„Sie wollte die Auserwählte sein, die mit ihm zurechtkam“
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CW: Blut, Drogenkonsum, Manipulation
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Eigentlich möchte Charlotte gar nicht von Köln nach München ziehen. Und eigentlich würde Charlotte auch viel lieber die Popakademie besuchen oder Musikerin werden. Wäre da nicht diese verheißungsvolle Stellenausschreibung: „Assistenz des Verlegers“ in einem renommierten Münchner Verlag. Die Position klingt gut, sie klingt vernünftig, sie klingt erwachsen und zugleich irgendwie aufregend. Trotz des frühen Hinweises, ihr künftiger Vorgesetzter, der berühmt-berüchtigte Verleger Ugo Maise könne etwas „eigen“ sein, tritt Charlotte schon bald ihre neue Stelle im Verlagshaus an.
Was zunächst nach einem vielversprechenden Neuanfang klingt, entpuppt sich schon bald als ein toxisches Geflecht aus Manipulation und Machtspielen.
Ugo Maise ist exzentrisch, launisch und unberechenbar. Seine Stimmung wechselt rasant, seine Wünsche und Anforderungen sind kaum zu erfüllen. Wankelmütig, ja beinahe manisch schwankt er innerhalb kürzester Zeit zwischen überschwänglichem Lob und systematischer Herabwürdigung. Selbst das von Charlotte akribisch studierte „Manual Maise“, ein Leitfaden früherer Assistentinnen, hilft ihr nur bedingt, ihren Vorgesetzen zu verstehen.
„Charlotte kam sich vor wie Karate Kid, nur, dass sie nicht Karate lernte, sondern die Bändigung eines eigensinnigen Chefs.“
Dennoch finden Charlotte und Maise zueinander und entwickeln eine fragile, eigenartige Balance. Während Charlotte lernt, über die täglichen, spitzen Bemerkungen ihres Chefs hinwegzusehen, taut Maise ihr gegenüber allmählich auf, gewährt Einblicke in sein Privatleben, beginnt sich zunehmend für ihres zu interessieren und überschreitet vorsichtig berufliche Grenzen. Schon bald beschränkt sich der Kontakt nicht mehr auf die Arbeitszeit. Arbeitstermine verlagern sich in Maises Privathaus und die Trennlinie zwischen Beruflichem und Privatem beginnt zu verschwimmen. Begleitet von einem diffusen Unbehagen sucht Charlotte Halt außerhalb des Verlags. Sie flüchtet sich in die Musik, beginnt wieder selbst zu schreiben. Und dann ist da noch dieser Mann, den Charlotte jeden Morgen zufällig am Bahnhof trifft und der ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf geht.
„Glück ist am schönsten, wenn es einen ganz unerwartet trifft.“
Nüchtern und pragmatisch, zugleich aber eindrucksvoll und mitreißend schildert Caroline Wahl hier die ersten Schritte der Protagonistin Charlotte Scharf im Berufsleben. Ganz ohne überzogene dramaturgische Wendungen und künstliche Cliffhanger gelingt es Wahl, ein glaubwürdiges Lebensportrait von Charlotte zu zeichnen. Die Leser*innen werden eingeladen, als stille Beobachter*innen am Alltag Charlottes teilzuhaben, hinter verschlossene Türen zu blicken, vertraulichen Gesprächen ebenso wie tosenden Wutausbrüchen beizuwohnen und die Verlagsassistentin in ihrem Arbeitsalltag zu begleiten. Getragen wird diese Einladung von einem allwissenden Erzähler, der nicht nur durch die Handlung führt, sondern immer wieder süffisant das Geschehen kommentiert und auch mal Ereignisse vorwegnimmt. Diese ungewöhnliche Erzählweise wirkt zu Beginn zwar etwas gewöhnungsbedürftig, fügt sich allerdings nahtlos in das Gesamtsetting des Romans ein und rahmt die Handlung aus einer unerwarteten und zugleich überzeugenden Perspektive.
Wahl konstruiert die besondere Dynamik zwischen Maise und Charlotte auf eine so präzise Art und Weise, dass sich beim Lesen unweigerlich ein Beklemmungsgefühl einstellt. Zwischen Gedanken wie „Wieso lässt Charlotte so mit sich umgehen?“ und „Eigentlich ist Ugo Maise ja sogar ganz freundlich.“ vermischen sich Verständnis, Unbehagen und Ratlosigkeit. Das Beziehungsgeflecht des Verlegers und seiner Assistentin ist jedoch so einnehmend, dass in Charlottes Geschichte kaum Platz für anderes bleibt. So wäre es reizvoll gewesen, tiefer hinter die Fassade der fast perfekten Assistentin blicken zu dürfen und Charlotte auch außerhalb des Verlagskosmos‘ kennenzulernen. Durch diese insgesamt eher eindimensionale Darstellung von Charlottes Leben verschenkt Wahl das Potenzial, die Protagonistin noch nahbarer und ihre Geschichte facettenreicher zu gestalten. Zwar halten die Arbeitstage mit dem cholerischen Vorgesetzten unvorhergesehene Momente bereit, jedoch bewegen sich diese meist zwischen vermeintlich falschen Restaurantreservierungen, fehlenden Taxibuchungen und vergessenen To-Dos. Wirkliche Überraschungen bleiben aus. Charlottes Charakter, der im Laufe des Romans immer mehr zur Musik und zu dem noch unbekannten Mann findet, birgt so viel mehr als nur die Figur der Mitarbeiterin und hätte dadurch Raum für eine deutlich vielschichtigere Erzählung geboten, die über den eng gesteckten Rahmen des Arbeitsalltags hinausgeht.
Die Assistentin überzeugt mit präzisen Beobachtungen, einem erfrischenden Erzählstil und Einblicken in eine sonst verborgene Welt. Doch genau an der Stelle, wo Charlottes Geschichte ihr größtes erzählerisches Potenzial entfalten könnte, bleibt der Roman zurückhaltend.
von Margherita Ragucci

Caroline Wahl
Die Assistentin
Rowohlt 2025
368 Seiten
24,00 Euro
ISBN 978-3498007706
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