühne inszeniert

Nicht nur das Schauspiel überzeugt, sondern auch die gesamte künstlerische Gestaltung des Stücks: Bühne & Kostüme (Christian Floeren), Musik (Julius von Maldeghem), Requisite (Jochen Mischner), Puppenbau (Richard Panzenböck), Licht (Volker Nitschke), Ton & Video (Janic Hackner, Philipp Matuszynski, Jonas Meerkamp) und Maske (Renate Gärtner, Xenia Szabo, Olena Moseichuk, Sabrina Borcherdt). Diese ausführliche Auflistung soll zeigen, wie viele Menschen in unterschiedlichen Bereichen im Hintergrund daran mitgearbeitet haben, dass die Zuschauer*innen Die unendliche Geschichte überhaupt erst auf diese Weise erleben konnten. Die Wow-Effekte entstehen gerade durch das Zusammenspiel aller, die das Schauspiel auf neue Ebenen bringen.

Das gelingt nicht nur metaphorisch gesehen, sondern auch wörtlich, wenn beispielsweise Atréju mithilfe eines Krans auf Fuchur fliegt oder sein Pferd Artax in den Sümpfen der Traurigkeit bis unterhalb der Spielfläche versinkt. In diesem Zusammenhang sind auch die artistischen Elemente erwähnenswert, mit denen Laura Röseler aufgrund des Artistik-Trainings (Sandra Helldörfer vom Zirkus Giovanni) in ihren verschiedenen Rollen glänzt.

Ein weiteres Highlight ist die Verwendung einer mobilen Kamera, die als Spiegel dient und dafür sorgt, dass das Publikum die Körpersprache der Schauspieler*innen lesen kann, auch wenn diese ihm den Rücken zukehren. Insgesamt wird in Die unendliche Geschichte viel mit visuellen Reizen in Form von Licht- und Nebeleffekten, Requisiten und Videos gearbeitet, die mit Ton und Musik kombiniert werden. Dazu gehören auch die mit Liebe zum Detail gestalteten Kostüme wie die Kopf-Puppe von Fuchur und die von der Decke herabhängende Riesenspinne Ygramul. Diese Effekte prägen das Stück und tragen wesentlich zu seiner Wirkung bei. Gleichzeitig entsteht zum Teil eine kurzfristige Überstimulation, weil zu viele visuelle und akustische Reize gleichzeitig eingesetzt werden.

Eine bereichernde Geschichte

Michael Ende vermittelte in Die unendliche Geschichte die Wichtigkeit von Fantasie, Freundschaft und Familie. Die märchenhafte Erzählung ist eine große Suche nach der eigenen Identität, die eine Menge Mut erfordert. Das gleichnamige Theaterstück schafft es wunderbar, diese Werte zu transportieren. Das geschieht auf eine Weise, die sowohl die Erwachsenen als auch die Kinder gleichermaßen anspricht. Mit einer Mischung aus witzigen und dramatischen Szenen zieht diese Inszenierung des Klassikers auf seine ganz eigene kreative Weise die Zuschauer*innen in ihren Bann und regt zum Nachdenken an.

Aufgrund der begrenzten Möglichkeiten, die sich aus einer Umwandlung von einem literarischen Werk in ein Theaterstück ergeben, musste die Handlung leicht verändert und gekürzt werden. Das ist aber nicht störend. Im Gegenteil: Das Antiquariat von Herrn Koreander in ein Theater umzuwandeln, ist beispielsweise eine perfekt zum Medium passende und spannende Abänderung, die Bastians aktive Rolle bei der Unendlichen Geschichte hervorhebt und für das Publikum eine greifbare, direkt erfahrbare Verschmelzung von Fantasie und Realität darstellt.

Mit Die unendliche Geschichte hat das ETA Hoffmann Theater die Möglichkeiten des Theaters vollumfänglich ausgeschöpft, um das bekannte Werk von Michael Ende in das eigene Setting zu übertragen. Die lange Version ist eine wirklich bezaubernde Geschichte und für die gesamte Familie zu empfehlen, unabhängig vom Alter und den Vorkenntnissen über eines der wichtigsten deutschen Jugendbücher.

Weitere Aufführungen der langen Version finden am 23.11, 20.12, 07., 08., 15., 21. 02 um 16:00 Uhr, am 05., 17., 18., 27.12, 13., 14., 19., 20.02 um 19:30 Uhr sowie am 07.12 und 04.02 um 18:00 Uhr statt.

von Alina Köhler

Fotos ©Marian Lenhard

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