Julia Pustet – Alles ganz schlimm
Julia Pustet – Alles ganz schlimm

Julia Pustet – Alles ganz schlimm

„Man hatte mir gesagt, ab dreißig werde das Leben besser, doch mir ging es nicht so gut.“

CW: Gewalt in Beziehungen

Julia Pustets Romandebüt Alles ganz schlimm verhandelt die Vielschichtigkeit von Freundinnen- und Partnerschaft sowie Familie. Dabei fordert sie die Leser*innen heraus, Widersprüchlichkeiten auszuhalten – eine bewegte Auseinandersetzung mit (dem Ausbleiben von) weiblicher Solidarität, Cancel Culture, linker Politisierung und gewaltvollen Beziehungen.

Die Protagonistin Susanne schreibt der Gerechtigkeit willen, um sich nach einem Streit zu rechtfertigen, um sich etwas von der Seele zu schreiben oder den Liebeskummer durch die Sprache zu lindern. Aber auch aus Angst vor dem Vergessen – so auch den Text Die Bar Paris, in dem sie sich an ihre Zeit als Sexarbeiterin mit Anfang 20 erinnert. Als ihre Freundin Stella den Text als ihren ausgibt und veröffentlicht, brechen weitreichende Folgen über Susi herein. Pustet tariert Identitätsdiebstahl, Skandale und Verleumdung auf Social Media, Cancel Culture sowie die Konsequenzen des Abwendens des eigenen Freund*innenkreises eindrücklich aus: „,Ich lebe in meiner eigenen kafkaesken Welt, in der mir ständig ganz ganz schlimme Dinge zustoßen, die ich gar nicht verdient habe, und Menschen sich abwenden, denen ich gar nichts getan habe, und ich bin zwar offensichtlich zu doof, um zu begreifen, was ich falsch mache, aber nicht doof genug, um nicht zu merken, dass ich hier das Problem sein muss. Bei mir ist einfach immer alles ganz schlimm, und ich habe nichts damit zu tun. Du kannst mir glauben, dass mir das selber am peinlichsten ist.‘“

„Vielleicht wollte ich am Ende ja auch gar nicht so gern angelogen werden, wie ich das eine Zeit lang dachte, als ich es noch aufregend fand, dass jemand für mich die ganze Welt erfand.“

Durch den Roman ziehen sich Reflexionen über Familiendynamiken, die sich im Laufe der Handlung immer stärker mit den Dynamiken ihrer Freundinnenschaften verflechten. Die Autorin scheut sich nicht davor die Komplexität, das Fehlverhalten und Ambivalenzen der einzelnen Charaktere abzubilden. Keine der Figuren trägt Sympathie, dazu werden sie viel zu sehr in ihrer Imperfektion gezeigt, aber genau darin liegt die Stärke des Romans. Die Erzählung schwebt in den Zwischenräumen und macht deutlich, dass sich klare Urteile in zwischenmenschlichen Beziehungen nicht immer treffen lassen. Das Aushalten dieser Gleichzeitigkeit beim Lesen fordert heraus, aber man wird mit der Beobachtungsgabe, mit der Pustet all dies einfängt, belohnt.

Ein Romandebüt, das durch die verdichtete Sprache sowie die Schwere und den Anspruch des Erzählten viel verlangt, aber dafür mit dem bemerkenswerten Herausarbeiten zwischenmenschlicher Komplexität besticht.

von Michaela Minder

Julia Pustet
Alles ganz schlimm
Haymon 2025
360 Seiten
25,90 Euro
ISBN 978-3-7099-8256-3

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