„Wer ist hier das Ungeziefer?“
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Diese Frage stellt das WildWuchs Theater mit seiner Inszenierung von Franz Kafkas Die Verwandlung unter der Regie von Frederic Heisig, die am 29.01.2026 Premiere feierte. Gregor Samsas Erwachen ist ein Schockmoment der Literaturgeschichte. Der Mensch findet sich als Ungeziefer wieder und verliert damit jede Selbstverständlichkeit seines Daseins.
Im kleinen Raum des Palais Schrottenberg entsteht eine fast private Wohnzimmeratmosphäre, die Nähe erzwingt. Das Publikum ist dem Geschehen ausgeliefert, kann sich nicht distanzieren. Diese räumliche Enge verstärkt die Absurdität der Situation und macht sie körperlich erfahrbar. Die Nähe lässt die Skurrilität intensiv auf die Zuschauenden wirken und verwandelt das Publikum selbst zum Teil der absurden Welt, die sich auf der Bühne entfaltet. Auf engem Raum gelingt es dem Bühnenbild zudem, mehrere Ebenen zu eröffnen, die dem Stück überraschende räumliche Tiefe verleihen.
Dabei verabschiedet sich das WildWuchs Theater bewusst von einer werkgetreuen Umsetzung. Gregor muss nicht zur Arbeit, sondern ins Theater, eine Verschiebung, die Kafka auf eine Metaebene hebt und die Bühne selbst zum Gegenstand der Verwandlung macht. Die Geschichte wird zur Groteske – überzeichnet, komödiantisch, anzüglich und von bitterem Humor durchzogen. Schleim, Körperlichkeit und Übertreibung ersetzen psychologischen Realismus. Die Absurdität ist hier kein Nebeneffekt, sondern Programm.
Besonders wirkungsvoll ist der Umgang mit der Metapher des „Ungeziefers“. Der Käfer erscheint nicht als monströse Bedrohung, sondern als überraschend sympathische Figur. Gregor (Daniel Reichelt) wirkt sensibel, reflektiert, beinahe menschlicher als die Menschen um ihn herum. Seine Verwandlung legt weniger einen inneren Verfall offen als vielmehr die Kälte und Funktionalität der Familie. Während Gregor zunehmend aus dem gemeinsamen Leben gedrängt wird, klammern sich die anderen an das, was sie Normalität nennen: Arbeit, Ordnung, Anpassung.
Gerade in dieser Verschiebung entfaltet das Stück seine gesellschaftskritische Kraft. Das „Ungeziefer“ wird zur Projektionsfläche für das Abweichende, das Unproduktive, das Störende. Die Familie reagiert nicht aus Angst, sondern aus Pragmatismus. Was keinen Nutzen mehr hat, wird entfernt. Die Absurdität liegt nicht in Gregors Zustand, sondern in der Selbstverständlichkeit, mit der soziale Ausgrenzung vollzogen wird.
Dass diese Themen nicht in Schwere erstarren, ist dem komödiantischen Zugriff der Inszenierung zu verdanken. Der Humor ist grob, manchmal bewusst geschmacklos, doch nie beliebig. Er öffnet den Text, macht ihn zugänglich und legt zugleich seine Grausamkeit frei. Das Ensemble lässt das Publikum gleichermaßen beeindruckt und amüsiert, es wird viel gelacht, besonders über die überraschenden Wendungen und die unvorhersehbare Absurdität des Geschehens. Dennoch bleibt dem Publikum, aufgrund der dechiffrierenden Wirkung des Humors, häufig das Lachen im Hals stecken. Daniel Reichelt, Steven Lüke, Judith Kinitz, Eugeniya Ershova und Ben Gehrig verleihen der Inszenierung durch ihre körperbetonte Spielweise und das bewusste Changieren zwischen Groteske und Ernst ihre Dynamik.
„War er ein Tier, da ihn Musik so ergriff?“
Neben der körperlichen Komik gibt es auch musikalische Momente, die ebenso absurd wie einprägsam sind. Die Musik (Dominik Tremel) verstärkt die Surrealität der Szenen, lässt Lachen und Staunen gleichermaßen aufkommen und verstärkt die kafkaeske Stimmung des Abends.
Das WildWuchs Theater beweist mit dieser Inszenierung Mut zur Überzeichnung und zur klaren Haltung. Die Verwandlung wird nicht museal behandelt, sondern als lebendiger, gegenwärtiger Text verstanden. Am Ende bleibt keine eindeutige Antwort auf die Frage, wer hier das Ungeziefer ist. Doch gerade diese Ungewissheit macht den Abend so wirkungsvoll.
Für ein Stück, das sich Die Verwandlung nennt, findet die entscheidende Verwandlung nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Blick des Publikums statt – die Darbietung des WildWuchs Theaters ist daher ausdrücklich zu empfehlen.
Weitere Vorstellungen finden am 01., 06., 07., 11. sowie am 13. Februar statt. Beginn ist jeweils um 20:00 Uhr.
von Julia Vetter







Fotos: © Aleaxander Roßbach