Stefanie Jaksch und Magdalena Stammler (Hg.) – bluten. 15 Stories
Stefanie Jaksch und Magdalena Stammler (Hg.) – bluten. 15 Stories

Stefanie Jaksch und Magdalena Stammler (Hg.) – bluten. 15 Stories

„Ich beschließe […] nicht länger für den Erhalt dieser Welt bluten zu wollen.“

Unter der Herausgeberinnenschaft von Stefanie Jaksch und Magdalena Stammler werden in bluten 15 Beiträge zusammengeführt. Die Autorinnen Elif Duygu, Milena Michiko Flašar, Yasmin Hafedh, Lydia Haider, Gertraud Klemm, Johanna Linimayr, Lydia Mittermayr, Jacinta Nandi, Lisa-Vicktoria Niederberger, Romina Pleschko, Julya Rabinowich, Barbara Rieger, Chantal-Fleur Sandjon, Margit Schreiner und Magdalena Stammler legen ganz individuelle Texte vor, die unterschiedliche Zugänge zum Thema der Anthologie aufmachen. Bluten im Kontext weiblicher Lebensrealität wird teilweise wörtlich verstanden – Menstruation, sowie ihr Ausbleiben, Fehlgeburt oder Femizid – aber auch im übertragenen Sinne. Mehrstimmig erzählen die Autorinnen vom Frausein im Patriarchat, davon was es heißt, immer auf die eigene Fruchtbarkeit reduziert zu werden, davon was es heißt, wenn die Gebärmutter entfernt werden muss und die Fruchtbarkeit auf einmal wegfällt. Die Scham, die um den weiblichen Körper und sein Bluten gelegt wird, sowie das Bluten der Frauen, das nicht sichtbar ist und die Wut darüber, dass es nicht gesehen, die Wunde nicht anerkannt wird: Als Frau untergraben zu werden, unbezahlte Care-Arbeit, Mental Load sowie Victim Blaiming finden vielschichtige Betrachtungen. Der Ton ist folglich schmerzhaft, die Erzählungen bewegen, versuchen nicht panisch kleine Flecken auf dem schneeweißen Laken zu verstecken, sondern lassen die Lache das gesamte Bett tränken. Manche Texte sind brutal und rau, andere transportieren ihren Ernst mit einem feinen Humor, wie Elif Duygu in Mama und ich: Wie es ist, ein Kanaken-Kind zu sein beweist. Sie zeigt die Parentifizierung von Kindern mit Migrationsbiografie auf und erklärt: „Nach einiger Zeit lastet das schwer auf den Schultern, und ich denk mir daher oft – wie man bei Pressekonferenzen in Österreich so schön sagt –: „Ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr, ich halte das alles nicht mehr aus.““

„Mädchen zu sein heißt, Frau zu werden. Frau zu sein heißt, das alles zu ertragen.“

In der Einleitung wird erklärt, dass die Autorinnen lediglich den Titel der Textsammlung kannten und somit sehr frei in ihren Beiträgen waren. Dadurch wird auch nachvollziehbar, warum die Beiträge inhaltlich mitunter deutlich auseinandergehen. Wie es für Anthologien üblich ist, fühlt man sich als Leser*in von manchen Beiträgen besonders angesprochen, während man zu anderen schwerer Zugang findet. Die inhaltliche Breite, die teilweise auch nur peripher den Bezug zum Titel bluten erkennen lässt, sorgt leider dafür, dass man sich mit manchen Beiträgen gar nicht anfreunden kann. Dies wird sicherlich dadurch begünstigt, dass der Klappentext und auch die Aufmachung des Buches (als Cover das Innere einer rosa Badewanne) für eine klare Konnotation sorgt, es aber keine Anthologie rein zur Menstruation oder weiter ausschließlich zum körperlichen und gesellschaftlichen Bluten von Frauen ist. Gerade der zweite Beitrag Der Wald fokussiert sich auf eine dystopische Zukunft durch die Klimakrise, in der Brennholz zum umkämpften Gut wird und Wilderei der präsenteste mögliche Bezug zum Thema der Anthologie ist. Die Metaebene, die ein gesellschaftliches Bluten mit der Behandlung eines lesbischen Paars in der Provinz in ein paar Sätzen thematisiert, wird subtiler deutlich. Mit solchen Beiträgen, deren Bezug zum Thema nicht direkt deutlich wird, in die Sammlung einzuleiten, irritiert ob ihrer Präsentation. Diese Pluralität ist jedoch der Sinn einer Anthologie, es gilt sie auszuhalten. Die Verhandlungen, die man mit dem Buch aufgrund von Design und Titel assoziiert – Menopause, Fehlgeburt, das Nichtanerkennen von Menstruationsschmerzen – prägen besonders die mittleren Beiträge, bevor die Anthologie mit einem Beitrag zur weiblichen Ermächtigung durch Selbstjustiz schließt.

Die inhaltliche Diversität der Text kann also sowohl bereichernd sein als auch stellenweise als unpassend empfunden werden.

Diese Ambivalenz der Diversität geht über den Inhalt hinaus. Ebenfalls finden sich Diskrepanzen im Stil und den Botschaften, die sie transportieren wieder. Die Autorinnen entstammen unterschiedlichen Jahrgängen und die damit verbundenen Unterschiede der Sozialisierung als Frau finden sich unmissverständlich und teils ohne Reflexion wieder: Margit Schreiner, eröffnet ihren Beitrag Die Sache mit der Wunderpaste mit ihrem Geburtsjahr 1953, um darauf basierend die Unterschiede in der sexuellen Aufklärung damals und heute anzuprangern. Bezüglich der Menstruation beschreibt sie einen Wandel vom Verschweigen zur Vermarktung, spricht von einer Gynäkologin, die beschreibe, dass „blutjunge Mädchen zu ihr [kämen], die vermuteten im falschen Körper geboren zu sein“ und entscheidet sich mit der vermeintlichen Pointe zu schließen „Dita ist jetzt übrigens ein Mann und heißt Dieter“. Transfeindlichkeit als mutmaßlichen Witz zu instrumentalisieren, lässt sich nicht durch einen älteren Jahrgang der Autorin entschuldigen. Chantal-Fleur Sandjon wiederum verwebt in ihrem Beitrag Butterbrote an der Grenze Rassismus und Respectability Politics auf eine so deutliche Art, die folglich derart eindringlich ist, dass sie regelrecht Unbehagen auslöst – sicherlich von der Autorin intendiert. Die Anthologie scheut sich nicht vor sperrigen Texten – in manchen Texten wird das Aushalten belohnt, bei manchen Texten bleibt man frustriert ob ihrer Umsetzung zurück und in wieder anderen Texten findet man sich selbst wieder, fühlt sich angesprochen und gesehen. Die Textsammlung lädt dazu ein, Autorinnen und die Mehrdimensionalität des weiblichen Blutens aus diversen Perspektiven kennenzulernen.

von Michaela Minder

Stefanie Jaksch und Magdalena Stammler (Hg.)
bluten. 15 Stories
Haymon 2025
248 Seiten
24,90 Euro
ISBN 978-3-7099-8242-6

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