Rieke Havertz – Goodbye, Amerika?
Rieke Havertz – Goodbye, Amerika?

Rieke Havertz – Goodbye, Amerika?

„Mein transatlantisches Gefühl ist geprägt von persönlicher Verbundenheit und politischer Ambivalenz.“

Rieke Havertz, internationale Korrespondentin der ZEIT und Co-Host des Podcasts OK, America? führt in Goodbye, Amerika? ihre Recherchen zusammen und lässt teilhaben – an ihren USA und an den USA, zu denen sich das Land besonders in den letzten Wahlperioden entwickelt hat.

Vor dem Hintergrund der zweiten Amtszeit des US-Präsidenten Donald Trump stellt sich die Autorin die Frage, ob nach über 20 Jahren, als ihre Faszination mit dem Land begann, dies nun für sie einen Abschied bedeutet, weil sie ihre USA nicht mehr wiedererkennt. Die Antwort, die im Epilog gegeben wird, ist zwar vorhersehbar, aber lässt erleichtert in eine Zukunft blicken, in der man durch Havertz‘ kluge Analysen die USA (weiter) verstehen darf. Der Weg, der sie zu dieser Antwort des Nicht-Aufgebens führt, ist die Essenz des Buches.

Von Kunden, die den Friseursalon wechseln, weil der Besitzer eine andere politische Ansicht hat, bis hin zu Familienbrüchen aufgrund politischer Differenzen

Auf etwa 300 Seiten versteht es die Autorin sowohl die politischen USA zu skizzieren als auch den Charakter des Landes, der Bevölkerung zu erklären. Sie berichtet davon, wie die Mühseligkeit den Alltag der Menschen und die Feindseligkeit die Politik bestimmt. Die Kehrseite des vermeintlichen amerikanischen Traums wird als die Haltung Armut sei selbstverschuldetes Schicksal entlarvt. Elementare Eigenschaften der USA und ihrer Bürger*innen, wie die offene oder verhohlene Affinität zur Countrymusik, nimmt Havertz beispielsweise als Anlass, um aufzuzeigen, wie Politik in alle Lebensbereiche reicht. Die Spaltung des Landes, die zum Rückzug ins Private führt, die verlorenen Berührungspunkte mit der anderen Seite und das bewusste Schaffen von Echokammern zeichnet Havertz eindrücklich nach. Die beiden primären politischen Parteien sowie die Macht von Institutionen wie dem Supreme Court und deren Missbrauch finden eingehend Betrachtung. Durch die Linse einer Korrespondentin ermöglicht Goodbye, Amerika? außerdem Einblicke in den Wandel des Umgangs mit Journalist*innen während den letzten drei Amtszeiten – sowohl seitens der Regierung als auch seitens der Bürger*innen. Der Bogen zum Untertitel Die USA und wir – eine Neuvermessung wird besonders in der Auseinandersetzung mit dem transatlantischen Verhältnis gespannt.

Die Autorin lässt immer wieder Anekdoten aus ihren bisherigen Recherchen miteinfließen, die aufmerksame Leser*innen und Hörer*innen ihrer Artikel und ihres Podcasts wiedererkennen dürften. Diese Passagen werden organisch und effektvoll eingearbeitet und dienen erfolgreich zur Illustration ihrer Argumentation. Darüber hinaus rühmt sich Goodbye, Amerika? mit gekonnt gesetzten Rückbezügen zu vorherigen Episoden. Das erzählerische Gespür der Journalistin sorgt dafür, dass das Sachbuch anspruchsvoll, aber ansprechend ausfällt.

Anklagend, aber wertschätzend und selbstreflektiert

Havertz schreibt kein vernichtendes Buch, das die USA mit Kritik an ihren vielen Fehler die Hoffnung aufgebend zurücklässt, sondern die Autorin zeigt immer auch auf, was es bräuchte, um das, was die USA so ausmacht, wieder zu sichern. Bei all der Anklage und Kritik demonstriert sie auch, warum sie die USA ebenso bewundert und wertschätzt. Die damit einhergehenden privateren Einblicke in ihre Erfahrungen im Auslandssemester und Auslandspraktikum oder bei ihrer „American Family“ vermögen es, diesen Funken zu transportieren. Darüber hinaus verhandelt sie ihre liberale, europäische und bildungsbürgerliche Perspektive offen. Sie geht stets in die Selbstreflektion, wie besonders das Beispiel der anerkannten deutschen Überheblichkeit, sich mit der eigenen Ansicht bezüglich Waffenbesitzes im Recht zu fühlen, darlegt. Dieser ehrliche und reflektierte Blick ist ein besonderes Herausstellungsmerkmal Havertz‘.

Rieke Havertz shows how it‘s done

Neben den scharfen und selbstreflektierten Analysen, die besonders ansprechend präsentiert werden, zeichnet vor allem auch der Sound Goodbye, Amerika? aus. Die Autorin scheut sich nicht davor mit einem „Donald Fucking Trump“ in das Buch einzuführen, versucht nicht krampfhaft das zu übersetzen, was sich nicht sauber übersetzen lässt, und besticht mit einem gewissen Humor. Sie meistert somit, dass das Buch nicht in die platte Nüchternheit vieler Sachbücher rutscht und wahrt dennoch die journalistische Präzision. Ebenfalls ist die stets präsente Sprachgewandtheit Havertz‘ anzuerkennen, die zwar von einer Journalistin zu erwarten ist, aber dennoch begeistert.

Für alle Fans, die sich über Havertz‘ Intermezzi als Korrespondentin im Nachrichtenpodcast Was jetzt? der ZEIT oder über die wöchentlichen Folgen von OK, America? freuen, dürfen ebenfalls in den Genuss des von der Autorin eingesprochenen Hörbuchs kommen.

von Michaela Minder

Rieke Havertz
Goodbye, Amerika? Die USA und wir – eine Neuvermessung
Aufbau 2025
304 Seiten
22,00 Euro
ISBN 978-3-351-04265-3

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