Petra Pellini – Der Bademeister ohne Himmel
Petra Pellini – Der Bademeister ohne Himmel

Petra Pellini – Der Bademeister ohne Himmel

„Was Hubert am wenigsten braucht, sind Menschen, die wissen, was gut für ihn ist. “

CW: Demenz, Essstörung, Suizid, Tod

Der Bademeister ohne Himmel von Petra Pellini handelt von Hubert Raichl, einem dementen Bademeister in Ruhestand, seiner polnischen 24h-Pflegekraft Ewa und der 15-jährigen Linda, die ihn regelmäßig besucht. Anhand dieser Dreierkonstellation werden vielfältige Themen erzählt: intergenerationale Freundschaft, Schulprobleme und Umweltschutz. Im Zentrum der Geschichte steht jedoch die Frage: Wie können demente Menschen trotz Pflegenotstand würdevoll versorgt werden? Und wer trägt die Verantwortung dafür?

Hubert ist 86 Jahre alt und arbeitete 40 Jahre lang als Bademeister in Bregenz. Seine Frau Rosalie starb vor sieben Jahren, aber aufgrund seiner Demenz wartet Hubert jeden Tag darauf, dass sie vom Einkaufen heimkommt. Während Ewa ihn regelmäßig daran erinnert, dass Rosalie tot ist, würde Linda ihm gern einen Mittwoch schenken, an dem Rosalie wirklich heimkommt.

„Das Warten hätte endlich ein Ende. Das Umblättern vom Heimat- zum Sportteil würde den Unterschied machen. Die Seite zuvor wäre sie noch beim Einkaufen. Er würde umblättern, den Blick heben und sie wäre zurück.“

Anfangs ist das Verhältnis von Linda und Ewa sehr distanziert, zum Teil ablehnend. Im Laufe der Geschichte nähern sie sich jedoch immer mehr an und es entwickelt sich ein freundschaftliches Miteinander zwischen den beiden. In ihren Gesprächen werden einige politische Fragen verhandelt, die besonders zu Beginn des Buches sehr präsent sind.

„Gäbe es eine Leistungsbeurteilung für Demente, wäre Hubert Klassenbester.“

Voller Feingefühl und Fachkenntnis schreibt Pellini über die Pflege von Hubert und seine zunehmenden Demenz. Trotz der Ernsthaftigkeit des Themas ist ihr Schreibstil locker und humorvoll. Lindas jugendliche Erzählperspektive sorgt an vielen Stellen für Leichtigkeit, auch wenn diese selbst mit dem Leben ringt. Linda wird als sehr komplexer Charakter gezeichnet. Obwohl man sie im Laufe des Romans in unterschiedlichen Momenten und zwischenmenschlichen Beziehungen kennenlernt, bleibt sie immer etwas unberechenbar. Mit großer Hingabe und Fürsorge kümmert sie sich um Herbst und lässt sich ständig neue Wege einfallen, um ihm eine Freude zu bereiten – mal mehr, mal weniger erfolgreich.

„Hörgeräte lassen sich in Zeitungspapier einwickeln, passen durch die Futterklappe des Aquariums und man kann sie problemlos mit dem Restmüll zum Container tragen. Praktisch gesehen ist es wie mit den Zahnprothesen. Hörgeräte können überall verschwinden, kosten viel Geld und erhöhen unseren Stresspegel. Als ob wir keine anderen Sorgen hätten.“

An einigen Stellen wirkt das Buch politisch überladen. Durch Lindas Freund Kevin werden zahlreiche Fragen zum Klimawandel eingebracht, welche deplatziert wirken und nicht ausreichend differenziert betrachtet. Die inhaltlich relevanten Aussagen tragen wenig zur eigentlichen Handlung bei und teilweise fehlt der Kontext, um die gewünschte Wirkung zu entfalten.

Im hinteren Teil wird die Handlung leider zunehmend langatmig. Zum einen liegt das an einigen Szenen, welche unnötig ausgeschmückt werden, zum anderen spiegelt es aber auch die Realität wider: Je weiter die Demenz fortschreitet, desto herausfordernder wird es, Zeit mit den betroffenen Menschen zu verbringen. Während der Anfang von jeder Menge Situationskomik geprägt ist, überwiegt zum Ende hin die Tragik. Obwohl das Ende recht vorhersehbar ist, ist es sehr gelungen geschrieben. Gerade weil es so unaufgeregt daherkommt, geht es unter die Haut.

„Wenn wir ihm nichts zu trinken geben, trinkt er nicht. Wenn wir ihm nichts zu essen geben, isst er nicht. Wären wir nicht da, wäre er schon weg. “

Aufgrund der thematischen Relevanz, dem kompromisslosen Eintreten für Mitmenschlichkeit und dem sehr angenehmen Schreibstil von Petra Pellini ist Der Bademeister ohne Himmel trotz kleiner Schwachstellen zu empfehlen – besonders für alle, die Berührungsängste in Bezug auf Demenz haben. Für Auszüge aus dem Roman wurde die österreichische Autorin deshalb 2021 bereits mit dem Vorarlberger Literaturpreis ausgezeichnet.

von Jasmin Fuchs

Petra Pellini
Der Bademeister ohne Himmel
Rowohlt 2024
320 Seiten
23,00 Euro
ISBN ‎ 978-3-463-00068-8

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert