Eva Illouz – Explosive Moderne
Eva Illouz – Explosive Moderne

Eva Illouz – Explosive Moderne

Gefühle als gesellschaftliche Sprengkraft: Eva Illouz’ Soziologie der Emotionen

Eva Illouz gehört seit Jahren zu den scharfsinnigsten Diagnostikerinnen unserer Gegenwart. In Explosive Moderne zeigt sie erneut, wie eng gesellschaftliche Dynamiken und individuelle Gefühlslagen miteinander verflochten sind. Entlang der Emotionen Angst, Enttäuschung, Wut, Scham und Liebe betrachtet sie soziale und ökonomische Strukturen. Gerade in einer Zeit, in der Gefühle längst zum politischen und kulturellen Rohstoff geworden sind, liefert sie damit eine überzeugende Lesart der Moderne.

Emotionen zwischen Innen und Außen

Zentral ist Illouz’ Gedanke, dass Gefühle liminale Phänomene sind – sie bewegen sich an der Schwelle zwischen Innerem und Äußerem. Emotionen sind weder rein privat noch vollständig sozial determiniert: Sie entstehen im Wechselspiel zwischen subjektivem Erleben und gesellschaftlichen Erwartungen, wodurch sie zu den Vermittlern zwischen persönlicher Erfahrung und kollektiver Struktur werden.

Illouz analysiert mit beeindruckender Präzision, wie emotionale Muster in Konsum, Politik und zwischenmenschlichen Beziehungen wirken. Dabei gelingt es ihr, komplexe Phänomene – etwa die Emotionalisierung der Öffentlichkeit oder die Ambivalenz moderner Freiheitsversprechen – mit soziologischer Schärfe und erzählerischer Klarheit zu verbinden. Dabei verpasst sie nicht das Novum der aktuellen Zeit im Umgang mit den Emotionen deutlich zu machen: „Noch nie in der Geschichte haben ökonomische, kulturelle und politische Institutionen so systematisch Gefühle hervorgerufen. Wie alt zum Beispiel das Gefühl des Neids auch sein mag: nie war es derart strukturell in die Konsumgesellschaft eingebettet wie heute. Dasselbe gilt für den Zorn, der durch eine hoch entwickelte Parteipolitik, parteiische Nachrichten, immer reichweitenstärkere ideologische Plattformen und die sozialen Medien mit ihren Blasen zirkuliert.“

Das Individuum im emotionalen Geflecht

Bei der Analyse struktureller und kultureller Systeme verliert Illouz dennoch das Individuum nicht aus dem Blick. Sie führt die gesamtgesellschaftlichen Phänomene immer wieder auf das Subjekt zurück und beleuchtet dessen Konsequenzen daraus. Gefühle sind für sie nicht nur Spiegel sozialer Strukturen, sondern prägen auch, wie Menschen sich selbst verstehen, Beziehungen gestalten und moralische Urteile fällen. Das Individuum steht damit im Spannungsfeld zwischen Autonomie und sozialer Prägung: Es erlebt seine Emotionen als zutiefst persönlich, doch sie sind auch von kulturellen Skripten und institutionellen Rahmenbedingungen durchdrungen. In dieser Spannung erkennt Illouz eine zentrale Erfahrung der Moderne – das Ringen darum, authentisch zu fühlen in einer Welt, die unsere Gefühle längst mitformt: „Die Gefühle sind zur Realität der Individuen geworden, zu ihrer umkämpften Realität, zu dem, was sie zu gestalten und zu kontrollieren versuchen und worum sie mit anderen ringen.“

Explosive Moderne ist ein ebenso anspruchsvolles wie lohnendes Buch: dicht, klug und analytisch brillant. Es zeigt, dass eine Gegenwartsdiagnose, die Gefühle ernst nimmt, die Strukturen unserer Zeit vielleicht besser erklären kann als jede reine Wirtschafts- oder Politikanalyse. Illouz schreibt so pointiert, dass man Stift und Notizblock kaum aus der Hand legen möchte. Wer ihre Arbeit bereits kennt, wird viele der Beobachtungen und Thesen wiedererkennen, was keinesfalls eine Schwäche des Buches ist. Vielmehr bringt sie hier frühere Überlegungen zu einer umfassenden und pointierten Gesellschaftsanalyse zusammen. Eine Lektüre, die sich lohnt und mit der Erscheinung des Taschenbuchs am 12. Januar 2026 auch für den schmalen Geldbeutel eignet.

von Judith Albert

Eva Illouz
Explosive Moderne
Aus dem Englischen von Michael Adrian
Suhrkamp 2024
447 Seiten
32,00 Euro
ISBN 978-3-518-43206-8

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