Manon Garcia – Mit Männern leben
Manon Garcia – Mit Männern leben

Manon Garcia – Mit Männern leben

„Können wir mit Männern leben? Um welchen Preis?“

CW: Inzest, sexualisierte Gewalt, sehr deutliche Beschreibungen von sexualisierter Gewalt und Vergewaltigung

Die Philosophin Manon Garcia begleitete den Pelicot-Prozess und dechiffriert dabei auf eindringlichste Weise wie strukturell und gesellschaftlich akzeptiert sexualisierte Gewalt ist.

Gisèle Pelicot, Dominique Pelicots damalige Ehefrau, wurde 10 Jahre lang von ihm mit stark angstlösenden Medikamenten und Schmerzmittel betäubt, von ihm und über 70 Männern, denen er das in Internetforen anpries, vergewaltigt und dabei gefilmt. Diese Videos wurden bei einer Durchsuchung gefunden, als Pelicot aufgrund einer Anzeige zu Upskirting verhaftet wurde. 50 der Männer konnten identifiziert werden und wurden 2024 mitangeklagt – alle wurden schuldig gesprochen und erhielten Strafen in unterschiedlichem Ausmaß.

Diesem Prozess wohnte Garcia mit einer Presseakkreditierung bei und gibt Einblicke in das technisch nicht immer vollumfänglich umsetzbare Anliegen Gisèle Pelicots, den Prozess der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Den strafgerichtlichen Prozess nimmt die Philosophin als Anlass eine gesellschaftliche Reflexion anzustreben: Welche Bedeutung und welche Konsequenz für uns als Gesellschaft wohnen der Tatsache inne, dass Dominique Pelicot in einem Radius von 50km mehr als 70 Männer fand, die seine Frau, die so stark betäubt war, dass ein Arzt den komatösen Zustand als „fast wie tot“ beschreibt, vergewaltigen wollten? Welche Rückschlüsse lassen sich daraus ziehen, dass bei diesen Männern diverse Altersgruppen und soziökonomische Schichten vertreten sind? „Wie kann man auf dem Trümmerfeld, das die männliche Sexualität darstellt, noch etwas aufbauen“, wenn so alarmierend klar wird, dass die „im Prozess befragten Männer ein falsches Verständnis davon haben, was Einverständnis ist, und ohnehin denken, dass die gut darauf verzichten können, solange sie nicht Gefahr laufen, entdeckt zu werden“?

„Die Boshaftigkeit kleiner Jungen wird mit angeblicher Unreife entschuldigt, die Wut der Männer davon abgeleitet, dass sie sich nicht beherrschen können, eine Vergewaltigung folgt logisch einer quälenden Libido.“

Diesen Fragen spürt Garcia auf durch den akademischen Ton anspruchsvolle und ob der Grausamkeit des Themas herausfordernde, aber dennoch zugängliche Art nach. Die Sprache wirkt allerdings stellenweise etwas schwerfällig, was sich eventuell auf die Übersetzung zurückführen lässt.

Garcia illustriert die Grenzen der Gesetzgebung dieses gesellschaftliche Problem zu lösen. Anhand des Inzestmissbrauchs, der ebenfalls Relevanz im Prozess hat, erklärt sie, warum Inzest als „Wiege der Herrschaft“ verstanden werden kann, da es nicht um Pädophilie als paraphile Störung eines sexuellen Verlangens geht, sondern darum „zu vergewaltigen, was man kann, und Kinder sind zugänglicher, weniger widerstandsfähig“.  Die Philosophin zieht Parallelen zwischen Hannah Arendts Analysen des Eichmann-Prozesses, aber lässt sich nicht zu einer „Banalität des Männlichen“ hinreißen. Daran angelehnt, wie laut Arendt die „nahezu allseitige Verstrickung“ der deutschen Gesellschaft für den Mord der Jüd*innen zu beachten ist, anstatt sich nur auf Eichmann zu konzentrieren, erklärt Garcia die „nahezu allseitige Verstrickung“ der französischen Männer mit dem Patriarchat für elementar. Die Männer zeigten Pelicot nicht an, sie erzählten es anderen Männern, die sie wiederum nicht anzeigten und wieder andere Männer verteidigten die Täter trotz deren Geständnis noch im Zeugenstand: „Brüderlichkeit statt Gerechtigkeit.“ Anknüpfend analysiert Garcia die Hierarchien von Männlichkeit(en) und differenziert den Einfluss, den Testosteron auf das sexuelle Begehren und die Gewalt von Männern hat aus. Himpathy, die Komplexität des ,guten Opfers‘und die sekundäre Viktimisierung Gisèle Pelicots durch den Prozess werden darüber hinaus verhandelt.

„Ich mag Bücher von Frauen, Filme von Frauen, Lieder von Frauen, aber ich möchte alles hören, alles lieben, alles lesen können, ohne endlos die Erzählung meiner Ausgrenzung wiederzufinden.“

Manon Garcias Auseinandersetzung zeichnet sich durch ihre offene Selbstreflexion aus, wie auch durch ihre Diskussion darüber, wie sie über den Prozess, vor allem die Beschreibung der Videos als Beweismaterial, schreibt, welche gegenderte Konnotation das mit sich bringt und wie ihre Perspektive besonders Erkenntnis transportiert. Eine herausfordernde, aber ungemein aufschlussreiche Analyse der gesellschaftlichen Implikationen von sexualisierter Gewalt anhand des Pelicot-Prozesses.

von Michaela Minder

Manon Garcia
Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess
Aus dem Französischen von Andrea Hemminger
edition suhrkamp 2025
195 Seiten
20,00 Euro
ISBN 978-3-518-00130-1

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